21.09.2019 | 17:10 Uhr Tag des Handwerks in Leipzig zeigt: Nachwuchs muss her

Tag des Handwerks Leipzig 2019
Bildrechte: Moritz Arand

Zum bundesweiten Tag des Handwerks hat am Sonnabend auch die Handwerkskammer zu Leipzig zum "Markt der Vielfalt" auf den Augustusplatz eingeladen. Unter dem Motto #handwerkfeiert konnten sich Interessierte bei besten Spätsommerwetter an zahlreichen Ständen über unterschiedlichste Handwerksberufe informieren. Mehr als 60 Innungen und Handwerksbetriebe stellen sich vor. Das ist Ausstellungsrekord, verkündete die Handwerkskammer. Dass so viele die Möglichkeit nutzten sich der Öffentlichkeit zu präsentieren hat vor allem einen Grund: Nachwuchs muss her.

"Es kann nicht jeder studieren"

Tag des Handwerks Leipzig 2019
Die Zahlen der Auszubildenden im Dachdecker-Handwerk steigen. 120 Azubis gibt es derzeit in Sachsen. Bildrechte: Moritz Arand

"Vor allem gutes Personal fehlt", erklärt Dachdeckermeister Holzhäuser MDR SACHSEN. Auch wenn es den Dachdeckern gut gehe, scheuten viele junge Menschen den Schritt ins Handwerk zu gehen. "Wir müssen versuchen, die jungen Leute aufs Handwerk zu lenken. Dafür müssen die Schüler aber auch in die Betriebe geschickt werden. Es kann nicht jeder studieren", kritisiert Holzhäuser. Aus diesem Grund geht die Innung der Dachdecker selbst an die Schulen, ergänzt Dachdeckermeister Andreas Kunert. "Ich denke, wir sind auf einem guten Weg", so Kunert weiter. Waren es vor ein paar Jahren nur noch 60 Azubis in Sachsen, wollen derzeit 120 Lehrlinge Dachdecker werden.

Gründungswillen stärken

Tag des Handwerks Leipzig 2019
Torsten Otto von der Raumausstatter- und Sattlerinnung befürchtet ein Aussterben seines Handwerks. Bildrechte: Moritz Arand

Die Stimmung  bei der Raumausstatter- und Sattlerinnung ist eher getrübt. "Es gibt wenig Interesse für unseren Berufszweig", erklärt Irene Kristof. Die Fachlehrerin für Gestaltung kritisiert unter anderem das geringe Ausbildungsgeld von 200 Euro im Monat. Obermeister Torsten Otto ergänzt, dass nur wenige im Handwerk etwas lernen wollen. "Die Betriebe werden immer weniger. Wenn es so weitergeht wird das Handwerk aussterben", so Otto. "Wir müssten mehr Leute finden, die die Betriebe von ihren Eltern übernehmen oder den Weg in die Selbstständigkeit zu wagen", schlägt er als Lösung vor.

"Die Bezahlung ist ein Desaster"

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Der Frisörberuf ist schlecht bezahlt. 900 Euro verdienen die Beschäftigten im Schnitt. Bildrechte: Moritz Arand

Ähnlich düster sieht es im Frisörhandwerk aus. Gabriele Hochmuth, 25 Jahre Ausbilderin, erklärt MDR SACHSEN, dass zwar viele Stellen frei sind, aber ein Großteil der Azubis nach der Ausbildung abbricht. "Die Bezahlung ist ein Desaster", betont Hochmuth. Mit 900 Euro im Monat bleibe vielen nichts anderes übrig, wenn sie nicht noch nebenbei jobben wollen. "2.000 Euro sollten es schon sein", fordert Hochmuth.

"Wir brauchen auch Indianer"

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Zimmerermeister Mario Tetzner: "Es kann nicht nur Häuptlinge geben. Wir brauchen auch Indianer." Bildrechte: Moritz Arand

Mario Tetzner von der Zimmererinnung gibt vor allem der Bildungsgrad der angehenden Azubis zu denken. "Selbst bei Abiturienten sind die schulischen Leistungen mitunter mangelhaft", erklärt er. Zudem fehle den jungen Menschen die Idee von dem, was sie später einmal werden wollen. Viele wollen gar nicht im Handwerk tätig sein, meint Tetzner. "Sie müssen den ganzen Tag im Freien arbeiten und werden dreckig. Aber wir brauchen das Handwerk", betont der Meister. "Es kann nicht nur Häuptlinge geben. Wir brauchen auch Indianer." Zudem sei es möglich, als "Indianer" heute einen sicheren und lukrativen Job zu haben. "Die Auftragsbücher sind voll", versichert der Zimmermann.

Spezialisierte Schornsteinfeger

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Früher auf dem Rad, heute eher am Schreibtisch: Das Handwerk des Schornsteinfegers hat sich verändert. Bildrechte: Moritz Arand

Ein Berufszweig mit den größten Änderungen dürfte der Schornsteinfeger sein. "Vor 30 Jahren bin ich noch mit Besen in Schornsteine reingestiegen, heute sitze ich mehr am Schreibtisch", erzählt Torsten Kohl von der Schornsteinfeger-Innung. "Wir spezialisieren uns vor allem in Richtung Brandschutz, Energieberatung sowie Lüftungstechnik für Wärmerückgewinnung", ergänzt er. Gefragt nach der Qualität der Auszubildenden kritisiert Kohl, dass vielen die Einstellung fehlt. "Viele kriegen den Mund nicht auf, müssen aber dem Kunden erklären, was sie machen", fasst der Schornsteinfeger zusammen, fügt aber hinzu: "Wir sind auf dem Weg der Besserung."

Quelle: MDR/mar

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 19.09.2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. September 2019, 17:11 Uhr

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