09.10.2019 | 20:45 Uhr | Update Zehntausende Menschen bei Lichtfest in Leipzig

Leipzig hat 30 Jahre Friedliche Revolution gefeiert und das mit großem Stolz. Das historische Ereignis wurde mit mehreren Großveranstaltungen gewürdigt. Zehntausende Leipziger nahmen am Lichtfest teil. Unter den 1.500 geladenen Gästen beim offiziellen Festakt waren Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und 80 internationale Persönlichkeiten.

Menschen birnen Kerzen im Halbdunkel auf den augustusplatz Leipzig am 9.10.2019.
Tausende Leipziger sind auf den Augustusplatz gekommen, um mit einer Kerze das Lichtfest mitzugestalten. Bildrechte: Tim Wagner

Leipzig hat den 30. Jahrestag der Friedlichen Revolution mit mehreren Großveranstaltungen gewürdigt. Beim Lichtfest in der Innenstadt sind nach Angaben der Veranstalter etwa 75.000 Menschen am Abend über den Stadtring gelaufen, um an die friedliche Demonstration vor 30 Jahren zu erinnern. Auftakt war am Mittwochvormittag ein Festakt im Gewandhaus. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier würdigte den 9. Oktober 1989 als "großen Tag für die deutsche Geschichte". Er sagte allerdings auch, dass er 30 Jahre nach jenem 9. Oktober ein starkes, aber auch ein verunsichertes Land sieht. Er höre Ostdeutsche, die sich unverstanden fühlten, und Westdeutsche, die davon nichts mehr hören wollten.

Wir brauchen die Erfahrungen des Ostens mit Umbruch und Veränderung. [...] Sie ist so unendlich wertvoll, diese Erfahrung. Lasst uns davon etwas mitnehmen in unsere gemeinsame Zukunft.

Frank-Walter Steinmeier Bundespräsident

30 Jahre nach der Wiedervereinigung sei es an der Zeit, dass auch die Geschichte und die Geschichten der Ostdeutschen Teil eines gemeinsamen Wir würden. Die Besonderheiten der Ostdeutschen seien eine Bereicherung für ein vielfältiges Land. Vor diesem Hintergrund verlangte der Bundespräsident einen neuen "Solidarpakt der Wertschätzung" in der Gesellschaft.

Leipzig feiert die Friedliche Revolution Erinnerungen und Mahnung im Licht des Friedens

30 Jahre nach der Friedlichen Revolution wird in Leipzig an die Geschehnisse gedacht. Am Mittag sprach Bundespräsident Steinmeier bei einem Festakt im Gewandhaus

