Vor einer Baracke stehen drei Einkaufswagen mit dem Hab und Gut von Obdachlosen.
In den Baracken rund um den Hauptbahnhof suchen viele Obdachlose Zuflucht. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Kälteeinbruch Immer mehr Obdachlose auf den Straßen von Leipzig

Immer mehr Menschen in Leipzig leben auf der Straße. Viele von ihnen haben sich rund um den Hauptbahnhof eingerichtet. Hier finden sie Zuflucht und Hilfe. Doch die kalten Nächte stehen ihnen noch bevor.

Vor einer Baracke stehen drei Einkaufswagen mit dem Hab und Gut von Obdachlosen.
In den Baracken rund um den Hauptbahnhof suchen viele Obdachlose Zuflucht. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In der Bahnhofsmission beginnt in diesen Tagen die Hochsaison. "Bei diesen Temperaturen kommen besonders viele Menschen", sagt Leiter Carlo Arena. "Schlafsäcke sind da besonders gefragt." Bis zu 60 Personen leben als Wohnungslose rund um den Bahnhof, schätzt der Sozialarbeiter. Es ist nicht so einfach, die Menschen in die Einrichtung auf der Westseite am Willy-Brandt-Platz zu locken, sagt er. "Wenn wir Hilfe anbieten, wird sie in 10-15 Prozent der Fälle angenommen. Die Menschen kommen meist ungern zu uns. Sie hätten es lieber, wenn wir mit einem Kaffee oder einer heißen Suppe zu ihnen kommen würden. Aber das ist nicht unsere Aufgabe."

Immer mehr Menschen auf der Straße

Seit rund 14 Jahren ist Arena hauptamtlich bei der Leipziger Mission. Vorher war er 15 Jahre lang auf den Straßen Roms tätig. Er beobachtet eine deutliche Zunahme von Hilfsbedürftigen in Leipzig.

Wir haben noch nie so viele Schlafsäcke ausgegeben wie in diesem Jahr. Die Stadt wächst, daher wird auch die Zahl der Obdachlosen wachsen. Das ist meine Erfahrung.

Carlo Arena Leipziger Bahnhofsmission

Bahnhofsmission Leipzig
Leipziger Bahnhofsmission Bildrechte: SACHSENSPIEGEL

Schlafsäcke gegen den Frost

Die Menschen suchen die Nähe Gleichgesinnter rund um den Hauptbahnhof. Aus den Lüftungsschlitzen strömt warme Luft. In Thermojacke und Decke lässt es sich hier aushalten. Auch Thilo ist hier zuhause. In kalten Nächten steigt er schon mal in die Straßenbahn, bis der Fahrplan endet. Dann hüllt er sich in drei Schlafsäcke, um durch die Nacht zu kommen. "So lässt es sich aushalten", sagt er. Er lebt erst seit einem halben Jahr auf der Straße. Dies ist sein erster Winter ohne Obdach.

Übernachtungshaus und Kälteschutz

Die Stadt Leipzig bietet Obdachlosen unterschiedliche Möglichkeiten, Zuflucht zu finden. Es gibt das Übernachtungshaus für Männer in der Rückmarsdorfer und eine Einrichtung für Frauen in der Scharnhorststraße. Dort hat die Stadt Leipzig in diesem Winter die Schlafplätze aufgestockt. Zu den knapp 100 regulären Betten wurden 40 zusätzliche aufgestellt. Kommt man dort nicht unter, bleibt noch der sogenannte "Kälteschutz" – acht Betten und ein Campingklo. Die Einrichtung öffnet abends um zehn. Wie bei den Notunterkünften muss man auch hier früh um acht wieder raus. Bei Wind und Wetter, egal ob es regnet oder schneit. Der Bahnhof bietet dann Vielen Zuflucht.

Alkohol- und Drogenkranke

Doch manche wollen auch nicht in eine der Notunterkünfte. Die Gründe dafür sind unterschiedlich. Thilo schläft lieber auf der Parkbank oder im Vorraum einer Bank. "Für die Notunterkünfte bin ich noch zu normal. Da sind nur Chaoten mit Drogenproblemen. Die hauen sich dann nachts gegenseitig aufs Maul." Außerdem sei der Preis für die Unterkunft mit 5 Euro die Nacht nicht gerade billig, eigentlich unerschwinglich für die, die gar nichts hätten.

Streetworker helfen

"Manche haben Hunde und wollen sich nicht von ihnen trennen", erklärt Carlo Arena. "Bei den Übernachtungshäusern müssen die Hunde in der Regel draußen bleiben." Auch Paare wollen meist zusammen übernachten, was in den Übernachtungshäusern oft nicht möglich ist. Deshalb haben sich auch Micha und Janine auf der Westseite des Bahnhofes in einer der Baracken eingerichtet. Die Fenster und Türen haben sie mit alten Schaumstoffmatratzen soweit abgedichtet, dass es in den kalten Winternächten erträglich ist. Der gelernte Rettungsassistent lebt seit vier Jahren auf der Straße. Janine ist seit letztem Jahr in Leipzig. Hilfe bekommen sie von den Streetworkern am Ringcafé. "Die kommen auch jeden Dienstag zum Schwanenteich am Augustusplatz und bringen Essen, eine warme Suppe, Obst und Gemüse.

