26.02.2020 | 18:00 Uhr Stadttauben in Sachsen - die vergessenen Haustiere

Wohl kaum ein anderes Tier ruft so widersprüchliche Gefühle hervor wie die Taube. Sie gilt als Friedens- und Liebessymbol, wird als Brief- oder Renntaube gezüchtet und geachtet. Ihre verwilderte Schwester - die Stadttaube - hat dagegen einen schweren Stand. Die Vögel werden als Ratten der Lüfte beschimpft, die nichts als Dreck verursachen. Doch in Sachsen gibt es Menschen, die sich um das Wohl der Tiere kümmern - ehrenamtlich. Ein Ziel der Taubeninitiativen: die Etablierung von betreuten Taubenschlägen.

Tauben auf der Straße
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Regelmäßig laufen Antje Enke und Anna Ziebell von der Stadttaubenhilfe Leipzig durch die Innenstadt. Mit dabei haben sie einen Kescher und Vogelfutter. Ihre Mission: Verletzte Stadttauben in Leipzig einzufangen. "Manchmal sind es sehr schwere Verletzungen, dass die Tiere nur noch euthanisiert werden können, manchmal sind es Anflugtraumata, da erholen sie sich recht schnell. Was hier in der Stadt aber ganz oft vorkommt, sind verschnürte Gliedmaßen", erzählt Tierschützerin Antje Enke im Gespräch mit MDR SACHSEN. Mehrere Tausend Tauben leben in Leipzig, schätzt die Stadttaubenhilfe. In Dresden wird der Bestand auf bis zu 3.000 Tiere geschätzt. In ganz Sachsen sollen laut sächsischem Naturschutzbund bis zu 20.000 Brutpaare leben. Gesicherte Zahlen gibt es nicht, da Stadttauben als herrenlos gelten, eine Anzeige- oder Registrierungspflicht daher nicht besteht.

Ein Klecks Taubenkot auf der Straße und ein kleiner Schwarm Tauben unter einem Baum auf Futtersuche
Rund um den Augustusplatz lebt einer der Stadttaubenschwärme. Die Stadttaubenhilfe Leipzig schätzt die Größe auf bis zu 100 Tiere. Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Zu viel Federvieh - ein menschengemachtes Problem

Als sicher gilt dagegen, dass sich die Tauben rasant vermehren und dabei auch jede Menge Kot hinterlassen. Das ist ein menschengemachtes Problem. Im Gegensatz zu wilden Tauben brüten Stadttauben bis zu zehnmal im Jahr, zwei Eier liegen dabei in der Regel im Nest. Früher wurden die Nachfahren der Felsentauben als Fleisch-, Eier- und Federlieferant gehalten. Selbst der Kot wurde als Dünger genutzt. "Da es verwilderte Haustiere sind, wurden ihnen über Jahrhunderte ein Bruttrieb angezüchtet, sie sollten möglichst viele Nachkommen produzieren. Und es ist völlig egal, wie es den Tieren geht. Ob die Hunger haben oder gute oder schlechte Nistmöglichkeiten haben", berichtet Antje Enke.

Dadurch, dass sie ihre Jungen gar nicht ausreichend ernähren können, sterben 80 bis 90 Prozent der Jungtiere, noch bevor sie aus dem Nest kommen.

Antje Enke Stadttaubenhilfe Leipzig

Auch Fütterungsverbote wie in Dresden und Leipzig praktiziert, um die Taubenpopulation dadurch zu reduzieren, lösen das Problem nicht. Nicht nur durch die Brut werden die Schwärme größer, auch durch entflogene oder verirrte Tiere, wie Brief- oder Zuchttauben, wächst der Schwarm der ziemlich klugen Kulturfolger stetig an. Was wiederum zu den großen Mengen an Taubenkot führt und das zum schlechten Image dieser Vögel.

"Das sind doch Ratten der Lüfte"

Eine Reaktion auf die Taubenschwärme sei dabei immer wieder zuhören, sagt Antje Enke. "In vielen Köpfen ist sofort 'Ratten der Lüfte' da. Die sind eklig, übertragen Krankheiten, die müssen weg, das ist Ungeziefer, die sind Schädlinge." Hauptgrund für ihr schlechtes Image ist ihr Kot. Tauben sind reine Körnerfresser. Diese artgerechte Nahrung finden sie aber in den Innenstädten nicht. "Wir haben Tauben vor lauter Hunger schon Bratwurst essen sehen", beschreibt Anna Ziebell die Nahrungssituation der Stadttauben. Dadurch scheiden sie keinen normalen, sondern den sogenannten Hungerkot aus. "Dieser ist vergleichbar mit menschlichem Durchfall. Normalerweise setzten die Tauben einen kleinen festen Kot-Klecks ab, der in der Regel nicht gefährlich ist. Der Hungerkot läuft aber die Fassaden runter, verschmutzt die Gebäude, dass sieht sehr unschön aus."