Blick von oben auf den mit tausenden Menschen gefüllten Augustusplatz am 9.10.2019
Am Mittwochabend sind tausende Menschen auf den Leipziger Augustusplatz gekommen. Sie erinnern an die 70.000 DDR-Bürger, die an gleicher Stelle vor 30 Jahren friedlich für Freiheit demonstrierten. Bildrechte: Tim Wagner
Blick von oben auf den mit tausenden Menschen gefüllten Augustusplatz am 9.10.2019
Am Mittwochabend sind tausende Menschen auf den Leipziger Augustusplatz gekommen. Sie erinnern an die 70.000 DDR-Bürger, die an gleicher Stelle vor 30 Jahren friedlich für Freiheit demonstrierten. Bildrechte: Tim Wagner
Am Montag, dem 9. Oktober 1989, findet nach dem Montagsgebet in der Nikolaikirche die historische, friedliche Montagsdemonstration mit über 70.000 Teilnehmern statt. Schweigend und ohne Transparente ging es vom Karl-Marx-Platz um den Leipziger Innenstadtring. Links die Oper, im Hintergrund die Hauptpost mit der Uhr, auf der es ca. 18.50 Uhr ist.
So sah der 9. Oktober 1989 in Leipzig aus, als die Menschen friedlich über den Innenstadtring zogen. Vorher hatten Tausende am Friedensgebet teilgenommen. Dieser 9. Oktober sollte als historischer Tag in die Geschichte eingehen. Bildrechte: dpa
Menschen birnen Kerzen im Halbdunkel auf den augustusplatz Leipzig am 9.10.2019.
Kerzen als Symbol für Frieden wurden in einer Installation abgestellt, die später eine große Zahl "89" symbolisieren wird. Bildrechte: Tim Wagner
beleuchtete Gebäude und Menschen, die Kerzen anzünden
Am ehemaligen Universitätshochhaus strahlt die Jahreszahl '89 in die Nacht und zahlreiche Menschen stellen ihre Kerzen ab, die die Zahl "89" symbolisieren. Bildrechte: Tim Wagner
Menschen, die Kerzen anzünden
Trotz des Regens kamen 75.000 Menschen auf den Augustusplatz. Bildrechte: Tim Wagner
Menschen, die Kerzen anzünden
Das Lichtfest am Abend mit Zehntausenden Teilnehmern wurde von der Gewalttat in Halle überschattet. Leipzigs Oberbürgermeister Jung eröffnete die Veranstaltung auf dem Augustusplatz mit einer Schweigeminute. Bildrechte: Tim Wagner
beleuchtete Kirche
Die Nikolaikirche ist einer der sechs Lichträume, die die Künstlerin Victoria Coeln gestaltet hat. Bildrechte: Tim Wagner
Menschen um Schriftzug 'Leipzig 89' aus Kerzen
Je später der Abend, desto heller leuchtete der Schriftzug "Leipzig '89". Bildrechte: Tim Wagner
Tausende Menschen stehen abends auf dem Augustusplatz und lassen sich auch nicht vom Regen abschrecken am 9.10.2019.
Selbst vom Regen ließen sich die Leipziger am Mittwochabend nicht abhalten und kamen zur Gedenkfeier der Friedlichen Revolution. Bildrechte: Tim Wagner
Eine überdimensionale "89" hängt an der Glasfassade des Gewandhauses.
Leipzig stand am Mittwoch ganz im Zeichen des Revolutionsherbstes 1989. Eine überdimensionale "89" hängt auch an der Fassade des Gewandhauses am Augustusplatz. Bildrechte: dpa
Michael Kretschmer, Elke Büdenbender,  Frank-Walter Steinmeier und Burkhard Jung
Zum Festakt des Freistaates Sachsens und der Stadt Leipzig am Vormittag waren Ministerpräsident Michael Kretschmer (li.), das Ehepaar Elke Büdenbender und Frank-Walter Steinmeier sowie Leipzigs OB Burkhard Jung (re.) pünktlich vor dem Gewandhaus angetreten. Bildrechte: dpa
Festakt im Gewandhaus Leipzig
Volle Ränge beim Festakt, der nicht öffentlich war, aber vom ZDF live aus dem Gewandhaus übertragen wurde. Bildrechte: ZDF
Burkhard Jung (SPD, v.r.), Oberbürgermeister der Stadt Leipzig, seine Ehefrau Ayleena Jung, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seine Ehefrau Elke Büdenbender, Michael Kretschmer (CDU), Ministerpräsident von Sachsen und seine Lebensgefährtin Annett Hofmann nehmen im Gewandhaus Leipzig am Festakt zu 30 Jahren Friedliche Revolution teil
In der ersten Reihe nahmen Ministerpräsident Michael Kretschmer (2.v.l.) und seine Lebensgefährtin Annett Hofmann (links), Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (3.v.r.) und seine Ehefrau Elke Büdenbender (3.v.l.) sowie Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung und seine Ehefrau Ayleena Jung Platz. Bildrechte: dpa
Oberbürgermeister Burkhard Jung beim Festakt 30 Jahre Friedliche Revolution
Der Leipziger Oberbürgermeister Burkhard Jung hielt die Eröffnungsrede beim Festakt. Bildrechte: ZDF
Festakt 30 Jahre Friedliche Revolution
Auch Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer sprach bei der Veranstaltung ... Bildrechte: ZDF
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier beim Festakt 30 Jahre Friedliche Revolution
... bevor Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sprach. In seiner Rede sagte er: "In einer Demokratie gibt es das Volk nur im Plural. Kein
Einzelner und keine Gruppe darf jemals wieder für sich beanspruchen, allein für das selbsternannte wahre Volk zu sprechen."
Bildrechte: ZDF
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OB Jung über "Gänsehautmomente 1989"

Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung bezeichnete in seinem Grußwort die historischen Szenen von der Demonstration am 9. Oktober 1989 als "Gänsehautmomente". Es sei eine äußerst kraftvolle Demonstration gewesen, als die 70.000 Menschen über den Innenstadtring zogen. Leipzig sei eine Stadt der vielen kleinen Freiheiten gewesen, die im Herbst 1989 zur Stadt der großen Freiheit geworden sei. Mit Blick auf die heutige Zeit betonte Jung, dass die Herausforderungen, unsere demokratische Grundordnung zu erhalten, gewaltig seien. Die Menschen müssten dringend wieder miteinander ins Gespräch kommen.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer des traditionellen Friedensgebetes sitzen in der Nikolaikirche Leipzig
In der voll besetzten Nikoalikirche Leipzig wurde an die Friedensgebete 1989 und die Kraft des friedlichen Wortes erinnert. Bildrechte: dpa

Alles ist veränderbar, nichts muss bleiben, wie es ist.

Burkhard Jung Oberbürgermeister von Leipzig

Kretschmer nennt in Rede DDR Unrechtsstaat

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer wiederholte in seiner Rede seine Äußerung, dass die DDR ein Unrechtsstaat gewesen sei. Das müsse auch so ausgesprochen werden, um die Leistungen aus dem Herbst 1989 zu würdigen. Natürlich seien in den vergangenen 30 Jahren Fehler gemacht worden, sagte Kretschmer weiter. Er selbst hätte es beispielsweise gut gefunden, hätte man in den 1990er Jahren eine gemeinsame Verfassung für Deutschland erarbeitet. Für diese Aussage erhielt er viel Beifall im Saal.

Michael Kretschmer, Elke Büdenbender,  Frank-Walter Steinmeier und Burkhard Jung
Bildrechte: dpa

Wir sind die Gewinner der Deutschen Einheit - wir alle, aber die Ostdeutschen noch einmal mehr. Schön dass es so gekommen ist.

Michael Kretschmer Ministerpräsident Sachsen

Den musikalischen Auftakt des Festaktes gestaltete das Gewandhausorchester unter der Leitung von Gewandhauskapellmeister Andris Nelsons mit der Ouvertüre aus "Ein Sommernachtstraum" von Felix Mendelssohn Bartholdy. Im Anschluss wurde die Straße ins Gewandhaus geholt. Noch einmal wurden die geheimen und in den Westen geschmuggelten Filmaufnahmen von Siegbert Schefke und Aram Radomski gezeigt. Jene Szenen, die am 10. Oktober in den Nachrichten von ARD und ZDF liefen und damit der Welt einen Blick nach Leipzig ermöglichten.

Aus aktuellem Anlass: Friedensgebet und Lichtfest nicht abgesagt

Nach den Schüssen in Halle war auch die Leipziger Polizei in erhöhter Alarmbereitschaft und verstärkt worden. Wie Stadtsprecher Matthias Hasberg MDR SACHSEN sagte, fand das Friedensgebet in der Nikolaikirche und das Lichtfest am Abend auf dem Augustusplatz und dem Innenstadtring wie geplant statt. Es hatte keine Hinweise darauf gegeben, dass sich ein Täter im Zusammenhang mit den Schüssen in Halle dem Leipziger Stadtgebiet genähert hatte, sagte Hasberg nach Beratungen der Stadt.

Vor den jüdischen Einrichtungen in Leipzig waren die Sicherheitsvorkehrungen erhöht worden, so Polizeisprecher Alexander Bertram. Die Bundesanwaltschaft hat die Ermittlungen aufgenommen.

Auch Friedensgebet unter Eindruck der tödlichen Angriffe in Halle

Auch das traditionelle Friedensgebet in der Nikolaikirche stand unter dem Eindruck der Schießerei mit mindestens zwei Toten in Leipzigs Nachbarstadt Halle. Nikolaipfarrer Bernhard Stief sagte, die Nachrichten erfüllten ihn mit Angst und Sorge. Dass dies in der Nähe einer Synagoge am jüdischen Versöhnungstag Yom Kippur geschah, lasse böse Ahnungen wach werden. Die Gedanken seien während des Friedensgebetes bei den Opfern und allen, die um Aufklärung bemüht seien.

