Warnstreik bei Amazon Leipzig
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

17.04.2019 | 09:52 Uhr Fast sechs Jahre Streik bei Amazon und kein Ende?

Seit Dienstag stehen die Zeichen beim Versandgigant Amazon wieder auf Arbeitskampf. Was fordert die Gewerkschaft und wie sind die Aussichten auf Erfolg? Fragen und Antworten hier.

Warnstreik bei Amazon Leipzig
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Worum geht es den Streikenden?

Die Gewerkschaft Verdi hatte mehrfach erklärt, dass sie für die Beschäftigten eine Bezahlung nach den Tarifbedingungen des Einzel- und Versandhandels verlangt. Der Konzern orientiert sich bisher an der Vergütung in der Logistik-Branche und lehnt Tarifverhandlungen ab. Verdi-Sprecher Jörg Lauenroth-Mago erklärte: "1.013 Euro Weihnachtsgeld, 1.075 Euro Urlaubsgeld, eine 38 Stundenwoche und sechs Wochen Urlaub sind in der Branche üblich." Das ist der Kern eines Tarifvertrags, den Verdi seit Jahren für die Mitarbeiter fordert und der Streit mit Amazon verursacht. Lauenroth-Mago hält Samstagarbeit bei einem Online-Händler für unnötig. "Mittlerweile gilt der Samstag als normaler Arbeitstag. Dadurch erzeugt man das Bedürfnis der Rund-um-die-Uhr-Belieferung. Das ist irrsinnig." Zudem wirft Verdi Amazon vor, dass das Unternehmen versuche, einen großen Teil der Arbeitnehmer systematisch in befristeten Arbeitsverhältnissen zu beschäftigen. Diese hätten somit keine Planungssicherheit.

Amazon konkurriert mit dem Einzelhandel und deswegen sollten die Beschäftigten auch nach dem Tarifvertrag für den Einzel- und Versandhandel bezahlt werden.

Jörg Lauenroth-Mago Gewerkschaft Verdi

Wie reagiert Amazon auf die Forderungen?

Seit sechs Jahren kämpfen die bundesweit rund 16.000 Beschäftigten für bessere Arbeitsbedingungen bei dem Versandhandelsgiganten. Amazon verweigert bislang jegliche Verhandlungen mit Verdi und setzt stattdessen auf Saisonkräfte und nicht organisierte Mitarbeiter. Eine Unternehmenssprecherin sagte: "Am Standort Leipzig verdienen Versandmitarbeiter mit zwei Jahren Betriebszugehörigkeit derzeit einen rechnerischen Jahreslohn von über 30.000 Euro brutto." Zudem seien für den Job des Versandmitarbeiters keine Vorqualifikationen erforderlich.

Das Unternehmen verweist außerdem darauf, dass die Bezahlung Überstundenzuschläge und bei entsprechender Leistung auch Boni beinhalte, ferner würden sie Mitarbeitern eine berufliche Ausbildung und Mitarbeiteraktien anbieten. Man arbeite eng mit Betriebsräten zusammen und biete mit einem Bruttolohn von zehn Euro pro Stunde am Standort Leipzig insbesondere auch für Ungelernte attraktive Einstiegskonditionen, so die Sprecherin.

Man kann auch ohne Tarifvertrag ein fairer und verantwortungsvoller Arbeitgeber sein.

Unternehmenssprecherin Amazon

Was haben die Streiks bisher erreicht?

Im September 2018 wurden die Löhne der Amazon-Mitarbeiter um 2,5 bis 3 Prozent erhöht. Als der Streik begann, lag der Lohn der langfristig Beschäftigten bei 8,40 Euro. Jetzt liegt er bei 12,50 Euro. Verdi-Sprecher Thomas Schneider sieht dies als Motivation, den Arbeitskampf fortzusetzen.

Haben die Streiks Aussicht auf Erfolg?

