04.07.2020 | 13:58 Uhr Landkreis Leipzig: Deutlich mehr Hinweise zu Kindeswohlgefährdung

Das Jugendamt im Landkreis Leipzig hat seit Februar dieses Jahres eine Stelle, die sich einzig mit Hinweisen zu Kindeswohlgefährdungen beschäftigt. Die Folge: Deutlich mehr Meldungen sind eingegangen. Doch nicht immer besteht eine Gefahr - oft könnten auch Gespräche helfen, die Situation in den Familien zu entspannen.

Ein junges Mädchen, vor einem Bett auf dem Boden hockend, hält schützend die Hände vor sich
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Schläge, Tritte, Erniedrigungen - so sieht der Alltag für einige Kinder in ihren Familien aus. Für die meisten Erwachsenen ist es völlig unbegreiflich, wie Eltern sich so vergessen und ihrem Kind Schaden zufügen können. Doch es gibt diese Fälle - Annette Vetten, Leiterin des Jugendamtes im Landkreis Leipzig, hat sie regelmäßig auf dem Tisch. Im vergangenen Jahr hatte sich das Jugendamt um rund 400 Fälle gekümmert. Doch nun sind es deutlich mehr geworden.

"Die Zahl hat uns erschrocken"

Im ersten Halbjahr 2020 seien es bereits rund 600 Fälle, erklärt Vetten: "Die Zahl hat uns dann schon erschrocken. Und die kommt dadurch zustande, dass wir seit Februar dieses Jahres die Stelle Kindeswohl-Koordination eingerichtet haben. Es gibt eine eigene Telefonnummer, eine eigene E-Mail-Adresse, wo sich wirklich alle, die sich Sorgen machen, hinwenden können." So sei es leichter, wenn jeder wisse, dass es im Jugendamt einen konkreten Ansprechpartner gibt. Freunde oder die Kinder selbst, würden so schneller den Schritt wagen, weil sie sich ernstgenommen fühlten.

Entwicklungs- oder Kindeswohlgefährdung?

Schatten von Händen einer erwachsenen Person und dem Kopf eines Kindes sind an einer Wand eines Zimmers zu sehen.
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Jeder Fall werde bearbeitet, betont Vetten. Sobald eine Meldung eingehe, werde sie von einer Mitarbeiterin aufgenommen und priorisiert: "Das heißt, wir gucken: Ist es tatsächlich eine Kindeswohlgefährdung, wo wir sofort handeln müssen, vielleicht auch mit Polizei? Oder es ist eine Entwicklungsgefährdung - und wir könnten den Eltern ein Beratungsgespräch anbieten?" Oft gehe es um das Fernbleiben von der Schule oder wenn vereinbarte Umgangsregelung mit einem Elternteil nicht eingehalten werden. "Aber das sind halt keine Fälle, wo man innerhalb von 24 Stunden oder sofort tätig werden muss."

Ganz anders sehe das bei körperlicher Misshandlung aus, denn dann gehe es um eine konkrete Gefahr für Leben und Gesundheit der Kinder. "Wenn keine gewaltfreie Erziehung vollzogen wird, also körperliche Bestrafung, Schläge, Tritte - das ist eine Gefahr für die Gesundheit des Kindes", meint Vetten. Sie stellt aber auch klar: Seelische Unversehrtheit ist genauso wichtig. Werde ein Kind ständig angeschrien, eingesperrt, klein gemacht, dann gehe das so nicht.

Missbrauch der Stelle

Die Jugendamtsleiterin weiß auch von Fällen zu berichten, in denen die Kindeswohlstelle für persönliche Rachefeldzüge missbraucht wird: "Natürlich sind auch einige Fake-Meldungen dabei. Es gibt Menschen, die sich untereinander nichts Gutes möchten und die dann Eltern anzeigen, obwohl gar nichts vorliegt. Trotzdem muss man diesem Fall nachgehen. Das ist dann aber sehr schnell beendet und er kann zu den Akten gelegt werden."

Mehr Zulauf durch Corona?

Kinderrucksäcke hängen im Eingangsbereich in einem Kindergarten
Die Kita als sicherer Ort: In einigen Familien hat die Notbetreuung der Kinder am Anfang der Corona-Pandemie bereits geholfen, Spannungen aus der Familie zu nehmen. Bildrechte: dpa

Immer wieder berichten Jugendämter und Sozialarbeiter, dass in einer Zeit, in der die Öffentlichkeit ruht, unbemerkt Schlimmes passieren kann. Die Befürchtungen waren also groß, dass vor allem Kinder unter den Corona-Kontaktbeschränkungen vor einigen Wochen gelitten haben.

Die Jugendamtsleiterin kann zumindest bestätigen, dass die Meldungen spürbar abgenommen haben - vor allem durch den fehlenden Kontakt in Schule und Kita: "Wenn Meldungen eingegangen sind, kamen sie von Nachbarn oder von Familienangehörigen. Aber die sozialpädagogischen Familienhelferinnen haben uns auch Meldungen zukommen lassen, weil sie über verschiedene Kommunikationswege im Kontakt mit den Familien geblieben sind." Oft hätte es gereicht, die betroffenen Kinder in die Notbetreuung zu geben.

Kindeswohl-Stelle im Landkreis Leipzig Telefon: 0151 264 087 76

E-Mail: kindeswohlgefaehrdung@lk-l.de

Quelle: MDR/kp

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 03.07.2020 | 16:30 Uhr im Regionalreport aus dem Studio Leipzig

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