Lagerstätte von Wohnungslosen in Leipzig
Lagerstätte von Wohnungslosen auf dem Gelände des Hauptbahnhofs Bildrechte: SACHSENSPIEGEL

Auf dem Grundstück auf der Westseite des Hauptbahnhofs leben insgesamt 23 Menschen. Ende April soll das Gelände geräumt werden. Dort wird ein neuer Stadtteil entstehen. Janine und Micha suchen woanders nach einer Wohnung. Janine erwartet im Frühsommer ein Kind.

Toilette und Waschmöglichkeiten

Von der Stadt wünscht sich Carlo Arena von der Bahnsmission vor allem eine Verbesserung der hygienischen Möglichkeiten. "Die 1,20 Euro für die Bahnhofstoilette investieren Obdachlose lieber anders." Thilo wünscht sich mehr Übernachtungsangebote, "und wenn es nur eine Halle ist, die nachts frostfrei ist."

Quelle: MDR/bb/lt

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 21.01.2019 | 14:30 Uhr im Regionalreport aus dem Studio Leipzig

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Zuletzt aktualisiert: 22. Januar 2019, 17:07 Uhr

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14 Kommentare

24.01.2019 11:40 Kritiker 14

@Zeitgeist, in welch verklärter Welt leben Sie denn? Zitat: … in der DDR unmöglich, denn hier stand der Mensch im Mittelpunkt und nicht die Ausbeutung. Stimmt, Überwachung und Drangsalierung der Menschen stand im Mittelpunkt. Ach ja, zum ausbeuten gab es ja nichts mehr, die Russen hatten ja schon alles gestohlen.

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24.01.2019 10:05 Jale 13

Mich würde mal interessieren, was Micha und Janine alles schon versucht haben, um für ihr ungeborenes Kind ein warmes Heim mit fließend Wasser und Strom zu bekommen! Ich denke nicht, dass, wenn die werdende Mutter nach Hilfe fragt, es einer ablehnt, ihr zu helfen oder zumindest erste Anlaufstellen zu benennen. Wenn sie nur danach fragen würde...
Das ist das Problem eines Großteils derer, die sich in dieser 'Situation' eingerichtet haben. Sie schämen sich oder sind zu stolz oder schlussendlich zu faul, das Problem der Obdachlosigkeit anzugehen. Das das nicht einfach wird, ist klar. Man sollte diesen Menschen Helfer an die Seite stellen, die mit ihnen diesen Weg gehen, bis derjenige wieder ein Dach über dem Kopf hat. Das Jugendamt macht so was doch auch für Minderjährige. Warum nicht auch für Obdachlose übers Sozialamt? Aber da müsste die Stadt Leipzig Geld in die Hand nehmen... sie sieht es wohl besser angelegt in unseren zukünftigen 'Fachkräften'.

23.01.2019 17:11 Willy 12

@ 2 richtig, das jetzt ist Kapitalismus , und Ellbogen Freiheit, und es kommt noch schlimmer als es bereits ist. Für andere Milliarden und für uns selber keinen Cent, muß man sich da eigentlich noch wundern über
Hass ????

23.01.2019 17:02 Zeitgeist 11

Wer nicht selbst schon mal gehungert hat kann hier nicht mitreden.
Zustimmung in der DDR unmöglich, denn hier stand der Mensch im Mittelpunkt und nicht die Ausbeutung.

23.01.2019 12:15 Mane 10

Da sollte Leipzig es tun ,Punkte für Kaffee und Suppe einrichten.Aber wer soll das bezahlen?Leipzig ist so arm aber nur für Deutsche.

23.01.2019 11:25 Wolpertinger 9

Dieser Satz,:
"Es ist nicht so einfach, die Menschen in die Einrichtung auf der Westseite am Willy-Brandt-Platz zu locken, sagt er. "Wenn wir Hilfe anbieten, wird sie in 10-15 Prozent der Fälle angenommen. Die Menschen kommen meist ungern zu uns. Sie hätten es lieber, wenn wir mit einem Kaffee oder einer heißen Suppe zu ihnen kommen würden. Aber das ist nicht unsere Aufgabe." erklärt so einiges. Viel wollen gar keine Hilfe.

23.01.2019 08:43 Wolpertinger 8

@22.01.2019 17:20 Bürger der früheren DDR
Stimmt. Da war das ein Straftatbestand. § 249 StGB.

23.01.2019 06:58 peter 7

Das ist einfach nur traurig. Egal wie die Menschen in diese schlimme Lage gekommen sind.
Das "reiche" Land sollte sich schämen. Fakt ist, das interessiert ja nicht! Damit will ja keiner was zu tun haben. Die Kluft zwischen arm und reich wird immer größer!
Andererseits werden Milliarden verpulvert, für fragwürdige Projekte!

22.01.2019 21:41 Paule 6

Boomtown Leipzig!

22.01.2019 20:26 S 5

Ich kann auch nicht wirklich nachvollziehen, das es zu Obdachlosigkeit kommt. Trotz steigender Mieten in Leipzig , kann man nicht immer die Schuld an der Gesellschaft suchen. Es liegt immer auch an der Lebenseinstellung bzw. An der persönlichen Verantwortung. Wer wirklich von der Strasse möchte, findet immer Hilfe, z.B. in kleinere Städte, wo es noch eher preiswerte Wohnungen gibt. Ich würde lieber auf dem Land Wohnen, als würdelos in Grosstadt Obdachlos vor dem Bahnhof zu hocken und zu betteln.

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