Strassenmusik 1989 in Leipzig
Bildrechte: Archiv Bürgerbewegung

10.06.2019 | 16:24 Uhr Als Straßenmusik ein Politikum war - Vortrag in Leipzig

Vor 30 Jahren gingen die Leipziger für die Freiheit der Kunst auf die Straße. Das Straßenmusikfestival war ein wichtiger Schritt zur Friedlichen Revolution. Am Montag erinnert das Stasimuseum an das Festival.

Strassenmusik 1989 in Leipzig
Bildrechte: Archiv Bürgerbewegung

In der DDR war Straßenmusik in den meisten Städten verboten. Die freie Form des künstlerischen Ausdrucks war bei der SED nicht gern gesehen. Straßenmusik war ein Politikum. Deshalb rief die Oppositionsgruppe um den Theologiestudenten Jochen Lässig am 10. Juni 1989 zu einem Straßenmusikfestival nach Leipzig auf. "Das Fest sollte ein Zeichen setzen für die Perversion eines Systems, das Lebendigkeit und spontane Lebensfreude unterdrückt", erinnert sich Lässig.

84 Verhaftungen

Strassenmusik 1989 in Leipzig
Martin Jankowski (r.) hat am 10. Juni 1989 das Straßenmusikfest als Akteur miterlebt. Heute berichtet er Schülern über seine damaligen Erlebnisse. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wie zu erwarten, wurde auch das Straßenmusikfestival von der Staatsmacht verboten. Als Begründung gab man an, dass an diesem Tag das Pressefest der SED-Bezirkszeitung LVZ stattfand. Trotz des Verbots trafen viele Musiker aus der ganzen DDR in Leipzig zusammen und spielten zur Freude der Passanten bis in die Mittagsstunden in der Innenstadt.

Gegen 12 Uhr fuhr die Volkspolizei vor und lud die Musiker samt ihrer Instrumente auf Lkws. Die Verhaftungen dauerten bis zum Nachmittag an. Von den 84 Festgenommenen kamen 53 nicht aus dem Bezirk Leipzig, was die SED zusätzlich beunruhigte. Bis in den Abend gab es spontane Proteste der Leipziger Bürger. Der damalige Gewandhauskapellmeister Kurt Masur schuf in der Gesprächsreihe "Begegnungen im Gewandhaus" ein Podium zum Thema Straßenmusik.

Strassenmusik 1989 in Leipzig
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Sänger singt: Wir haben keine Angst! Und dann antwortete das ganze umstehende Volk: Wir haben keine Angst. Und das war natürlich an einem Tag, wo vorher schon Verhaftungen waren, wo die Stimmung so aufgeputscht war wie an diesem 10. Juni in Leipzig genau der richtige Song. Deswegen, wenn ich dieses Lied heute höre oder einfach nur an diese Situation denke, habe ich immer noch eine Gänsehaut.

Martin Jankowski Schriftsteller und Liedermacher

Veranstaltungsreihe auf dem Weg zur Friedlichen Revoltion

Strassenmusik 1989 in Leipzig
Die 9A der Apollonia-von-Wiedebach-Schule Leipzig beschäftigt sich in einer Projektarbeit mit dem von Polizei und Staatssicherheit gewaltsam beendeten Straßenmusikfestival. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Im Rahmen seiner Veranstaltungsreihe "Heute vor 30 Jahren" beschäftigt sich das Bürgerkomitee Leipzig am Montagabend mit dem Straßenmusikfestival. Tobias Hollitzer, Leiter des Museums in der "Runden Ecke", erklärt: "Wir wollen mit dieser Veranstaltungsreihe die sehr lange Vorgeschichte zur Friedlichen Revolution 1989 ins Bewusstsein holen. Es geht darum, das Bewusstsein zu schärfen, dass es nicht nur der Herbst 89 war, diese zwei, drei Tage davor, der Mauerfall und das wars. Dieses Grundgefühl hatte eine lange Vorgeschichte."

Neben einem Vortrag zu den Ereignissen rund um das Straßenmusikfestival wird es auch Gespräche mit Zeitzeugen geben.

Quelle: MDR/lt

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 10.06.2019 | 19:00 Uhr

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2 Kommentare

12.06.2019 02:00 Durendal 2

Wer heute ohne Genehmigung der Stadt auftritt, kann auch ein Bußgeld erhalten oder des Platzes verwiesen werden.
Ich meine, das kannn dann auch mit Hilfe der Polizei durchgesetzt werden.

11.06.2019 11:54 Kirchenmitglied 1

Damals wurde das von Studenten einberufene Straßenmusikfestival als Störung der sozialistischen Ordnung angesehen. Die Kläger waren neben der Stasi zumeist Genossen aus der linken SED. Heute werden von Studenten initiierte Veranstaltungen immer noch als Störung eingestuft, jetzt als Störung der bürgerlichen Ordnung. Der Unterschied bei den Klägern gegenüber früher ist, dass sie aus genau der entgegengesetzten politischen Richtung stammen. Erstaunlich ist die Kongruenz bei den Abwehrreaktionen und Verhaltensmustern.

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