Ein Plakat mit der Ankündigung einer Tagung
Bildrechte: MDR/Barbara Brähler

13.06.2019 | 12:45 Uhr Schule unter Druck - Wertebildung am Pranger?

Immer wieder fordern nicht nur Rechtspopulisten von Schulen "Neutralität". Den Lehrkräften wird Meinungsmache vorgeworfen, im Internet werden sie auf Online-Prangern fachlich und politisch angegriffen. Doch es gibt kein Neutralitätsgebot, das sächsische Schulgesetz formuliert einen humanistische Bildungsauftrag. Doch was bedeutet das konkret? Was dürfen Lehrkräfte und was nicht? Auf einer Tagung der Heinrich-Böll-Stiftung in Leipzig wurde nun versucht, Antworten darauf zu finden.

Ein Plakat mit der Ankündigung einer Tagung
Bildrechte: MDR/Barbara Brähler

Nicht nur Unterrichtsstoff vermitteln ist Aufgabe eines Lehrers. Oftmals ist er oder sie auch Vertrauensperson. Muss Konflikte moderieren, Lösungen zusammen mit Schülern finden. Doch Lehrkräfte stehen heutzutage unter immensem Druck. Gerne wird ihnen vorgeworfen, den Schülern ihre eigene Meinung überzustülpen oder sie werden im Internet auf Online-Prangern fachlich und politisch angegriffen. Wie damit umzugehen ist, dass war am Mittwoch Thema einer Konferenz in Leipzig. Unter dem Motto "#nichtneutral - Schule unter Druck. Wertebildung am Pranger?" hatte die Heinrich-Böll-Stiftung zusammen mit dem Verein Courage - Werkstatt für demokratische Bildungsarbeit Sachsen e.V. eingeladen.

In verschiedenen Workshops diskutierten die Pädagogen unter anderem über den Umgang mit Online-Portalen, auf denen sie bewertet, kritisiert, teils auch persönlich angegriffen werden. Außerdem ging es darum, wie wichtig politische Bildung ist. Und wie man mit Extremismus umgehen sollte. Ursprünglich war die Tagung in der Villa Ida in Leipzig-Gohlis für 100 Teilnehmer konzipiert. 130 Lehrkräfte und Schulsozialpsychologen waren es letztlich, die kamen. Ein Zeichen, dass hier wohl großer Bedarf besteht.

Wenn Unsicherheit im Nichtstun endet

Der Verein Courage bietet im Jahr rund 350 Maßnahmen für Schulen und Schüler an. Darüber informierte Anne Gersch, Projektleiterin des Vereins, auch auf der Tagung. Zum Teil gebe es Schulen, die mehrere Maßnahmen wie Projekttage oder Seminare im Jahr durchführen, manche würden aber auch nur ein oder zwei mit dem Verein wahrnehmen. Geboten werde unter anderem Weiterbildung zu Themen wie Vorurteile, Diskriminierung, Rassismus oder Homophobie. Dabei werde mit den Schülern geklärt, wer die Akteure sind und wo diese Äußerungen vertreten werden. Der Schwerpunkt sei die Wissensvermittlung und die Unterstützung von Betroffenen, erklärte Gersch.

Was kann ich im Alltag tun, wenn ich im Bus oder in der Klasse Beleidigung höre? Wie kann ich da eingreifen? Also sehr niedrigschwellig.

Anne Gersch Courage-Werkstatt für demokratische Bildungsarbeit Sachsen

Der Verein bietet auch Fortbildung für Lehrkäfte, z.B. wie man im Schulalltag mit Diskriminierung umgehen kann. "Es gibt einen ganz klaren Auftrag, was die Wissens,- aber auch die Wertebildung betrifft", sagte Anne Gersch über die Aufgaben eines Lehrers. Und wenn Grundrechte verletzt würden, z.B. bei rassistischen Vorkommnissen, müsste nicht nur die Lehrkraft, sondern alle mit Haltung einschreiten.

