05.11.2019 | 12:49 Uhr 600.000 Leipziger: Welche Folgen hat das für die Stadt?

Zum vierten Mal in seiner Geschichte knackt Leipzig die 600.000 Einwohner-Marke. Doch was bedeutet es für eine Stadt, wenn so viele Menschen in ihr leben. Welchen Einfluss hat es auf Verkehr, Wohnen und Wirtschaft? Klicken Sie sich einfach durch die verschiedenen Themenbereiche.

Passanten gehen durch die Fußgängerzone in Leipzig (Sachsen).
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Kitas und Schulen: Leipzig muss immer noch enorm aufholen

Unterricht in einer Grundschule
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Eines der drängendsten Themen der letzten Jahre ist die Kinderbetreuung. Junge Eltern müssen sich schon frühzeitig anmelden, um für den Nachwuchs überhaupt einen Kita-Platz zu bekommen. In vielen Fällen bleibt nur der Gang zur Tagesmutter. Inzwischen gibt es in Leipzig rund 260 Kindertagesstätten in öffentlicher und freier Trägerschaft. Seit Anfang 2017, dem vermeintlichen Höhepunkt der Kita-Krise, sind 25 Einrichtungen neu- oder ausgebaut worden. 17 weitere sollen bis Ende kommenden Jahres fertiggestellt werden.

"Das ist eine Aufholjagd, bei der man nur hoffen kann, dass durch die Verflachung des Wachstums eine gewisse Verbesserung der Lage eintritt", sagt Tim Tröger vom unabhängigen Planungsbüro Stadtlabor. Denn aktuell wächst die Bevölkerung in Leipzig nicht mehr so stark, wie zunächst prognostiziert. An den Kitaplatz-Mangel von heute schließt sich allerdings unweigerlich ein zweites Problem an: die Schule.

Bis 2030 werden rund 35 weitere Schulen benötigt

Bis zum Jahr 2030 wird die Schülerzahl im Stadtgebiet nämlich um rund 21.000 steigen. Zum Vergleich: Derzeit hat Leipzig etwa 51.000 Schüler. "Um diesen zusätzlichen Bedarf zu decken, wären 16 Grundschulen, 7 Oberschulen und 12 Gymnasien nötig", erklärt Prof. Dieter Rink, Stadtsoziologe am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ). "Das ist sehr viel, was die Stadt hier in den nächsten Jahren bauen muss."


Nahverkehr: "Stehen die Pendler im Stau, stehen auch wir im Stau"

Verkehr in Leipzig
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Während die Einwohnerzahl Leipzigs relativ dynamisch ist, verändert sich eines nur langsam: die Infrastruktur. Das merken die Leipziger und Tausende Pendler aus dem Umland, wenn der Berufsverkehr mal wieder zur Geduldsprobe wird. Egal ob aus dem Süden oder von Ost nach West, häufig müssen Autofahrer lange Staus in Kauf nehmen. Hinzu kommen zahlreiche Verkehrsänderungen im Sinne der Luftreinhaltung. Radfahrer hingegen beklagen sich über fehlende oder zugeparkte Radwege. Eine Alternative sind die Öffentlichen, also Bus und Bahn. Merkt man auch dort, dass Leipzig wächst?

"Das spüren wir im Betrieb tagtäglich. Nicht nur, dass unsere Fahrzeuge voller geworden sind, wir sind auch instabiler unterwegs", erklärt Marc Backhaus, Sprecher der Leipziger Verkehrsbetriebe. "In Spitzenzeiten, also wenn der Berufsverkehr einsetzt, stehen wir mit unseren Fahrzeugen mit im Stau und können den Fahrplan teilweise nicht mehr halten." Das seien eben die negativen Auswirkungen des Wachstums. Nicht nur im Sinne des städtischen Mobilitätskonzepts 2030 plane man deshalb den Aus- und Umbau des Leipziger Nahverkehrsnetzes.

Breitere Fahrzeuge und neue Strecken

Bereits in den 1990er-Jahren sei deshalb entschieden worden, dass das Straßenbahnnetz für 2,40 Meter breite Straßenbahnen umgebaut wird. Bei jeder Baumaßnahme im Stadtgebiet werden die Gleise deshalb ein wenig weiter auseinander gezogen, sagt Backhaus. Ist das Netz umgebaut, würden breitere Straßenbahnen eingesetzt, die rund ein Viertel mehr Steh- und Sitzplätze umfassen.

Darüber hinaus schauten die Leipziger Verkehrsbetriebe auch, wo neue Strecken sinnvoll werden könnten. "Ab Mitte der 2020er-Jahre sind dann auch Netzinvestitionen notwendig, wie zum Beispiel eine Tangentenverlängerung zur Herzklinik, eine Trassenverlegung in Mockau oder die sogenannte Süd-Sehne zwischen Adler und S-Bahnhof MDR", so Backhaus. Die Planungen seien allerdings langwierig und die tatsächliche Umsetzung letztlich von vielen Faktoren abhängig.


