Porträt: Ein Leben mit Prothese So normal wie Socken anziehen

Wenn Stefan Strauß die Treppe runterläuft, fällt kaum auf, dass etwas anders ist: Seit dem 17. Lebensjahr fehlt das linke Bein knieabwärts. Seit er 18 ist, trägt er eine Prothese. Zu Höchstform ist er trotzdem aufgelaufen – beim Sport, im Berufsleben und im Alltag. Ein ganz normales Leben eben.

von Michaela Reith

Ein Mann mit einer Beinprothese
Bildrechte: Stefan Strauß

Ein Moment der Unachtsamkeit und schon war es passiert: Als Stefan Strauß kurz vor dem 18. Geburtstag mit seinem Motorrad unter die Leitplanke rutsche, war er sich des Ausmaßes noch nicht bewusst. Er verletzte sich sein linkes Bein so stark, dass der Unterschenkel amputiert werden musste. Anderthalb Jahre war er nur mit Krücken unterwegs, bis er seine erste Prothese bekam. Das neue Bein gehört für den heute 35-jährigen Projektmanager längst zum Alltag:

Ich ziehe mir meine Prothese an wie andere ihre Socken. Sie ist in erster Linie ein Fortbewegungsmittel, aber eigentlich auch ein Teil von mir. Vor zwei Jahren habe ich versucht, Schlittschuh zu laufen. Da ich vorher noch nie mit zwei gesunden Beinen Schlittschuh gefahren bin, war das auch schon eine tolle Erfahrung.

Stefan Strauß Projektmanager

Der Lamborghini unter den Prothesen

Die Prothesen zählt er nicht mehr. Seine sechste oder siebte müsse es sein, sagt er. Er redet über seine Prothese wie andere über ihr Auto. Selbstverständlich und mit vertiefendem Wissen über technische Details, neue Herstellungsverfahren und zukünftige Entwicklungen. Ein Schlüsselmoment war für Stefan, als er sich seine erste Laufprothese holte - der Lamborghini unter den Prothesen. Mit der Standardversion konnte er nur spazieren gehen. Die Laufprothese mit geschwungener Feder ermöglichte ihm hingegen zu rennen – zu Beginn erst wenige hundert Meter, jetzt zehn Kilometer am Stück. "Das war auch ganz schön befreiend", erinnert er sich.

Der lange Weg zum Sport

Zum Sport kam er nicht sofort. "Das klingt absurd, aber zu Beginn dachte ich, ich bin zu wenig behindert für Behindertensport. Dadurch, dass mir ein zweites Bein fehlte, war ich ja kein anderer Mensch", sagt Stefan. Vor fünf Jahren trat er dann der Leipziger Sitzvolleyballmannschaft bei. Mittlerweile ist er so gut, dass er im B-Kader der Nationalmannschaft auf Turnieren spielt. Beim Sitzvolleyball selber stört die Prothese allerdings, deswegen spielt er ohne.

Zwischen Scheu und Schau

Ein Mann mit einer Beinprothese mit einem Rennrad
Bildrechte: Susanne Richter

Im Gespräch mit Stefan Strauß wird schnell klar, dass er mit beiden Beinen fest im Leben steht und nicht bemitleidet werden möchte. Bei seiner letzten langen Sommerradtour mit Freunden im tschechischen Skigebiet Spindlermühle fuhr er bewusst mit kurzer Hose. Das war nicht immer so. Mittlerweile zeigt er ohne Scheu sein neues Bein – im Netz und im realen Leben.

Das führte ihn vor kurzem sogar wieder zurück an die Grundschule. Um Hausaufgaben zum Thema Handicap zu umgehen, fragte der Sohn einer Arbeitskollegin Stefan, ob er nicht in den Unterricht kommen will. "Ich hatte zuvor Bedenken, aber die Nachfragen der Kinder waren logisch und spannend", erzählte Stefan. Er wünscht sich mehr natürlichen Umgang mit Menschen mit Behinderung. Die zwanzig Kinder aus der Klasse, berichtet er, gingen damit jetzt viel lockerer um. Deshalb kann er sich solche Projekte auch für die Zukunft vorstellen.

