Seehaus, Hainer See
Bildrechte: MDR/Lars Tunçay

Jugendliche Straftäter in Neukieritzsch Offener Strafvollzug am Hainer See

Am Hainer See, einige Kilometer südlich der Gemeinde Kahnsdorf, entstand in den vergangenen Monaten ein außergewöhnliches Gefängnis. Im Seehaus wird eine neue Form des offenen Strafvollzugs umgesetzt. Der Verein zog vom Störmthaler See in den neu errichteten Gebäudekomplex und sah sich mit massivem Widerstand der Bürger konfrontiert. Jetzt feierte das Seehaus Einweihung und öffnete die Türen für Interessierte und Skeptiker.

von Lars Tunçay

Seehaus, Hainer See
Bildrechte: MDR/Lars Tunçay

An diesem Sonntag drängen sich viele neugierige Besucher durch den Neubau am See. Sie haben Fragen, auf die die Mitarbeiter des Seehauses geduldig antworten. 14 jugendliche Straftäter werden die beiden Häuser Ende Mai beziehen. Verurteilte Diebe, Brandstifter, Gewalttäter im Alter zwischen 14 und 21 Jahren. Mit Hilfe des offenen Vollzugs sollen sie wieder in die Gesellschaft integriert werden. Die Kosten für die Einrichtung von knapp sechs Millionen Euro wurden durch Spenden und Kredite aufgebracht. Rund eine Millionen Euro für die laufenden Kosten erhält das Projekt pro Jahr vom Justizministerium. Die Anwohner fürchten sich vor einem Anstieg der Kriminalität, vor Diebstählen und Einbrüchen oder gewaltsamen Ausschreitungen.

Niederkieritzsch Seehaus eröffnet

Offener Vollzug am Hainer See: 14 jugendliche Straftäter wohnen in zwei Mitarbeiterfamilien. Die Finanzierung des Neubaus erfolgte aus privater Hand.

Seehaus, Hainer See
Nach monatelangen Vorbereitungen bezog der Seehaus Verein sein neues Domizil am Hainer See. Bildrechte: MDR/Lars Tunçay
Seehaus, Hainer See
Nach monatelangen Vorbereitungen bezog der Seehaus Verein sein neues Domizil am Hainer See. Bildrechte: MDR/Lars Tunçay
Seehaus, Hainer See
14 jugendliche Straftäter werden hier in zwei Familien untergebracht. Knapp sechs Millionen Euro kostete der Neubau. Bildrechte: MDR/Lars Tunçay
Seehaus, Hainer See
Familie Steinert beherbergt seit sechs Jahren straffällig gewordene Jugendliche. Bildrechte: MDR/Lars Tunçay
Seehaus, Hainer See
Die Jugendlichen wohnen mit dem Ehepaar und den drei Kindern in einer Wohnung. Am Sonntag kochen die Jugendlichen für die Familie. Bildrechte: MDR/Lars Tunçay
Seehaus, Hainer See
Bis zu sieben Straftäter wohnen in einer Familie. Tagsüber gehen sie gemeinnütziger Arbeit nach oder lernen. Bildrechte: MDR/Lars Tunçay
Seehaus, Hainer See
Die Reinigung gehört ebenso zu den Aufgaben der Jugendlichen. Bildrechte: MDR/Lars Tunçay
Seehaus, Hainer See
Die ersten Jungs sind bereits eingezogen. Bildrechte: MDR/Lars Tunçay
Seehaus, Hainer See
Bis Ende Mai sollen die anderen folgen. Bildrechte: MDR/Lars Tunçay
Seehaus, Hainer See
Die Schulräume befinden sich ebenfalls in dem Gebäudekomplex. Bildrechte: MDR/Lars Tunçay
Seehaus, Hainer See
Zur Eröffnung kamen viele Neugierige. Das Seehaus-Team stellte sich geduldig den Fragen der Besucher. Bildrechte: MDR/Lars Tunçay
Alle (10) Bilder anzeigen

