Wie ein Schweizer Käse: So sieht ein Buch aus, das von Brotkäfern beschädigt wurde.
Bildrechte: MDR/Johannes Schiller

04.12.2019 | 13:25 Uhr Museen in Leipzig im Kampf gegen Papierfischchen

Die kleinen, gefräßigen Papierfischchen werden immer mehr zum Problem für Bibliotheken und Museen. In Leipzig ist man gut vorbereitet.

Wie ein Schweizer Käse: So sieht ein Buch aus, das von Brotkäfern beschädigt wurde.
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Sie sind fast nicht zu sehen, ihre Folgen sind aber verheerend: Papierfischchen, millimetergroße, spindelförmige Insekten fressen alles, was aus Zellulose ist. Tapeten, Bücher, Fotos – nichts ist vor ihnen sicher. Das wird immer mehr auch zum Problem für Museen und Archive. Oftmals bemerkt man sie nicht, bevor es zu spät ist. Sind die Schädlinge erst einmal da, vermehren sie sich unkontrolliert und machen auch nicht vor jahrhundertealten Schriften Halt.

Schädlinge haben viele Verbreitungswege

Die Störenfriede kommen in Bücherkisten, Kartons mit Kopierpapier oder auf Holzpaletten in die Häuser. Ein Problem ist auch der Leihverkehr der Museen: Wanderausstellungen, Kunstwerke, die weltweit verschickt werden und sich ebenfalls zum trojanischen Pferd entwickeln können. Das Museum ist mit seinen klimatischen Bedingungen der ideale Lebensraum für die papierfressenden Insekten: 20 Grad Raumtemperatur, 50 Prozent Luftfeuchtigkeit brauchen die Papierfischchen, um sich zu vermehren.

Problem vor allem im Norden Deutschlands

Papierfischchen (Silberfischchen)
Bildrechte: imago/blickwinkel

Das Problem ist vor allem in den Niederlanden und im Norden Deutschlands verbreitet. In Sachsen gab es bislang nur vereinzelte Fälle. Michael Ruprecht, Leiter des Leipziger Stadtarchivs, ist Herr über 13 Kilometer Papier. Bislang hat er noch kein Papierfischchen entdeckt, aber die Sorge bleibt: "Man hört von Kollegen, das es vermehrt auftritt, dass die Papierfischchen auftauchen. Wir hier in Leipzig im Stadtarchiv haben einen Quarantäneraum aus genau solchen Gründen eingerichtet, wo Sachen, die zu uns ins Haus kommen, erstmal in Quarantäne kommen und dann beobachtet werden, ob da ein Befall vorliegt." Mit den niedrigen Temperaturen in einem solchen Quarantäneraum kann man die kleinen Quälgeister leicht loswerden.

Klebefallen und Kontrollen

Sind sie bereits im Haus kann man die Plage mit Klebefallen eindämmen. Christian Jürgens, Chefrestaurator im Grassi Museum für Angewandte Kunst hatte vor einigen Monaten eine unfreiwillige Begegnung mit den Papierfischchen. "Wir haben daraufhin Fallen aufgestellt - mit dem Resultat, dass die Anzahl sehr gering gehalten werden konnte."

Am wichtigsten ist aber die regelmäßige Kontrolle. Das sagt auch ein Sprecher des Stadtgeschichtlichen Museums: "Vor zwei Jahren wurde im ehemaligen Schaudepot in einer Monitoring-Falle zum ersten Mal ein einzelnes erwachsenes Papierfischchen gefunden. Daraufhin wurden in allen Depots Köderfallen und weitere Monitoring-Fallen aufgestellt, um einen eventuellen Befall zu erkennen beziehungsweise zu bekämpfen. Es wurden seitdem keine weiteren Papierfischchen in unseren Depots registriert", so der Museumssprecher. Auch die Städtischen Bibliotheken prüfen regelmäßig ihre Bestände auf Schädlingsbefall.

Wir sind papierfischfrei. Durch wöchentliche Kontrollgänge durch die Depots und das Ausbringen von Monitoring-Fallen wirkt das Stadtgeschichtliche Museum präventiv einem möglichen Befall entgegen.

Stadtgeschichtliches Museum Leipzig

Spurensuche und Vorbeugung

Ein Indiz für einen Befall sind die Hauthülsen, denn Papierfischchen häuten sich, wenn sie wachsen. Sie lieben dunkle Ecken und Öffnungen und können durch kleinste Ritzen kriechen. Daher ist es wichtig, die Kanten und Ränder nach Spuren abzusuchen. Im schlimmsten Fall hilft nur noch eine Kur mit Insektengift – oder Stephan Biebl. Der bayrische Spezialist für Schädlingsbekämpfung wird deutschlandweit gerufen, wenn die Papierfischchen übergesiedelt sind, von der Palette ins Museum. Biebl steht dann teilweise vor millionenschwerer Kunst und muss retten, was zu retten ist. "Aktuell hatten wir einen Schaden von Papierfischchen an einem Bild, wo wirklich innerhalb von einem Jahr richtig krasse Schäden passiert sind. Löcher, die ein Holzwurm über Jahrzehnte an einem Kirchendachstuhl nicht schafft", sagt er.

Bevor er zu drastischen Mitteln greift, zieht auch Biebl die Kältekur vor. "Eine historische Bibel zum Beispiel, die könnte man in eine Tüte packen, legt sie in eine Labortiefkühltruhe bei minus 40 Grad und friert das einfach ein paar Tage durch. Das überleben die Papierfische, die da dran sind, eigentlich nicht." Besser als Bekämpfung ist natürlich Vorbeugung. Mittlerweile führt auch der Deutsche Museumsbund Tagungen mit dem Titel "Es krabbelt im Museum" durch. Das Bewusstsein für das Problem ist da. Und zur Not wird der Restaurator zum Schädlingsbekämpfer im Museum.

Papierfischchen Die spindelförmigen Insekten sind mit den Silberfischchen verwandt, benötigen aber geringere Temperaturen und Luftfeuchte, um sich zu vermehren. Die im ausgewachsenen Zustand etwa 15 Millimeter großen Tiere können bis zu acht Jahren alt werden. Papierfischchen benötigen drei Jahre bis zur Geschlechtsreife und legen dann ca. 50 Eier pro Jahr.

Quelle: MDR/lt

Dieses Thema im Programm beim MDR 18.11.2019 | MDR AKTUELL - Das Nachrichtenradio | 17:54 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. Dezember 2019, 13:26 Uhr

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