Versandhändler will Vorzeigeunternehmen vorzeigen Zu Besuch bei Amazon in Leipzig

Unumstritten ist Amazon nicht. So streiken Mitarbeiter seit mehr als fünf Jahren für einen Tarifabschluss. Einzelhändler sehen sich in ihrer Existenz durch den Versandriesen bedroht. Nun dreht das Unternehmen an der PR-Schraube und lädt zu sich ein. An allen Wochentagen gibt es nun Führungen für Kunden, Neugierige, Kritiker und Konkurrenten. Sowas nennen Kritiker , "den Wind aus den Segeln nehmen".

Logistikzentrum Leipzig
Logistische Meisterleistungen beim Versandriesen. Bildrechte: MDR

Der Versandriese Amazon in Leipzig gleicht Fort Knox, gesichert als würden die gesamten Goldreserven Deutschlands hier lagern. Am stählernen Drehkreuz werden Besucher wie Mitarbeiter einzeln auf das Gelände vorgelassen. Ins Herz des Versandzentrums gelangt man durch eine Art Flughafen-Check-In. Noch strenger aber wird der Ausgang aus der Logistikhalle kontrolliert. Drei bis vier Security-Angestellte überwachen die Sicherheitsschleusen, durch die jeder Mitarbeiter in den Pausenraum oder zu den Toiletten gelangt. Fotos dürfen davon nicht geschossen werden. Die Detektoren seien in jeder großen Firma üblich, erklärt PR-Beauftragter Stephan Eichenseher, der für den Rundgang durch den Leipziger Standort, zu dem sich der MDR am Dienstag angemeldet hatte, extra aus München angereist war.

Millionen Artikel auf elf Fußballfeldern

Regal bei Amazon. In einem Fach liegen neben einer Babypuppe Chinanudeln.
Regal bei Amazon. In einem Fach liegen neben einer Babypuppe Chinanudeln. Bildrechte: MDR

Das in der Kritik stehende Unternehmen lässt sich seit Februar auf die Förderbänder und in die Regale schauen und hinterlässt dabei in Leipzig einen bleibenden Eindruck. Die drei Lagerhallen belegen eine Fläche von elf Fußballfeldern und erstrecken sich in der Höhe über drei Etagen. Sie beherbergen insgesamt 76 Kilometer Regale. In sogenannter chaotischer Lagerhaltung liegt hier die New Born Puppe neben Chinanudeln, der Exzenterschleifer neben dem Eierkocher. Doch das Chaos hat Methode. Der Picker ist ausgestattet mit einem kleinen Handcomputer, der den Artikel mit Bild, Regalposition und Systemnummer anzeigt. So arbeitet sich der Amazon-Mitarbeiter Tag für Tag durch die Regalreihen, sammelt, was andere bestellt haben und legt dabei täglich um die 15 Kilometer Fußmarsch zurück. Die Artikel werden in schwarzen Boxen - in sogenannten Totes - gesammelt und über ein Straßensystem aus 16 Kilometer Förderband schließlich zum Packer transportiert.

Hinter den Kulissen Zu Besuch bei Amazon in Leipzig

Der Versandhändler Amazon gewährt seit kurzem Einblicke in sein Logistikzentrum.

Regale erstrecken sich über drei Etagen
Der Standort Leipzig verfügt über drei Lagerhallen. Sie erstrecken sich über drei Etagen. Sie nehmen die Fläche von elf Fußballfeldern ein. Bildrechte: MDR
Regale erstrecken sich über drei Etagen
Der Standort Leipzig verfügt über drei Lagerhallen. Sie erstrecken sich über drei Etagen. Sie nehmen die Fläche von elf Fußballfeldern ein. Bildrechte: MDR
Ein Straßensystem an Förderbändern mit einer Gesamtlänge von 16 Kilometern erstreckt sich durch die Lagerhallen
Ein Straßensystem an Förderbändern mit einer Gesamtlänge von 16 Kilometern schlängelt sich durch die Lagerhallen. Bildrechte: MDR
Schwarze Sammelbox in die bestellte Artikel gelegt werden.
In sogenannten Totes werden die Artikel einer Bestellung zunächst zusammengefasst. Bildrechte: MDR
Maschine, die Adressaufkleber auf die Pakete klebt
Hier erhalten die Pakete ihren Adressaufkleber und werden gleichzeitig gewogen. Bildrechte: MDR/Andreas Lander
Fertig gepakte Pakete in einem Transportwagen.
Die Pakete werden nach Liefergegenden sortiert und gestapelt ... Bildrechte: MDR
LKW warten auf die Beladung
... anschließend verschwinden sie in den Bäuchen der LKW, die hier darauf warten, beladen zu werden. Bildrechte: MDR
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Eine Frau nimmt aus kleinen Regalfächern Artikel und packt sie in ein Paket. Vor ihr ein Computer, der ihr anzeigt, was in den jeweiligen Karton gehört.
Eine Packerin sortiert die Artikel ins Paket. Bildrechte: MDR