Das Netz des Online-Händlers in Europa umfasst 28 Standorte in sieben Ländern. Der größte Amazon-Standort in Deutschland liegt im hessischen Bad Hersfeld. Für Kai Hudetz, Geschäftsführer des Kölner Instituts für Handelsforschung, sind die bisherigen Aktionen der Streikenden lediglich „homöopathische Maßnahmen“. Der Versandgigant habe sämtliche Arbeitsprozesse optimiert und reagiere mit Hilfe einer ausgefeilten IT auf die Ausfälle, um die Liefergeschwindigkeit zu garantieren. "Amazon hat sich immer stärker ins benachbarte Ausland orientiert mit immer mehr Logistikzentren", erklärt Hudetz MDR SACHSEN. "Fallen Busse oder Bahnen aufgrund von Streik aus, kommt man nicht ans Ziel. Wird bei Amazon gestreikt, wird die jeweilige Ware eben aus einem anderen Lager geliefert, auch aus Polen und Tschechien." Verdi-Vorsitzender Frank Bsirske sagte jedoch auf einer Streikversammlung in Werne: "Wir geben keine Ruhe, solange es keine Tarifverträge gibt."

Wenn Glatteis ist, juckt uns das weit mehr, als wenn Verdi zum Arbeitskampf aufruft.

Ralf Kleber Manager Amazon Deutschland

Welche Beeinträchtigungen entstehen dadurch für die Kunden?

Um den Konzern zu treffen, streiken die Mitarbeiter bei Amazon seit fünf Jahren vor allem in den Zeiträumen, wo viele Bestellungen eingehen. Das sind etwa die Vorweihnachtszeit, Aktionstage wie der Black Friday oder aktuell kurz vor Ostern. Ein Sprecher des Unternehmens erklärte MDR SACHSEN, es würde sich nur ein geringer Teil der Mitarbeiter an den Streiks beteiligen. Dadurch entstünden keine spürbaren Lieferverzögerungen.

Quelle: MDR/lt

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 16.04.2019 | 06:00 Uhr in den Nachrichten

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Erst verhalten, jetzt umso kraftvoller: die Sängerinnen und Sänger des Hoyerswerdaer Bürgerchores mussten sich erst mit der unverblümten Sprache Gerhard Gundermanns anfreunden, bevor sie dessen Lieder auf die Bühne bringen konnten.
Erst verhalten, jetzt umso kraftvoller: die Sängerinnen und Sänger des Hoyerswerdaer Bürgerchores mussten sich erst mit der unverblümten Sprache Gerhard Gundermanns anfreunden, bevor sie dessen Lieder auf die Bühne bringen konnten. Bildrechte: Kulturfabrik Hoyerswerda/Gernot Menzel

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4 Kommentare

18.04.2019 01:13 Sabrina 4

Die Gewerkschaft ver.di hat die Rentenkürzungen mitgetragen. Die sind doch völlig unglaubwürdig, wenn die so tun, als würden die sich für die Beschäftigten einsetzen

Warum sollte ich jetzt von meiner Armutsrente, die Tarifvorstellungen von ver.di finanzieren?

Außerdem ist es nur Logistik, worauf Amazon zu recht verweist.

Die Lösung wäre, die Tarifverträge in der Logistik an den Einzelhandel anzupassen.
Warum sollten Leute, die in der Logistik hart arbeiten, weniger Geld bekommen als "Ich-hab-da-grad-was-ganz-tolles-für-Sie"-Verkäufer?

17.04.2019 21:00 Paule 3

Die haben sich auf Streiks eingestellt. Streik erspart Anträge auf Kurzarbeit.

17.04.2019 18:33 Dummheit ist leider nicht strafbar 2

Und im nahen Osten freuen sich die Dorfbürgermeister über jede neue flächenfressenden Halle dieser Halsabschneider.

17.04.2019 13:52 jackblack 1

Hauptsache Herr Bezos ist der reichste Mensch der Welt und zahlt kaum Steuern-- Kapitalismus eben !!!

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Erst verhalten, jetzt umso kraftvoller: die Sängerinnen und Sänger des Hoyerswerdaer Bürgerchores mussten sich erst mit der unverblümten Sprache Gerhard Gundermanns anfreunden, bevor sie dessen Lieder auf die Bühne bringen konnten. Bildrechte: Kulturfabrik Hoyerswerda/Gernot Menzel