Hoch hinaus

Als Stefan von seinen Urlaubsplänen erzählt, lacht er kurz laut auf. Er möchte mit seinen Freunden nach Schweden fahren. Allerdings wartet er noch auf die Genesung seines Fußes. Diesmal ist es der gesunde Fuß. Beim Trampolinspringen hatte er sich sein Sprunggelenk verstaucht. "Schön dumm", lächelt er verschmitzt, "aber wenn man nichts probiert, wird man nicht feststellen können, was möglich ist." Und möglich, das wird an diesem Nachmittag klar, ist für Stefan vieles, wenn nicht sogar alles.

Quelle: MDR/mr

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 15.05.2018 | 06:20 Uhr

Bildergalerie: Mit Papa auf Augenhöhe – Väter mit Handicap

Ivo mit Kids
Ivo Kilian in Hübitz bei Eisleben verbringt viel Zeit mit Tochter Scully und Sohn Keanu. Bildrechte: MDR/Andrea Gentsch
Ivo mit seinen beiden Kindern
Ein besonders stolzer Moment für Ivo: Keanu und Scully erhielten 2015 ihre Abschlusszeugnisse. Obwohl Keanu ein Jahr jünger ist, sind die Geschwister gleichzeitig eingeschult worden. Bildrechte: MDR/Andrea Gentsch
Ein Mann im Rohlstuhl auf Angeltour mit seinem Sohn.
Mit Sohnemann auf dem Boot ist für Micha auch mit Querschnittlähmung kein Tabu: "Ich bin früher immer mit meinem Opa angeln gegangen, immer. Das war eigentlich das Ding schlechthin für mich als Kind. Wenn es mal kentert, hab ich ja noch die Sicherheitsweste." Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Lars und seine drei Kinder
Lars mit seinen drei Kindern. Die Zwillinge Paula und Edgar waren für ihn und seine Freundin Wunschkinder. Tochter Lena ist bereits 17. Bildrechte: MDR/Andrea Gentsch
Ivo mit Kids
Ivo Kilian in Hübitz bei Eisleben verbringt viel Zeit mit Tochter Scully und Sohn Keanu. Bildrechte: MDR/Andrea Gentsch
Ivo mit Keanus BMX Rad
Nicht nur auf dem Rad macht Ivo eine gute Figur. Erst 2014 entdeckte Ivo das Kajaken für sich. Jetzt ist er bereits Vize-Europameister. Die Kinder sind auf dem Wasser auch oft dabei. Bildrechte: MDR/Andrea Gentsch
Ein Junge hält seinen kleine Schwester fest.
Michael Neuberts ganzer Stolz: Tochter Heddi und Sohn Louis. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ein Mann im Rollstuhl wickelt ein Kind.
Micha ist erst nach dem Unfall zum ersten Mal Vater geworden. Ob er für seine Kinder auch vom Rollstuhl aus sorgen kann – die Frage stellte sich der gebürtige Eisenacher nie. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ein Mann im Rollstuhl neben zwei kleinen Kindern
Als Lars erfuhr, dass er Zwillinge bekommt, war die Freude groß. Die Bedenken aber auch: "Ich war ja schon ein bisschen vorbelastet durch die Lena. Doch ich hatte ein bisschen Angst, dass an Arbeit mehr an der Mutti hängen bleibt." Aber die Sorgen waren unbegründet. Bildrechte: MDR/Andrea Gentsch
Lars mit seinen Zwillingen
Den Mittelpunkt seines Lebens bilden jetzt die Kinder. Trotz mancher Barrieren ist er auch nach der Trennung von seiner Frau für die Kinder da. Bildrechte: MDR/Andrea Gentsch
Alle (9) Bilder anzeigen

Zuletzt aktualisiert: 16. Mai 2018, 10:49 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.