Der Packer bestückt schließlich Paket für Paket. Sein Computer sagt ihm dabei, welche Kartongröße für die jeweilige Bestellung am besten passt. Tetris muss der Packer aber dann allein spielen. Der Computer kommt erst wieder zur Kontrolle seines menschlichen Kollegen ins Spiel. Anhand des Gesamtgewichtes stellt er fest, ob alle bestellten Artikel im Paket sind. Gibt es Abweichungen vom Soll-Gewicht, hat es wohl irgendwo einen Fehler gegeben und das Paket geht in die Revision.
PR-Beauftragter Eichenseher sagt, wenn es gut laufe, dann vergingen zwischen dem finalen Bestellclick am heimischen Computer und dem Schließen des gepackten Pakets im Schnitt 90 Minuten.

Amazonisch für Anfänger Totes - Kisten
Bin - Regalfächer
Rangling - Sortieranlage
Slow-Products - Artikel mit längerer Verweildauer im Lager
Fast-Products - Artikel mit kürzerer Verweildauer im Lager
Picker - Artikeleinsammler
Packer - Artikelverpacker

Arbeitgeber Amazon

Hinweisschild für Mitarbeiter "Um Kickouts zu vermeiden, nicht zu viel Fillpack nehmen."
Hinweise für einen störungsfreien Arbeitsablauf. Bildrechte: MDR

Amazon präsentiert sich als vorbildlicher Arbeitgeber. Die Mitarbeiter würden fair bezahlt, jeder habe Aktien des Unternehmens, erhalte Zuschläge zu Rentenversicherung, Elternzeit, Mutterschutz und Weiterbildung. Die Mitarbeiter bekommen zudem für besonders gute Leistungen eine Art Treuepunkte, die dann in Merchandisingartikel umgewandelt werden können: Amazon-gelabelte Fußbälle, Tassen oder Basecaps. Auch Gesundheitsfürsorge werde für die 1.500 Festangestellten groß geschrieben, sagt PR-Mann Eichenseher. Bei dieser Gelegenheit werden auch die Besucher belehrt, an den Treppen unbedingt den Handlauf zu benutzen, um Stürzen vorzubeugen. Es gibt viele Treppen während des Rundgangs und fast genauso viele Ermahnungen für die Gäste. Während der eineinhalb Stunden ist viel von großartigen Mitarbeitern die Rede. Der Firmenphilosophie folgend, duzen sich alle im Unternehmen. Die Gästeführerin schert hier und da aus der Runde aus, um kurz Freundinnen zu begrüßen.

Gewerkschaft kritisiert Amazon

Die Gewerkschaft Verdi kritisiert die Mitarbeiter-Fürsorge in Form von freiwilligen Zahlungen und Boni. Diese könnten jederzeit storniert und rückgängig gemacht werden. Deshalb kämpft Verdi seit mehr als fünf Jahren für einen Tarifvertrag. Dieser gewähre, anders als die Treuepunkte, rechtliche Ansprüche, so die Gewerkschaft. Die Entlohnung sei in einem Tarifvertrag verbindlich und verlässlich geregelt. Bislang verweigert das Unternehmen diese Forderung hartnäckig. Amazon ist einer der größten Arbeitgeber in der Region. Wer selbst einmal erleben möchte, wie die bestellten Waren sortiert, verpackt und versendet werden, kann sich zu den Führungen anmelden, die das Unternehmen jetzt von Montag bis Freitag anbietet.

Quelle: MDR/gg

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 05.03.2019 | 17:20 Uhr

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Zuletzt aktualisiert: 06. März 2019, 08:03 Uhr

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