Ein Klecks Taubenkot auf der Straße und ein kleiner Schwarm Tauben unter einem Baum auf Futtersuche
Der Hungerkot hat eine flüssige Konsistenz. Da er weitaus aggressiver ist als der normale Taubenkot, richtet er an Baustoffen auch mehr Schäden an. Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Der Hungerkot ist zudem tatsächlich vom pH-Wert ätzender als der normale Kot.

Antje Enke Stadttaubenhilfe Leipzig

Dass normaler Taubenkot schädlich ist, ist ein hartnäckiger Mythos. Ein Prüfungsbericht der TU Damstadt zum Einfluss von normalen Taubenkot auf die Oberfläche von Baustoffen hatte ergeben, dass der Kot in erster Linie nur Bleche, wie Bronze, Stahl oder Kupfer angreift und korridieren lässt. Trotzdem ist Taubenkot ein Ärgernis und Kostenfaktor für jeden Hausbesitzer.

Vergrämen oder betreuen?

Vor allem rund um und in Bahnhöfen lassen sich Stadttauben nieder. So auch am Bayerischen Bahnhof in Leipzig. Mit Netzen, Metallspikes, Vogel-Klebepaste, elektronischen Schallwellen oder mit dem Einsatz eines Falkners wurde und wird versucht, die Tiere von dort zu vergrämen. Bislang erfolglos. "Jeden Tag fällt neuer Kot auf die Bahnsteige. Dort bergen wir auch oft verletzte oder tote Tiere aus den Gleisen", erzählt Antje Enke. "Das ist für die Fahrgäste hygienisch auch nicht wirklich angenehm."
Die Lösung für das Problem könnte ein betreuter Taubenschlag sein, findet Anna Ziebell. "Wir können artgerecht füttern, dass wir gesunde Tauben haben, wir können Krankheiten schnell erkennen und eingreifen," zählt Anna Ziebell die Vorteile eines betreuten Taubenschlages auf.

Und natürlich können wir die Geburten kontrollieren, in dem wir die Eier durch Attrappen austauschen.

Anna Ziebell Stadttaubenhilfe Leipzig

Weitere Vorteile: Der Kot der Vögel verbleibt zum größten Teil im Taubenhaus und verschmutzt nicht mehr die Umgebung und die Tiere nutzen nicht mehr Fenstersimse, Balkone oder Vorsprünge um zu nisten. Allerdings müssen die Taubenschläge bestimmte Voraussetzungen erfüllen. Sie werden nur von den Tauben akzeptiert, wenn sie dort aufgestellt werden, wo sie bereits längere Zeit in großer Zahl leben. Der Schlag sollte in einer Höhe von zehn bis 20 Metern angebracht sein und nicht in unmittelbarer Nähe von hohen Bäumen oder in Senken errichtet werden.
Dass das funktionieren kann, zeigt der betreute Taubenschlag in Dresden. Seit zwei Jahren wird auf dem Dach eines Möbelhauses gegenüber des Bahnhofs Mitte ein Schlag von der Stadttaubeninitiative Dresden betreut. "Seit Bestehen des Schlages haben wir im Umfeld wesentlich weniger kranke oder fast verhungerte Tiere aufgegriffen. Und es ist auch um das Möbelhaus weniger Kot angefallen", berichtet Jodie Lentwojt von der Stadttaubeniniative Dresden.

Was uns natürlich besonders freut, ist die aktive Geburtenkontrolle, die wir dort betreiben können. Wir haben allein im Jahr 2019 von Januar bis Dezember über 1.000 Eier durch Plastikeier ausgetauscht.

Jodie Lentwojt Stadttaubeninitiative Dresden

Einen Taubenschlag wollen Antje Enke und Anna Ziebell nun auch in Leipzig. Noch in diesem Jahr soll ein betreutes Taubenhaus am Bayerischen Bahnhof eingerichtet werden, mit Zustimmung der Deutschen Bahn. Es wäre der erste große Schlag, der von ehrenamtlichen Tierschützern in der Messestadt betreut werden würde. Damit könnte der Taubenärger zumindest dort beendet werden.

Quelle: MDR/bb

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 26.02.2020 | 15:20 Uhr

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