Seit 2011 in Störmthal

Der Neubau in Neukieritzsch ist das zweite Domizil des Vereins in Sachsen. Das ursprüngliche Haus am Störmthaler See, das 2011 bezogen wurde, war zu klein geworden. Franz Steinert vom Seehaus Verein erinnert sich: "Störmthal war von vornherein nur als Übergangslösung gedacht, weil es so schwer war, eine dauerhafte Lösung zu finden. Es gab Unterschriftensammlungen, auch rechtliche Schritte, um den Verein aus dem Gebäude heraus zu bekommen." Die Ängste in der Bevölkerung seien nachvollziehbar, sagt Steinert: "Es geht schließlich um Strafvollzug, Gefängnis, Knast. Das Schöne in Störmthal war aber, dass wir durch Begegnungen und die Erfahrungen miteinander die Atmosphäre verändern konnten. Als es vor einem Jahr darum ging, ob wir nach Neukieritzsch ziehen würden, haben uns die Störmthaler angeboten, zu bleiben, wenn das nicht klappt."

Bürgerinitiativen gegen den Bau

Der ursprünglich geplante Umzug an den Bockwitzer See bei Borna scheiterte aufgrund einer Bürgerinitiative. Auch in Neukieritzsch bildete sich Widerstand, doch hier fanden die Initiatoren Rückhalt. "Die Gemeinderäte haben einen Bürgerentscheid, der sich gegen das Seehaus richtete, aufgrund von Verfahrensfehlern überstimmt", berichtet Steinert. "Die Räte haben sich hier in Neukieritzsch und in Espenhain weit aus dem Fenster gelehnt und sind ein politisches Risiko eingegangen."

Mit Führungen Ängste abbauen

Doch die Ängste bleiben. Steinert und sein Team versuchen sie mit Veranstaltungen und öffentlichen Führungen abzubauen. "Mit den jungen Männern selbst sind wir im Bereich gemeinnütziger Arbeit in der Gemeinde unterwegs. Außerdem bieten wir einen lokalen Beirat an. Wir laden die Menschen ein, Mitglied zu werden und informieren sie regelmäßig darüber, wie der aktuelle Stand ist, über Pläne, die Belegung und Rückführungen."

Wir wollen die Leute mitnehmen in das, was hier passiert. Wenn sie Bescheid wissen, dann schwinden in der Regel auch Ängste und Skepsis. Dafür haben wir auch explizit Gegner des Projekts angesprochen.

Franz Steinert Seehaus e.V.
Seehaus, Hainer See
Franz Steinert, Seehaus e.V. Bildrechte: MDR/Lars Tunçay

Der 33-Jährige ist seit 2012 Hausvater mit seiner Familie und drei Kindern. Bis zu sieben Jugendliche leben in einer Mitarbeiterfamilie. So sollen belastbare Beziehungen entstehen, die es ermöglichen, auch Rückschläge zu verkraften und die Persönlichkeit der jungen Männer zu festigen. "Wir begleiten sie auch nach der Haft weiter, wenn sie das möchten", sagt Steinert. "Unser erster Ehemaliger ist jetzt Klempner-Geselle. Es läuft aber nicht immer so glatt."

Es ist normal, dass das alte Leben immer mal seine Fühler ausstreckt. Das Wichtige ist, wie die Jungs damit umgehen.

Franz Steinert Seehaus e.V.

Die Jugendlichen kommen meist aus der Haftanstalt in Regis-Breitingen. Sie müssen sich aktiv für einen Platz im Seehaus bewerben. Strikte Ausschlusskriterien sind Sexualstraftaten und Drogensucht.

