14.05.2019 | 14:30 Uhr 365-Euro-Ticket: Passt das Wiener Modell zu Leipzig?

Es klingt wie eine Utopie: Einen Euro am Tag für den ÖPNV zahlen und dafür so viel fahren, wie man lustig ist. Die Utopie ist in Wien Realität. Die Wiener Linien haben diese Art Jahresticket im Mai 2012 eingeführt. Heute blickt halb Deutschland auf die Stadt an der Donau und fragt sich, wie sich das trägt. Auch Leipzig. Dort soll sich am Mittwoch der Stadtrat mit dem Vorschlag befassen.

Ein Bus der Wiener Linien an einer Haltestelle. Fahrgäste steigen ein und aus.
Bildrechte: Wiener Linien GmbH & Co KG/Christoph H. Breneis

Bonn testet ein 365-Euro-Ticket seit Januar - allerdings kommen dort nur Neukunden in den Genuss dieses Angebotes. Der Bund unterstützt das Projekt mit 20 Millionen Euro. In München haben Politiker und Vertreter des ÖPNV Ende April in der Staatskanzlei eine gemeinsame Erklärung zur Zukunft des öffentlichen Personennahverkehrs verabschiedet. In der Folge kündigte Ministerpräsident Markus Söder an, als erster Schritt solle ein 365-Euro-Jahresticket für Schüler und Auszubildende eingeführt werden - vielleicht schon im Herbst. Andere Städte prüfen noch. Auch in Leipzig ist das Wiener Modell derzeit Gesprächsthema.

Was ist das Wiener Modell?

Diagramm
Bildrechte: Wiener Linien GmbH & Co KG

Die Wiener Linien, die Verkehrsbetrieb der österreichischen Hauptstadt, haben das neue Jahresticket im Mai 2012 eingeführt. Von da an zahlten die Kunden statt 449 Euro nur noch 365 Euro im Jahr für die Nutzung des gesamten Liniennetzes aus U-Bahn, Straßenbahn und Bus. Gesenkt wurden zugleich auch die Preise für das Monatsticket. Dagegen wurden die Ticketpreise für Gelegenheitskunden erheblich angehoben. Die Strategie dahinter: Mit den Zeitkarten sollen Stammkunden gewonnen werden. Im Jahr 2016 besaß jeder dritte Wiener eine Jahreskarte. Mit dem neuen Preismodell lohnt sich eine Jahreskarte bereits nach 14 Fahrten im Monat gegenüber einer Einzelfahrkarte.

Wie finanziert sich das Wiener Modell?

Diagramm mit steigender Kurve.
Bildrechte: Wiener Linien GmbH & Co KG

Laut einer Studie, die vom Rhein-Main-Verkehrsverbund in Auftrag gegeben wurde, haben die Wiener Linien durch ihre Fahrgäste rund 413 Millionen Euro im Jahr 2015 eingenommen, 41 Prozent davon aus dem Verkauf der Jahrestickets. Gleichzeitig bezuschusst die Stadt den ÖPNV mit 50 Millionen Euro. Aber es gibt noch zwei weitere Geldquellen, die Städte wie Leipzig beispielsweise nicht anzapfen oder anzapfen können. Nahezu gleichzeitig mit der Einführung des neuen Jahrestickets wurden die Parkgebühren in Wien deutlich erhöht. Dies spült nach Angaben der Studie jährlich rund 50 Millionen Euro in die Stadtkasse. Zudem muss seit 2012 jeder Arbeitgeber in Wien zwei Euro je Beschäftigten und Beschäftigungswoche an die Stadt Wien zahlen. Dieser Betrag wird zweckgebunden für den Ausbau der U-Bahn eingesetzt.

Die steigenden Fahrgastzahlen in Wien gehen einher mit einem Bevölkerungs- und Besucherzuwachs. Ein nicht unbedeutender Faktor, den auch Leipzig aufweist. Zeitgleich haben die Wiener Linien und die Stadt die Entwicklung der sogenannten Öffis vorangetrieben. So wurde in den vergangenen 20 Jahren das Netz und hier vor allem das der U-Bahn ausgebaut und das Angebot verbessert und somit die Attraktivität gesteigert.

Und wie sieht es in Leipzig aus?