Wohnen: volle Stadtviertel und zu wenige bezahlbare Neubauten

Knackpunkt Wohnungsmarkt: Je mehr Menschen nach Leipzig kommen, umso enger wird es in der Stadt. Sichtbar wird das am stark gesunkenen Wohnungsleerstand. Stand 2012 war noch jede zehnte Wohnung leer, im Jahr 2017 war es nur noch jede 25. Wohnung. "Geht man von der alten Bevölkerungsprognose aus, dass bis 2030 ungefähr 700.000 Einwohner in Leipzig leben werden, dann müssten pro Jahr 4.000 bis 5.000 Wohnungen neu gebaut werden", sagt Stadtsoziologe Prof. Dieter Renk vom UFZ. Es seien im vergangenen Jahr aber gerade einmal 2.000 Wohnungen gebaut worden. "Selbst wenn die Bevölkerungsentwicklung deutlich geringer ausfällt, reichen die neugebauten Wohnungen nicht aus."

Außerdem kritisiert der Wissenschaftler, dass die Neubauten ohnehin nur im höherpreisigen Segment liegen. Das übersteige die normale oder mittlere Zahlungskraft der Leipziger. Überhaupt müssten die Leipziger mit steigenden Mieten rechnen, vor allem in den angesagten Bezirken. "Der Zuzug geht vor allem in die gründerzeitliche Innenstadt", sagt Renk. "Stadtrandlagen oder Plattenbaugebiete haben bisher nur wenig vom Bevölkerungszuwachs profitiert." Populäre Bezirke wie etwa Schleußig seien inzwischen sogar voll.


Wirtschaft: Leipziger Unternehmen sind gut dran

BMW-Mitarbeiter arbeiten in der Produktion des BMW i8 im BMW Werk Leipzig.
Die Automobilbranche ist ein wichtiger Wirtschaftszweig in Leipzig. Porsche und BMW investieren Millionen in die Leipziger Standorte. Bildrechte: dpa

Ein Blick in den städtischen Wirtschaftsbericht 2019 sollte positiv stimmen. Die Stadt setzt die wirtschaftliche Entwicklung unter die Überschrift "Qualitätsvolles Wachstum". Damit ist selbstverständlich auch der Bevölkerungszuwachs gemeint, seit 2005 sind immerhin rund 110.000 Menschen. Aber auch andere Kennziffern sprechen dafür: Lag die Arbeitslosenquote 2005 noch bei durchschnittlich 21,5 Prozent, lag sie im Oktober 2019 nur noch bei 6,1 Prozent. Allein in den vergangenen drei Jahren sind laut Wirtschaftsbericht in Leipzig rund 20.000 Arbeitsplätze entstanden.

"Mit dem Zuzug kommen neue, meist gut ausgebildete und in der Wirtschaft dringend benötigte Fach- und Arbeitskräfte in die Stadt", sagt Kristian Kirpal, Präsident der Industrie- und Handelskammer zu Leipzig. "Dies erhöht die Attraktivität als Wirtschaftsstandort insgesamt." Hinzu kommt: Mehr Einwohner steigerten auch die Nachfrage in Handel und Dienstleistung, was die Geschäftsaussichten vieler Unternehmen verbessere.

Leipzig muss die Wachstumsprobleme überwinden

Kirpal hofft, dass Leipzig in den kommenden Jahren Probleme mit Infrastruktur, Nahverkehr, Kita und Schulen in den Griff bekommt.

Von einer Stadt, die ständig im Stau steht, in der Betreuungsplätze fehlen, wo bezahlbarer Wohnraum in Teilbereichen knapp wird, gehen weniger Ausstrahleffekte aus.

Kristian Kirpal Präsident der IHK zu Leipzig

Deshalb begrüße er, dass die Stadt mit einem milliardenschweren Investitionsprogramm gegensteuern will. Dabei solle man im Rathaus nicht die Verkehrsanbindung ins Umland vergessen, damit die Menschen in der Region vom Wachstumszentrum Leipzig profitieren können.


Ärztliche Versorgung: Leipzig ist momentan überversorgt

Ein Medizinstudent hält in der Charité in Berlin ein Stethoskop in der Hand.
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Wer einen Termin beim Facharzt braucht, hat vielleicht einen anderen Eindruck, aber laut Planung der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen gibt es in Leipzig mehr Medziner, als eigentlich benötigt. Das sogar in allen Bereichen. So gibt es 381 volle Hausarztstellen und damit rund 33 mehr, als eigentlich benötigt. Auch bei Augen-, Haut- und HNO-Ärzten liegt Leipzig mit rund zehn Prozent über der benötigten Quote. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass ein Hausarzt theoretisch für 1.700 Leipziger verantwortlich ist, ein Hautarzt rechnerisch für rund 22.000 Einwohner.

"Die Bedarfe werden ständig an die Entwicklung der Einwohnerzahl angepasst", versichert Katharina Bachmann-Bux, Sprecherin der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen. Auch wenn Leipzig in Zukunft noch ein paar tausend neue Einwohner bekommt, sieht die KVS keine Engpässe in der medizinischen Versorgung. "Attraktive Großstädte wie Leipzig haben kein Problem damit, Ärzte zu finden", sagt Bachmann-Bux. "Auch aufgrund der medizinischen Fakultät in der Stadt finden viele Studierende ihren Lebensmittelpunkt in Leipzig und wollen nach dem Studium gern dort bleiben."

Quelle: MDR/cg

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 28.10.2019 | 19:00 Uhr

1 Kommentar

kosak1989 vor 30 Wochen

Meine Frau hat sich für einen Untersuchungstermin bei einem Kardiologen angemeldet: 13.02.2020 - das ist doch nicht normal oder sagt die KVS auch "das ist überversorgt"?

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