Der evangelische Leipziger Superintendent Martin Henker würdigte den friedlichen Charakter der Revolution in der DDR. "Es bleibt ein Grund zu großer und tiefer Freude, dass die Diktatur der SED und ihre auf Lüge und Angst gegründete Macht durch Bürgermut und friedliche Aktionen zum Einsturz gebracht wurde." In seiner Predigt rief Henker dazu auf, das 1989 Erreichte nicht zu vergessen. "Wenn Rassisten, Antisemiten und Wahrheitsverdreher sich rühmen, wie groß ihre Akzeptanz inzwischen geworden sei, dann hilft auch Erinnerung". Angst, Lügen und Hass werden laut Henker nicht das letzte Wort haben.

Friedensgebet in der Leipziger Nikolakirche
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wie vor 30 Jahren auch, standen hunderte Menschen vor der Kirche auf dem Nikolaikirchhof und warteten darauf, dass sich die Türen der vollbesetzten Kirche öffneten. Die Besucher bekamen am Ausgang Kerzen in die Hand, um damit später beim Lichtfest den Innenstadtring zu beleuchten. Am Ende des Friedensgebetes erklang erstmals das neue achtstimmige Glockengeläut der Nikolaikirche über der Leipziger Innenstadt.

Tausende Menschen sind auf den Leipziger augustsplatz am 9.10.2019 gekommen und halten Kerzen in den Händen.
Bildrechte: Tim Wagner

Kerzen und Schweigeminute beim Lichtfest

Tausende Leipziger haben sich auf dem Augustusplatz versammelt und stellten Kerzen als Symbol für Frieden und Freiheit auf dem Platz ab. Aus den vielen einzelnen Kerzen soll eine große leuchtende Zahl "89" entstehen. Das Lichtfest begann mit einer Schweigeminute für die Opfer der Schießerei in Halle. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier rief zur Solidarität mit den jüdischen Menschen in Deutschland auf. In Halle sei passiert, was in Deutschland unvorstellbar schien, meinte er. "Lassen Sie uns Solidarität zeigen mit den jüdischen Menschen in diesem Land", sagte er unter Beifall von mehreren tausend Menschen.

Die Botschaft von 1989, die damals lautete 'Wir stehen zusammen gegen Gewalt', ist immer noch aktuell.

Frank-Walter Steinmeier Bundespräsident

Auch die Thomaskirche hatte zu einem Friedensgebet eingeladen. Die Ansprache wird der Theologe Friedrich Schorlemmer halten, die musikalische Gestaltung übernimmt der Thomanerchor.

Leipziger stellen ihre Kerzen auf ein Podest, das später als leuchtende große 89 in der Nacht leuchten soll am 9.10.2019.
Bildrechte: Tim Wagner

Gysi bei Gedenkkonzert der Leipziger Philharmoniker

Der Linken-Politiker und letzte Vorsitzende der SED, Gregor Gysi, würdigte mit Blick auf die Friedliche Revolution die historische Leistung der Ostdeutschen. Ihre Verdienste müssten "endlich angemessen gewürdigt werden", sagte er während des ausverkauften Gedenkkonzerts der Leipziger Philharmoniker in der Peterskirche am Mittwochabend. Sowohl der Verzicht der Sicherheitskräfte auf Gewalt als auch die Friedfertigkeit der Demonstranten habe dazu beigetragen, dass der Umbruch friedlich verlief, meinte Gysi. Gegen den Auftritt des Linkenpolitikers h atten Wochen vorher Bürgerrechtler und kirchliche Vertretern heftig protestiert. Gysi habe als letzter SED-Chef versucht, die Revolution und die Deutsche Einheit zu verhindern.

Quelle: MDR/gg/kk

Dieses Thema im Programm ganztägig im MDR-Programm

Zuletzt aktualisiert: 09. Oktober 2019, 20:45 Uhr

28 Kommentare

Heimatloser vor 5 Wochen

@Der Beobachter,
die "Wiedervereinigung über und durch die D-Mark war ein großes
Verbrechen der Politiker der BRD und der damals "freigewählten Volkskam-
mer der DDR (Blockflöten).

Heimatloser vor 5 Wochen

@Maria A.
aber ohne eine echte Demokratie kann es keine friedliche Revolution geben.
Ja,und nach dem scheuslichen Verbrechen habe ich noch mehr Angst um mei-
ne (unsere )Kinder und Enkel!

Bernd1951 vor 5 Wochen

Zu meiner Entschuldigung:
Der Wahn von der Wandlungsfähigkeit der CDU in Sachsen währte nur kurz, Michael Kretschmer hat ihn mit seinen Worten beendet.

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