Tagesbeginn 5:45 Uhr

Seehaus, Hainer See
"Richard" lebt und arbeitet im Seehaus Bildrechte: MDR/Lars Tunçay

Die Jungs haben einen straffen Tagesablauf, der um dreiviertel Sechs mit Frühsport beginnt und erst nach 22 Uhr endet. Sie lernen und leisten gemeinnützige Arbeit. Der 18-jährige Richard (Name der Redaktion bekannt) erklärt: "Der Wille zur Veränderung ist eine Grundvoraussetzung im Bewerbergespräch." Er saß 18 Monate wegen versuchter Brandstiftung ein. Seine Strafe hat er zum Teil im ersten Seehaus abgesessen. Er hat das neue Haus mit aufgebaut und wird dort wohnen, bis er seinen Realschulabschluss beendet hat.

Wir wollen niemandem etwas Böses. Wir wollen unser Leben in den Griff kriegen.

Richard Insasse

"Es ist ein harter Alltag, aber es lohnt sich. Deshalb bin ich jetzt noch hier." Nur im Dialog lassen sich die Ängste der Anwohner abbauen, findet Richard. "Ich möchte die Leute einladen, hierher zu kommen. Dadurch lassen sich viele Vorurteile aus dem Weg räumen. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass die meisten hier eher fragen, ob sie früher ins Bett gehen können, weil sie müde sind. Die gehen nachts nicht nochmal raus und brechen irgendwo ein."

Jeder Mensch hat eine zweite Chance verdient. Wenn man sieht, dass Leute hier in die Ausbildung gebracht worden sind, dass Jugendliche die Chance haben, wieder am Leben teilzunehmen und sich in die Gesellschaft zu integrieren, dann ist es ein gutes Konzept.

Thomas Hellriegel Bürgermeister Gemeinde Neukieritzsch

"Menschen, die die Gesellschaft braucht"

Die meisten Besucher gehen an diesem Sonntag zuversichtlich nach Hause. Eine Frau spricht aus, was viele bewegt: "Irgendwo sind das Menschen, die die Gesellschaft braucht. Junge Menschen, die integriert werden müssen. Wie das angepackt wird, hat uns interessiert." Auch einen älteren Herrn hat die Neugierde an diesem Sonntag an den entlegenen Teil des Sees geführt: "Ein offener Vollzug am Rande eines Wohngebietes - da herrschte im Vorfeld viel Angst vor negativen Einflüssen. Wir wollten mal sehen, was daraus entstanden ist."

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 07.05.2018 | ab 6:00 Uhr in den Regionalnachrichten
MDR SACHSENSPIEGEL | 06.05.2018 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. Mai 2018, 12:42 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

3 Kommentare

08.05.2018 18:30 mare strunzdumm 3

Da sehen wir doch: Verbrechen lohnt sich.

08.05.2018 14:16 Na so was 2

"Ein schöner Gebäudekomplex für straffällige Jugendliche, gegen den Willen der dort lebenden Bevölkerung, gebaut."Auch in Neukieritzsch bildete sich Widerstand, doch hier fanden die Initiatoren Rückhalt. "Die Gemeinderäte haben einen Bürgerentscheid, der sich gegen das Seehaus richtete, wegen Verfahrensfehlern überstimmt." Da bleibt einem nur übrig, Glückwunsch an die Gemeinderäte, die die Bürger des Ortes Neukieritzsch allein gelassen haben bei der Formulierung des Bürgerentscheides. Und dann auch noch in der Öffentlichkeit damit brüsten. So sieht also Bürgernähe in der Praxis aus. "Die Anwohner fürchten sich vor einem Anstieg der Kriminalität, vor Diebstählen und Einbrüchen oder gewaltsamen Ausschreitungen." Dann Gemeinderäte, hofft mal, dass von dem gerade Erwähnten nichts Eintritt und zieht euch schon mal warm an. Es kann ungemütlich werden.

08.05.2018 13:40 Siegfried 1

so schön möchte ich auch wohnen.....
habe mir aber bis jetzt noch nichts zu schulden kommen lassen.........

Mehr aus Leipzig und dem Leipziger Land