Choreografie von Chemie Leipzig Fans
Kriminell oder einfach nur Fußballfan? Gegen Teile der Anhänger von Fünftligist BSG Chemie Leipzig wurde wegen des Verdachts der Gründung einer kriminellen Vereinigung ermittelt. Zahlreiche Telefonverbindungen wurden überwacht - ergebnislos. Bildrechte: Picture Point

Interview Rechtshilfekollektiv von Chemie Leipzig kritisiert Abhöraktion

Im Juli wurde bekannt, dass sächsische Behörden zahlreiche Telefonanschlüsse von Anhängern der BSG Chemie Leipzig überwacht haben. Auch Journalisten und Anwälte wurden abgehört. Es stand der Verdacht der Gründung einer kriminellen Vereinigung im Raum. Die Ermittlungen wurden ergebnislos eingestellt. MDR SACHSEN hat mit dem Rechtshilfekollektiv der Ultrasszene gesprochen.

Choreografie von Chemie Leipzig Fans
Kriminell oder einfach nur Fußballfan? Gegen Teile der Anhänger von Fünftligist BSG Chemie Leipzig wurde wegen des Verdachts der Gründung einer kriminellen Vereinigung ermittelt. Zahlreiche Telefonverbindungen wurden überwacht - ergebnislos. Bildrechte: Picture Point

Bereits zum zweiten Mal haben Behörden Teile der Fanszene von Chemie Leipzig abgehört. Dieses Mal wurden dabei auch Hunderte Dritte abgehört. Wie haben Sie von den Ermittlungen erfahren?

Heinz Hermann*: Die ehemals Beschuldigten wurde per Brief darüber informiert, dass ein Verfahren wegen der Bildung einer kriminellen Vereinigung gegen sie eingestellt wurde. Es handelte sich dabei um 24 Personen aus der Fanszene unseres Vereins. Von den über 900 Drittbetroffenen wurden laut einer Kleinen Anfrage von MdL Valentin Lippmann knapp die Hälfte darüber informiert, dass sie im Zuge einer Ermittlung auch mit überwacht wurden.

Welche Ziele vermuten Sie hinter den Ermittlungen?

Schwierig zu sagen, was hinter den Ermittlungen steckt. Laut LKA sollten im ersten Verfahren Straftaten aufgedeckt werden, die gegen Personen aus dem rechten Spektrum begangen worden sein sollen. Hier wurde im Laufe der Ermittlungen der Fokus auf die Fanszene von Chemie gerichtet. Dem zweiten Verfahren lagen Straftaten zugrunde, die angeblich in zeitlicher und örtlicher Nähe zu Chemie-Spielen standen. Wir glauben jedoch, dass es gar nicht so sehr darum geht, konkrete Straftaten aufzuklären, sondern darum, wahllos Strukturen der Fanszene zu ermitteln: deren Mitglieder, deren Kommunikationswege und deren Engagement. Natürlich empfinden wir das als eine Form der Kriminalisierung und institutionellen Einschüchterung. Letztlich haben die Ermittlungen aber genau das Gegenteil bewirkt – einen großen Zusammenhalt und eine gesellschaftliche Debatte darüber, was der Staat darf und was nicht.

Das Innenministerium begründet die Ermittlungen mit einer Vielzahl von potenziellen Straftaten, an denen Chemie-Fans beteiligt gewesen sein sollen. Wie beurteilen Sie diese Begründung?

Wer den Fußballalltag von rivalisierenden Fanszenen kennt, weiß, dass es nicht einfach ist ganz konfliktfrei durch die Spieltage zu kommen. Im Fußball ist es nie ganz auszuschließen, dass es dort zu Reibereien und Straftaten kommt. Das kann man durchaus auch an uns kritisieren. In der Antwort des SMI auf eine Kleine Anfrage im Landtag wird z.B. die Gegenwehr von Chemie-Fans gegen einen Angriff von Hooligans und Nazis als Straftat gewertet. Die Hintergründe werden leider nicht beleuchtet, sondern die Vorfälle zum Anlass genommen, um die Ermittlungen zu begründen. Die ganzen Ermittlungen bekommen dadurch auch eine ideologische Komponente.

Rechtshilfekollektiv Das Rechtshilfekollektiv ist ein Zusammenschluss von Chemiefans, das sich 2014 gegründet hat. Es unterstützt nach eigenen Angaben Chemie-Fans, die sich in einem Konflikt mit der Polizei oder anderen Behörden befinden.

Was erwarten Sie von den Behörden jetzt?

Mittlerweile gar nicht mehr so viel. Die Generalstaatsanwaltschaft in Dresden wertet ja die Tatsache, dass die Ermittlungen zu nichts geführt haben, als Erfolg. Wir würden uns wünschen, dass die Behörden anerkennen, dass die Aktion starke Einschnitte ins Private und das Persönlichkeitsrecht waren und dass sie einfach viel zu weit gingen. Eine Selbstkritik der Ermittler und Staatsanwälte wäre sicher angebracht, auch eine Diskussion über die Verhältnismäßigkeit von Straftatverfolgung und Grundrechtseingriffen. Aber ich denke nicht, dass wir da etwas zu erwarten haben.

Wie würden Sie das Verhältnis der Fans zur Polizei beschreiben?

