MDR/Christopher Gaube
Bildrechte: MDR/Christopher Gaube

16.05.2019 | 17:36 Marx und die Druckmetropole - Warum "Das Kapital" in Leipzig gedruckt wurde

In dieser Woche wurde eine Skulptur enthüllt, die an den Erstdruck von Karl Marx' Buch "Das Kapital" in Leipzig erinnern soll. Zu seiner Zeit eine besondere technische Herausforderung, was für die Druck- und Verlagsstadt sprach. Das Museum für Druckkunst hat uns interessante Einblicke in die Geschichte hinter der Skulptur gegeben.

MDR/Christopher Gaube
Bildrechte: MDR/Christopher Gaube

Es gibt sie noch, die alten Druck- und Verlagsgebäude in Leipzig. Einst prunkvolle und wuchtige Gebäude, die zur Blütezeit des Buchdrucks aus dem Boden geschossen sind. Einige dieser Häuser wurden inzwischen saniert und zu großzügigen Wohnungen umgebaut, in anderen haben sich Künstler eingerichtet. Von vielen Druckerein fehlt heute allerdings jede Spur. Sie wurden abgerissen, überbaut, vergessen. So wie in der Nürnberger Straße, Ecke Brüderstraße unweit des Uniklinikums. Hier stand einst die Druckerei Guido Albert Reusche. An sie und ihre besondere Geschichte erinnert seit einigen Tagen eine moderne Skulptur.

Kunstobjekt erinnert an Druckereistandort

Eine Edelstahl-Skulptur hängt an einer Hauswand. Es ist ein Bücherstapel, aus dem drei Bücher herausragen. Sie symbolisieren die drei Ausgaben von Marx Kapital.
Die Skulptur hängt an der Hauswand eines Studentenwohnheims in der Nürnberger Straße. Bildrechte: MDR/Christopher Gaube

Dort, kurz vor dem Eingang zum Leipziger Studentenkeller (StuK), hängt sie in zwei bis drei Metern Höhe. Es ist ein Bücherstapel aus Edelstahl, dazwischen sind drei dicke Wälzer, die nach links verschoben sind. Der Leipziger Künstler Philipp Fritsche hat das Kunstobjekt geschaffen, welches an die Druckerei Reusche erinnern soll. Die drei verschobenen Bücher stehen für die drei Bände, die Karl Marx' Werk "Das Kapital" insgesamt umfasst. Band 2, "Das Kapital. Kritik der politischen Oekonomie", wurde im Juli 1885 genau hier gedruckt. Deshalb ist auch das mittige Buch ein Stück weiter verschoben, als die anderen beiden. Nach links versteht sich.

Die Leipziger Stadtratsfraktion der Linken gab 2017 den entscheidenden Impuls für das Kunstobjekt. Anlass war der 150. Jahrestag des Erscheinens von Band 1. Nachdem der Kulturausschuss des Stadtrates seine Zustimmung gegeben hatte, wurden Spenden gesammelt. Insgesamt kamen rund 5.500 Euro zusammen, die in das Edelstahlobjekt investiert wurden.

Die (einstige) Verlags- und Druckmetropole Leipzig

"Otto Meisner, ein Hamburger Verleger, hat sich dafür entschieden, alle drei Bände in Leipzig drucken zu lassen", sagt Sara Oslislo, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Museums für Druckkunst. "Er hätte sich natürlich viele Wege sparen können und das Buch in seiner Stadt herstellen lassen können. Er wusste aber, dass ein Buch von diesem Umfang Erfahrung, Leistungsfähigkeit und eine gute Infrastruktur benötigte." Dass sich Meisner für Leipzig entschieden hat, hebe hervor, dass die Stadt seinerzeit die Druck- und Verlagsmetropole im Osten war.

Leistung war tatsächlich notwendig, denn schon der erste Band umfasste etwa 800 Seiten. "Da kam Leipzig zugute, dass man hier die ersten dampfbetriebenen Druckmaschinen einsetzte", so Oslislo. Damit konnten schon Ende des 19. Jahrhunderts bis zu 1.500 Bogen pro Stunde bedruckt werden. Das sind etwa A2-große Papierbögen, auf denen 16 Buchseiten Platz gefunden haben. Vorn und hinten bedruckt. Eine Stoppzylindermaschine, wie sie damals genutzt wurde, kann man noch heute im Museum für Druckkunst besichtigen. Die dortige Maschine ist übrigens eine kleine Berühmtheit, schließlich ist sie auch in den letzten Einstellungen des Films "Der junge Karl Marx" zu sehen.

Eine Stoppzylindermaschine steht im Museum für Druckkunst in Leipzig.
Eine Stoppzylindermaschine im Museum für Druckkunst. Auf ähnlichen Maschinen wurde "Das Kapital" Ende des 19. Jahrhunderts in Leipzig gedruckt. Bildrechte: MDR/Christopher Gaube

1,9 Millionen Lettern pro Band

Bevor jedoch gedruckt werden konnte, mussten gleich mehrere Schriftsetzer monatelang kleinste Lettern zusammenfügen. "Die Mitarbeiter mussten sich erst einmal in die Handschrift von Karl Marx einarbeiten, da die nämlich schlecht leserlich war", sagt Oslislo. In fast 2.000 Arbeitsstunden wurden rund 1,9 Millionen Lettern gesetzt. Eine Friemelarbeit, wie die wissenschaftliche Mitarbeiterin betont, da wegen des Buchumfangs auch noch besonders kleine Zeichen verwendet wurden. "Da zeigt sich, welche Leistung die Leipziger Setzer vollbracht haben, und, dass sie auch für solch umfangreiche Arbeiten ausgebildet waren."

Wer einmal eine kleine Zeitreise unternehmen will, der kann sich im Museum für Druckkunst selbst als Setzer versuchen und eigene kleine Texte drucken. Anfassen und Ausprobieren ist ausdrücklich erlaubt.

Quelle: MDR/cg

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 14.05.2019 | 10:30 Uhr in den Regionalnachrichten aus dem Studio Leipzig

AKTUELLES AUS SACHSEN

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

1 Kommentar

17.05.2019 02:58 Klaus Schubert 1

Er wollte Alle reich? machen hat aber GOTT SEI DANK versagt

Mehr aus Leipzig, dem Leipziger Land und Halle

Mehr aus Sachsen

Meldung auf einem Blatt Papier - Der Führer Adolf Hitler ist tot. + Video
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK