16.12.2019 | 11:34 Uhr Tierheime stoppen Vermittlung: "Ein Tier ist kein Pullover"

Auf den Wunschzetteln vieler Kinder stehen sie auch in diesem Jahr: Hunde, Katzen, Kaninchen, Meerschweinchen und andere Tiere zum Liebhaben und Toben. Doch der Deutsche Tierschutzbund stellt klar: Tiere sind keine Geschenke. Damit Haustiere nicht unbedacht unterm Weihnachtsbaum landen, haben einige Tierheime vorerst ihre Vermittlung gestoppt.

Ein Mops (Hund) liegt schlafend auf einem Geschenk
Ein Welpe unterm Weihnachtsbaum ist zwar süß, bedeutet aber auch jahrelange Verantwortung für das Tier. Bildrechte: Colourbox.de

Ein kleines Kätzchen oder ein tapsiger Welpe - das sind Garanten für die oft beschworenen leuchtenden Kinderaugen an Heiligabend. Große Freude kann aber nach den Feiertagen in noch größeren Frust umschlagen. Wenn klar wird, dass das Tier nicht zur Familie passt, viel mehr Zeit in Anspruch nimmt als ursprünglich gedacht oder den finanziellen Rahmen im Unterhalt sprengt, landen diese Tiere nicht selten (wieder) im Tierheim.

Vermittlungsstopp zum Wohl der Tiere

"Jedes Jahr nehmen wir etwa 300 neue Tiere auf - viele davon wurden unüberlegt angeschafft, oftmals auch zu Weihnachten", sagt der Delitzscher Tierheimleiter Maik Hasert. Der Tierrechtsorganisation Peta zufolge werden jährlich rund 300.000 Tiere in deutschen Tierheimen abgegeben oder ausgesetzt, viele von ihnen waren sogenannte Impulskäufe. Maik Hasert stellt aber klar: "Ein Tier ist kein Pullover und kein Spielzeug, keine Sache, die ich einfach umtauschen kann, wenn sie nicht passend ist oder nicht gefällt." Der Tierschutzverein Delitzsch will vorsorgen und hat bereits angekündigt, auch in diesem Jahr wieder die Tiervermittlung vor Weihnachten zu stoppen.

Einzelfallentscheidungen in Leipzig

Ein Mann steht vor einer Glasscheibe, im Hintergrund ist ein Vogel zu sehen.
Michael Sperlich ist der Leiter des Tierheims in Leipzig. Bildrechte: MDR/Katharina Pritzkow

Grundsätzlich stimmt Tierheimleiter Michael Sperlich aus Leipzig seinem Delitzscher Kollegen zwar zu – einen generellen Vermittlungsstopp hält er aber nicht für notwendig. Denn unter Umständen kann es sogar sehr sinnvoll sein, sich genau in dieser Zeit ein Tier zuzulegen, erklärt der Experte: "Manch einer nutzt dann seinen Weihnachtsurlaub zur Eingewöhnung. Wichtig ist nur, dass an den Weihnachtstagen nicht so viel Trubel herrscht. Außerdem gucken wir bei den Vermittlungen, ob hier der Verdacht besteht, dass die Tiere weiter verschenkt werden sollen. Das möchten wir natürlich auch nicht."

Das Tierheim in Leipzig vermittelt grundsätzlich nur an den sogenannten "Endabnehmer", also denjenigen, der sich nachher auch um das Tier kümmern soll. "Wenn wir herausfinden, dass ein Tier verschenkt werden soll, dann überzeugen wir die Leute, das in Form eines Gutscheins zu machen." So kann zum Beispiel die Schutzgebühr hinterlegt werden und der Beschenkte sucht sich sein zukünftiges Tier im neuen Jahr selber aus. Laut Sperlich hat sich das bewährt: "Manchmal waren die Beschenkten gar nicht so wild auf ein Tier und froh, dass es noch nicht da war."

Vorsicht bei Tieren aus dem Internet!

Ein Mann hält ein Smartphone in der Hand. In der App eBay-Kleinanzeigen werden Welpen zum Verkauf angezeigt.
Über das Portal Ebay-Kleinanzeigen werden tausende Tiere zum Kauf angeboten. Bildrechte: MDR/Katharina Pritzkow

Dem Leipziger Tierheimleiter zufolge hat sich die Problematik der Tiergeschenke zu Weihnachten inzwischen ohnehin gewandelt: "Es ist lange nicht mehr so viel wie noch vor einigen Jahren. Insofern ist das Problem Weihnachten und Tiere nicht mehr so signifikant – zumindest nicht für das Tierheim in Leipzig." Allerdings, das räumt Sperlich ein, könnte sich das Problem auch einfach verlagert haben.

Viele Tiere wechseln mittlerweile über soziale Netzwerke und Kleinanzeigenportale im Internet den Besitzer. Tierheime und der Deutsche Tierschutzbund warnen allerdings vor dieser Praxis. Denn potentielle Käufer könnten kaum erkennen, in welchem Zustand sich die angebotenen Tiere befinden. Tierheimleiter Sperlich berichtet: "Ein paar Wochen nach dem Kauf stehen die neuen Besitzer dann häufig vor mir und müssen dann selber gerettet werden, weil sie mit dem süßen Schatz nicht klar kommen und kurz vor dem Wahnsinn stehen."

Gefälschte Papiere – keine Seltenheit

Der Deutsche Tierschutzbund schreibt dazu auf seiner Internetseite: "Meist werden sie weder entwurmt noch mit den lebenswichtigen Impfungen abgegeben. Auch fehlen bei der Einfuhr nach Deutschland häufig die Kennzeichnung durch Mikrochip und Begleitpapiere wie der Heimtierausweis." Oft seien die Papiere auch einfach gefälscht.

Im Tierheim könne so etwas nicht passieren, erklärt Michael Sperlich: "Wir haben eine Vermittlungshaftung. Wir müssen die Wahrheit sagen, wenn das Tier schon gebissen hat oder bekannt ist, dass es bestimmt Probleme gibt. Wenn wir das nicht tun, ist das arglistige Täuschung und da haftet der Verein in vollem Umfang." Außerdem werde jedes Tier direkt vor der Vermittlung noch einmal von einem Tierarzt untersucht.

Wie geht es richtig?

Gassi gehen
Mehrere Besuche, Gassi gehen und ein ausführliches Kennenlernen - im Tierheim Leipzig ist das Pflicht vor der Vermittlung. Bildrechte: imago images / Westend61

Wer ernsthaft mit dem Gedanken spielt, ein Tier bei sich aufzunehmen, sollte mit allen Beteiligten überlegen, welche Tierart am besten in die Familie passt. Tierheimleiter Sperlich rät: "Bei der Wahl des Tieres sollten Sie sich Zeit nehmen, das passende zu finden. Wir erwarten schon, dass die Leute ein paar Mal kommen und beispielsweise mit dem Hund Gassi gehen. Baut sich zwischen dem Interessenten und dem Hund eine zarte emotionale Bindung auf? Das muss schon sein." In der Zwischenzeit sollten Interessenten klären, ob das Tier in der Mietwohnung gehalten werden darf. Wenn alles passt, darf das Fellknäuel mit nach Hause.

Quelle: MDR/AFP/kp

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 16.12.2019 | ab 07:30 Uhr in den Regionalnachrichten aus dem Studio Leipzig

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