Straßenbahn der Leipziger Verkehrsbetriebe vor dem Rathaus der Stadt.
Bildrechte: dpa

Im vergangenen Jahr haben 156 Millionen Fahrgäste Bahnen und Busse in Leipzig genutzt. Da die Stadt immer weniger Autoverkehr auf den Straßen möchte und zudem die Bevölkerung wächst, wird derzeit davon ausgegangen, bis zum Jahr 2024 etwa 185 Millionen Menschen zu befördern und bis 2030 sogar 220 Millionen. Für die Umsetzung plant die Stadt mit breiteren Straßenbahnen, mehr Gelenkbussen sowie mit einer dichteren Taktung und neuen Linien.

Aktuell kostet der Öffentliche Nahverkehr in Leipzig pro Jahr 180 Millionen Euro. 60 Prozent davon werden über Fahrgelderlöse finanziert. Damit haben Leipzig und Wien eine Gemeinsamkeit. Auch in der Stadt an der Donau erbringen die verkauften Fahrscheine etwa 60 Prozent der Einnahmen. In Leipzig kostet die preiswerteste Variante, durch das gesamte Jahr zu kommen, am Tag reichlich zwei Euro und damit doppelt so viel als in Wien. Das Jahresabo lohnt sich erst ab der 25. Fahrt im Monat, in Wien bereits nach 14 Fahrten.

Fahrkartenautomat Leipzig
Der Fahrpreis für ein Ticket für die Dauer einer Stunde in Leipzig beträgt inzwischen 2,70 Euro. Bildrechte: MDR/Katharina Pritzkow

Die Einführung einer 365-Jahreskarte im Leipziger Stadtgebiet würde [ ... ] die finanzielle Leistungsfähigkeit des ÖPNV-Systems deutlich überfordern.

Stadt Leipzig Verkehrs- und Tiefbauamt

Dass die Attraktivität des ÖPNV nicht eins zu eins mit dem Preis einer Fahrkarte einhergeht, zeigen einige Studien. Erhebungen der Leipziger Verkehrsbetriebe haben ergeben, dass wichtige Kriterien für Kunden auch Pünktlichkeit sowie Anschlüsse und Verbindungen sind. Um die Erweiterung des ÖPNV-Angebotes weiter voranzutreiben, könne deshalb auch in Zukunft nicht auf Fahrpreiserhöhungen verzichtet werden, teilt das Verkehrsamt der Stadt Leipzig auf Anfrage von MDR SACHSEN mit. Das heißt im Umkehrschluss, Leipzig kann oder will sich derzeit nicht vorstellen, die Preise für einen Teil der Tickets, etwa ein Jahresticket, einzufrieren oder gar zu senken.

Die Verwaltung führt außerdem aus, dass eine Preissenkung fast ausschließlich zu Lasten des Rad- und Fußverkehrs gehe und nicht zu Lasten des Individualverkehrs. In der Tat ist der Anteil des Radverkehrs in Wien im Vergleich zu ähnlich großen Städten sehr niedrig.

Stadtrat soll Konzept auf den Weg bringen

Die Umweltinitiative "Ökolöwe Leipzig" hat unterdessen eine Unterschriftenaktion zur Einführung des 365-Euro-Tickets gestartet. Mehr als 10.000 Menschen haben bisher unterschrieben. Das sei ein deutliches Signal an den Stadtrat, sagte der verkehrspolitische Sprecher des Verbands, Tino Supplies. Der soll in seiner Sitzung am Mittwoch dafür stimmen, dass in der Stadt bis zum Ende des Jahres ein Konzept erarbeitet wird. Den Antrag haben SPD und Linke eingebracht. Der Leipziger Ökolöwe appellierte an die Stadträte, nicht immer nur Gründe zu nennen, warum etwas nicht geht, sondern Chancen zu suchen, Neues zu probieren.

Leipzig muss Pilotregion für vorbildlichen Nahverkehr in Sachsen und ganz Deutschland werden. Das 365-Euro-Jahresticket nach Wiener Modell macht dies möglich.

Tino Supplies Verkehrspolitischer Sprecher Ökolöwe Leipzig
Straßenbahnen in Leipzig.
Bildrechte: imago/Stefan Noebel-Heise

Die Verfasser der Studie "Das Wiener Modell - ein Modell für deutsche Städte" kommen im Übrigen zu dem Schluss, dass die Umsetzung des Wiener Modells ein Verkehrsangebot erfordert, dass eine höhere Nutzung des Öffentlichen Nahverkehrs möglich macht. Heißt, die Nutzung von Bahn, Bus und Rad sollte ohne Einschränkungen der Mobilität oder sozialen Teilhabe im Vergleich zum privaten Pkw möglich sein. Ist das schon die Antwort auf die Frage, ob das Wiener Modell zu Leipzig passt?

Quelle: MDR/gg

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 15.05.2019 | 06:30 Uhr in den Regionalnachrichten aus dem Studio Leipzig

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6 Kommentare

15.05.2019 21:39 Tramwayfahrer 6

Als Wiener darf ich ergänzen, dass sich seit Einführung des günstigen Jahrestickets da Angebot im Sekundärverkehr deutlich verschlechtert hat. Maßgebend sind Intervallausdehnungen zu nennen - die Wartezeiten erhöhen sich. Schlechtere Intervalle zB bei den Linien 71,49, 10, bedeuten weniger Garnituren und somit weniger Aufwand. Damit wurden die Kosten gesenkt. Der Ausbau des Liniennetz wie bei den Linien D, 15, oder O stockt. Linien wie die Linie 58 wurden eingestellt oder "optimiert" (Linien 44 und 2).Lediglich die geliebte sehr teure U-Bahn wird ausgebaut. Um die zus. Fahrgäste zu befördern, werden zahlreiche Sitzplätze in den Garnituren wie dem Fahrzeugtyp Ulf durch Stehplätze ersetzt, womit die Qualität sinkt.

15.05.2019 09:37 schmachulke 5

Uns unmündigen Bürgern wird doch seit 30 Jahren eingebläut, dass Privatisierung der Schlüssel für ein schöneres Leben sind. Jetzt merken langsam auch die letzten, dass es gesellschaftliche Bereiche gibt, in denen kein Profit gemacht werden darf. Neben Gesundheitswesen, Wasserversorgung usw. gehört auch der ÖPNV dazu. Natürlich müsste ein 365-Euro-Ticket bezuschusst werden. Und sage mir keiner, dass kein Geld da ist! Für die Bundeswehr geben wir pro Woche eine knappe Milliarde Euro aus. Da fragt man sich schon, ob die Regierenden noch alle Tassen...

15.05.2019 03:07 Stealer 4

@NN: der ÖPNV rechnet sich auch heute nicht, da er sich selbst nicht finanzieren kann. Und zu DDR-Zeiten war er ökonomisch lebensnotwendig.

Grundsätzlich ist der ÖPNV ein Instrument zur Regelung des innerstädtischen Verkehrs, zudem hat er auch eine soziale Komponente, da er oftmals die einzige Option für ältere Menschen, Kinder und Gehbehinderte ist

14.05.2019 19:32 NN 3

Na irgendwie gabs das alles schon einmal: die Einzelfahrt 20 Pfennige, dazu eine Miete von 35 Mark im Monat (so dass sich beides betriebswirtschaftlich garnicht rechnen kann), kein Privateigentum an Produktionsmitteln (Fabrikenteignung) das ganze nannte sich Sozialismus, war total böse und wurde gestürzt. Bedingungsloses Grundeinkommen hätte es erst im Kommunismus gegeben. - Bekommt jetzt Marx durch die Hintertür doch recht?

14.05.2019 18:18 Rudi Radlos 2

...ob das Wiener Modell zu Leipzig passt?
Dann müssen die Verantwortlichen im Rathaus und die Betreiber des des Öffentlichen Nahverkehrs alle an einen Strang ziehen.
Die CDU blockiert ja immer. Proleme sind auch die alten
Straßenbahngleise. Wurde ja nicht in die Zukunft investiert.
Auf den Straßen ist Chaos pur. Immer mehr junge Leute kommen in die Stadt. In der Weimarer Republik plante man schon mit eine Million Einwohnern für die Zukunft. Dann kamen die Nationalsozialisten und später die Kommunisten, die alles über den Haufen warfen. Menschen mit Visionen will man heute nicht dort.

Das 365-Euro-Ticket wäre was.
Aber Leipzig ist nicht Wien. Dort ticken die Menschen anders. Leipzig ist noch 50 % DDR im denken und handeln. Es fehlen die Leute, die was bewegen wollen.
Sind welche da, werden diese ausgebremst oder gehen dann weg.

14.05.2019 18:02 Zeitgeist 1

Unter dem Bürgermeister Herrn Tiefensee wäre das möglich gewesen, aber unter den Herrn Jung.... Zweifel !

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