Es geht dabei nicht darum, die eigene parteipolitische Haltung darzustellen. Es geht darum, das, was in Wissenschaft und Politik, in der Gesellschaft kontrovers diskutiert wird, auch so darzustellen.

Anne Gersch Courage-Werkstatt für demokratische Bildungsarbeit Sachsen

Es gehe dem Verein um menschenfeindliche Einstellungen, die an vielen Orten zu finden sind, fügt die Geschäftsführerin der Couragewerkstatt, Nina Gbur hinzu. Sollte ein Lehrer doch seine Meinung kundtun, müsse er diese im Zweifel kenntlich machen und nicht als Wahrheit verkaufen. Gerade diese Unsicherheit, was gesagt werden darf und was nicht, führen zum Nichtstun und damit eigentlich zur Duldung von Äußerungen und Meinungen, die menschenverachtend sind und die Grundwerte verletzen, so Gbur.

W wie Werte

Dass hinsichtlich der Wertebildung und der politischen Bildung was passieren muss, weiß auch Roman Schulz vom Landesamt für Schule und Bildung. Jahrelang habe die politische Bildung nicht ganz oben auf der Agenda der sächsischen Landesregierung gestanden und sei nicht besonders gefördert worden. Doch die Gesellschaft habe sich sehr verändert. Aus der Sicht von Schülern gebe es dadurch eine Vielzahl an Problemen und Entwicklungen, sei es global oder regional, erklärt Schulz.

Und unter diesem Kontext ist es wichtig, dass junge Leute im Bereich der Demokratieerziehung, der Wertebildung, der politischen Bildung ein Rüstzeug mit auf den Weg bekommen.

Roman Schulz Landesamt für Schule und Bildung

Seit 2018 gibt es nun ein neues Handlungskonzept des Kultusministeriums, wie die demokratische Schulentwicklung und die politischer Bildung an sächsischen Schulen gestärkt werden können. Der Titel: "W wie Werte". Es beinhalte, so Schulz, "warum wir uns ausdrücklich dazu bekennen, dass politische Bildung und Demokratieerziehung Bestandteil einer modernen Schule ist".
Dieses Konzept sei allerdings nur als Impuls, als Rahmenvorgabe zu verstehen und nicht als Handlungsanweisung, nach dem sich die Schulen orientieren können, fügt Schulz hinzu.

Ein Lehrer betritt das Lehrerzimmer in einem Gymnasium.
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Rückgrat gefordert

GEW-Landesvorsitzende Ursula-Marlen Kruse wünscht sich bei der Debatte um die Wertebildung vor allem eine Offenheit der Schulleitungen zu Themen wie Rassismus oder Antisemitismus. Auch sollte die Schulverwaltung zu diesen Themen besser beraten.

Ein Frau steht im Grünen
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Wir brauchen viel mehr eine offene Debatte, vom Kultusministerium, über das Landesamt für Schule und Bildung, über die Schulleitung bis hin zu den Lehrkräften, wo wir uns der Probleme bewusst sind und sie in aller Ruhe diskutieren.   

Ursula-Marlen Kruse Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft

Courage - Werkstatt für demokratische Bildungsarbeit Sachsen Das Netzwerk für Demokratie und Courage (NDC) ist ein bundesweites Netzwerk, das von jungen Leuten getragen wird und sich für Demokratieförderung und gegen menschenverachtendes Denken engagiert. Das Hauptaufgabenfeld des NDC ist die Ausbildung von jungen Menschen als Multiplikator*innen und die Durchführung von Projekttagen, Seminaren und Fortbildungen an Schulen, Berufsschulen, Bildungseinrichtungen sowie für viele andere Gruppen.
Das NDC besteht bereits seit 1999 und verfügt in zwölf Bundesländern über eigene Länderbüros. Von hier aus werden unter anderem Schulen unterstützt. Auf Bundesebene vertritt der Verein Netzwerk für Demokratie und Courage e.V. die Interessen des Netzwerkes.

Quelle: MDR/bb

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 12.06.2019 | 19:00 Uhr

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