Wir versuchen, die Polizei, soweit es geht, zu meiden. Durch die Präsenz der Polizei fühlen sich viele Fans nicht wohl und in ihrer Freiheit, ungehindert ein Fußballspiel zu schauen, eingeschränkt. Wir legen nicht die Hand dafür ins Feuer, dass sich jeder Fußballfan korrekt verhält. Aber je mehr Polizei da ist, je repressiver sie agiert, desto öfter eskalieren die Situationen. Deshalb versuchen wir, uns von der Polizei fernzuhalten.

Es gibt aber auch gute Erfahrungen. In Zorbau (Anm. d. Red.: erstes Auswärtsspiel der aktuellen Saison) hat sich die komplett zurückgehalten. Es war ein sehr friedliches und angenehmes Spiel. Auch in Jena wurden wir freundlich begrüßt. Selbst in Berlin und München gab es keine Probleme. Das liegt aber auch immer an der Einsatzleitung, deren Fingerspitzengefühl und deren Kenntnis über die jugendkulturellen Besonderheiten der Ultras. In Sachsen ist das Verhältnis prinzipiell angespannt.

Sie haben im Anschluss an die Abhöraktion die Kampagne "129 Freunde" ins Leben gerufen. Was versprechen Sie sich davon?

Die Kampagne ist von den Betroffenen initiiert worden, um auf das Vorgehen der Behörden aufmerksam zu machen. Aus Fußballfans und deren sicherlich nicht immer ganz gesellschaftskonformen Alltag wird eine kriminelle Vereinigung gemacht. Die Fan-Gruppen wurden jedoch nicht gegründet, um Straftaten zu begehen, sondern um gemeinsam zu Fußballspielen zu fahren und unseren Verein zu unterstützen. Die Kampagne "129 Freunde" hat einen aufklärerischen Auftrag, der von der Forderung nach Transparenz und Datenschutz bis hin zu einer Diskussion um Grundrechte im Fußballkontext reicht.

Fans der BSG Chemie
Die Fans von Chemie Leipzig bezahlen etwaige Strafen für das Abbrennen von Pyrotechnik selbst. Bildrechte: Picture Point

Die Dimension der Ermittlungen hat jetzt bereits zum zweiten Mal eine Tragweite entwickelt. Geführt haben sie zu nichts.

Ja, das muss man so klar sagen. Wir versuchen derzeit Netzwerke über den Fußball hinaus zu errichten, um auch parlamentarische Vertreter oder beispielsweise NGOs aus der Zivilgesellschaft erreichen zu können. Wir als Gruppe haben gar nicht so eine Reichweite, um in Landtagsausschüsse zu kommen. Das überschreitet unsere Möglichkeiten. Wir setzen auf die Unterstützung durch eine kritische Öffentlichkeit. Zusätzlich wollen wir über die ermittlungstechnischen Vorgänge informieren. Die Empörung, die uns angesichts der 100.000 Seiten Abhörprotokollen umtreibt, ist durchaus echt.

Welche Rolle spielen Sie als Ultras für den Verein?

Chemie Leipzig ist in dem Zusammenhang schon sehr besonders. Wir pflegen einen guten Kontakt in die Vorstands- und Aufsichtsratgremien und haben an bestimmten Punkten durchaus ein Mitspracherecht bei Entscheidungen, die den Verein betreffen. Unser Stadionsprecher kommt aus der Fanszene. Und wir zahlen Strafen beispielsweise für das Abbrennen von Pyrotechnik selber. Die Ultrasszene ist gesellschaftskritisch und engagiert: Antirassismus im Stadion ist ebenso ein Standard wie Unterstützung von geflüchteten Jugendlichen. Im Moment macht sich die Szene auch gegen den Entwurf des neuen sächsischen Polizeigesetzes stark.

*Name von der Redaktion geändert

Quelle: MDR/mar

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 22.08.2018 | 18:40 Uhr

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Zuletzt aktualisiert: 25. August 2018, 10:50 Uhr

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5 Kommentare

26.08.2018 18:54 nur mal so 5

Rechtshilfekollektiv ist fast wie antifaschistische Aktivisten, beides Blödsinn

26.08.2018 09:34 Menthox 4

Wer weiss, wie viele Connewitzer Gewalttäter sich bei Chemie in den Fanblöcken tummeln. Es wird schon einen Grund haben, diese Leute im Focus zu behalten.

25.08.2018 21:58 Blumenfreund 3

Na und, wir werden jeden Tag von zig Überwachungskameras gefilmt.
Das Wort Rechtshilfekollektiv ist auch sehr lustig

25.08.2018 15:42 Krause - "lieber nackt als rechtsextremistisch!" 2

Na, mal gut, daß das LKA Sachsen sonst eher durch vorbildliches Handeln in den Fokus gerät...

25.08.2018 14:04 Klara Morgenrot 1

Sachsen-Stasi hat 100.000 Seiten Abhörprotokolle gesammelt aber nicht wie in der NSU-Sache geschreddert! Dann einen LKA-Mann mit Deutschlandhut der sich einbildet er sei von der NSA Saxonia der Chef. Einbildung ist auch eine Bildung.
1934 oder 1984 oder 2018!
Kritische Öffentlichkeit?
Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant!
Das sind die deutschen Whistleblower...

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