Dokumentation eines Dauerstreits Das Paulinum als Leipziger Zankapfel

Das Paulinum war in den vergangenen Jahren immer wieder für eine Schlagzeile gut. Und auch kurz vor der Bauübergabe am Mittwoch erhitzt die Universitätskirche die Gemüter.

Acht Jahre später als ursprünglich geplant soll das Paulinum - die Leipziger Universitätskirche - am Augustusplatz endlich fertig sein. Eigentlich ein Grund zur Freude. Doch es gibt auch kritische Stimmen und mürrische Gesichter. Grund ist die Bauabschlussfeier, zu der der sächsische Finanzminister Georg Unland eingeladen hat: Bundesbildungsministerin Johanna Wanka steht ebenso auf der Gästeliste wie Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich und weitere CDU-Politiker.

Und genau das kritisiert nun der Koalitionspartner SPD. Laut Generalsekretärin Daniela Kolbe ist zur Voreröffnung eines der wichtigsten öffentlichen Bauwerke in Leipzig beinahe ausschließlich CDU-Prominenz eingeladen: "Das Vorgehen der CDU ist nicht nur ein Affront gegenüber der Uni Leipzig, sondern gegenüber der gesamten Stadtgesellschaft." Sie warf der CDU vor, einen so wichtigen Termin "im Stile königlicher Hofhaltung" für den eigenen Wahlkampf zu instrumentalisieren.

Jahrelanger Streit um das Paulinum

Besonders enttäuschend sei, dass Ministerpräsident Tillich sich an einer solchen Aktion beteilige, sagte Kolbe weiter. Und auch Finanzminister Unland muss sich Kritik gefallen lassen: Der, so die SPD-Generalsekretärin, drehe sonst jeden Cent drei Mal um, wenn es um Geld für Polizisten, Lehrer oder Erzieher gehe. "Um jeden Euro mussten wir als SPD hart kämpfen. Jetzt werden für eine Wahlkampfveranstaltung der CDU Steuergelder verwendet, um eine Bauabschlussfeier des Leipziger Paulinums mit 'ausgewählten Honoratioren' zu feiern."

Fakt ist: Der Bauherr des Paulinums ist der Freistaat Sachsen. Die Verantwortlichen können selbst entscheiden, wer auf der Gästeliste zu dieser nichtöffentlichen Veranstaltung steht. Stutzig macht aber, dass die Feier ausgerechnet am Tag der Stadtratssitzung abgehalten wird. Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung von der SPD wird also nicht anwesend sein.

Dass es Streit um das Paulinum gibt, ist nichts Neues. In den vergangenen zwölf Jahren seit Baubeginn blieb schließlich jede Menge Zeit, die neue Universitätskirche zum Zankapfel der Stadt zu machen. Schon allein weil für die Bauzeit ursprünglich vier Jahre veranschlagt waren.


Gestritten wurde auch über Kosten, den Innenausbau, eine Raumteilung und alte Kunstwerke:

Kosten

Der Bau am Augustusplatz kostet die Steuerzahler deutlich mehr Geld als ursprünglich gedacht. Statt der geplanten 52,5 Millionen Euro sind nach Angaben des sächsischen Finanzministeriums nun Kosten von 117,5 Millionen Euro für die Universitätsgebäude Augusteum und Paulinum entstanden. Das hat auch mit dem Innenausbau zu tun, in den alleine 13,5 Millionen Euro geflossen seien. Während das Gebäude außen schon fertig war, lagen die Arbeiten drinnen über Monate brach.

Die hängenden Glassäulen

Insgesamt war der Innenausbau wohl Streitthema Nummer eins in all den Jahren. Schon in der Planungsphase waren sich nicht alle Parteien einig: Der Paulinerverein, der sich seit 25 Jahren für den Wiederaufbau der Kirche engagiert, wollte nach Möglichkeit das Innere im Original wiederherstellen. Das war aber mit der Universität nicht zu machen. Ein Kompromiss wurde gefunden: Statt der ursprünglichen Säulen, die teilweise die Sicht versperrt hätten, wurden hängende Glassäulen installiert.

Sie sollen der Hingucker in der Universitätskirche St. Pauli werden: Die transparenten Deckenpfeiler sind von innen beleuchtet und ein Entwurf des holländischen Star-Architekten Erick van Egeraat. Monatelang herrschte Funkstille zwischen dem Architekten und dem Freistaat. Van Egeraat hatte bemängelt, sein Bauwerk werde nicht so vollendet wie von ihm geplant. Der Holländer musste 2009 Insolvenz anmelden. Sachsen beauftragte daraufhin ein anderes Büro, das Paulinum fertigzustellen. Der Streit landete vor Gericht. Und das Oberlandesgericht Dresden forderte die beiden Parteien dazu auf, alle strittigen Fragen außergerichtlich zu klären.

Wand aus Plexiglas

Ebenfalls zum Streitthema wurde eine 17 Meter hohe Wand aus Plexiglas. Der ehemalige Unirektor Franz Häuser wollte sie durchsetzen, damit die Aula der Uni für eine Doppelnutzung vom Altarraum abgetrennt werden kann. Doch von der Leipziger Musik-Elite kam Protest. Die durchsichtige Wand verschlechtere die Akustik, hieß es. Die Kirche, in der einst Stücke von Bach und Mendelssohn uraufgeführt wurden, wäre dann für Konzerte kaum noch nutzbar. Am Ende wurde die Wand aber trotzdem installiert.

Auch Ulrich Stötzner vom Leipziger Paulinerverein hatte sich immer wieder gegen die Glaswand ausgesprochen. Zur Fertigstellung des Gebäudes gibt er sich abgeklärt: "Das ist jetzt eben so, damit müssen wir leben. Ich kann aber sagen, wenn die Wand geöffnet ist, dann hat man einen wunderbar freien Blick. Ob das Problem mit der Akustik mit geöffneter Wand auch noch besteht, das wissen wir noch nicht. Es laufen Proben. Abschließend können wir das aber wohl erst bei der Eröffnung im Dezember klären."

Alte Kanzel

Klar ist also: Moderne Elemente finden Platz im Neubau. Doch wie sieht es mit geretteten Kunstschätzen aus? Wenige Tage vor der Sprengung der Kirche 1968 konnten einige Dinge aus dem Innenraum in Sicherheit gebracht werden: Unter anderem die Kanzel, die damals an einer der Säulen angebracht war. Für Ulrich Stötzner und seine Mitstreiter ist klar: "Möglichst alle Kunstschätze sollen zurück an ihren Platz. Der Altar ist wieder da, die 21 Epitaphien ebenfalls, nun fehlt nur noch die Kanzel. Wir würden erwarten, dass wenigstens der Kanzelkorb seinen alten Platz einnimmt. Sie ist ein wertvolles Erinnerungsstück und ein Symbol für das freie Wort. Wenn das Paulinum am 3. Dezember eröffnet wird, kann doch die Predigt nicht vom Lesepult gehalten werden. Das wäre ein Verlust. Ich setze mich also dafür ein, dass man sie wenigstens für diesen einen Tag an die Stelle bringt."

Aber es gibt seit geraumer Zeit ein großes Hindernis, das die Pläne der Bürgerinitiative vereiteln könnte: Kanzel-Gegner argumentieren, das Raumklima könne der Holzkonstruktion des 280 Jahre alten Objekts schaden. Der Paulinerverein will es trotzdem versuchen und hat schriftlich angekündigt, für alle eventuell auftretenden Schäden finanziell aufzukommen. Der Verein hält das Klimamonitoring für vorgeschoben.


Ende in Sicht

Die Diskussion um die Kanzel ist vorerst einer der letzten Streitpunkte im Bezug auf das Paulinum. Am Mittwoch soll das Gebäude an den Bauherrn, den Freistaat Sachsen, übergeben werden. Trotz der Unwegbarkeiten ist Ulrich Stötzner zufrieden mit dem Ergebnis: "Es ist ein Experimentalbau und die bringen nicht planbare Unwegbarkeiten mit sich. Wir haben uns das sicher einfacher gewünscht, auch den Innenausbau der Kirche. Etwas mehr Bescheidenheit wäre angebracht gewesen, nun ist es ein Glaspalast geworden. Aber die Menschen finden ihn wunderschön. Wir sind froh und dankbar, dass am Augustusplatz wieder Gebäude stehen, die in Funktion und Aussehen an ihre Vorgängerbauten erinnern."

Quelle: dpa, MDR/kp

Über dieses Thema berichtet MDR SACHSEN auch im Radio: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Nachrichten | 16.08.2017 | 11:00 Uhr

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