27.03.2020 | 17:44 Uhr Corona-Krise: Eine Chance für die Liebe?

Kontaktverbote und Quarantäne: Das sind keine idealen Bedingungen für die Liebe, könnte man meinen. Doch in der Corona-Krise könnten Frischverliebte jetzt die Chance auf eine besondere Beziehung haben und Paare ihre Lust neu entdecken.

Eine Frau und ein Mann stehen nebeneinander. Zwischen ihnen ein Schild mit den Worten "Abstand halten"
Bildrechte: MDR / panthermedia

Die Corona-Krise verlangt viel von uns Menschen ab. Das komplette Leben steht Kopf und häusliche Quarantäne kann manche Beziehungen in Schieflage bringen.

Doch Social Distancing und Quarantäne scheinen der Libido nicht zu schaden. Der Onlinehändler für Sexspielzeuge "eis.de" teilte auf Anfrage von MDR SACHSEN mit, die Bestellzahlen hätten sich seit den Ausgangsbeschränkungen verdoppelt. So sei in Bayern der Verkauf von Solo-Sexartikeln extrem gestiegen Auch Partner-Toys seien vermehrt bestellt worden und bestimmte Krankenschwestersets mittlerweile ausverkauft.

Ein analoger Trend ist auch für die anderen Bundesländer erkennbar.

Nina Barz Triple A Internetshops GmbH / eis.de

Kondomverkauf limitiert

Nicht nur das Spielzeug für gewisse Stunden ist aktuell überdurchschnittlich begehrt. Auch Kondome sind dem Onlineunternehmen in Corona-Zeiten mehr denn je gefragt. Vor allem der Bedarf an Packungsgrößen mit 100 Kondomen sei förmlich explodiert, so Unternehmenssprecherin Nina Barz. "Daher wurden bereits einige Millionen Kondome extra bei den Herstellern abgerufen und der Verkauf der 100-Kondom-Packungen auf eine pro Haushalt limitiert."

Der Onlinehändler vermutet hinter dem Run auf Kondome & Co, dass viele Menschen die Zeit des Kontaktverbots als Chance sehen, die eigene Sinnlichkeit und die des Partners wieder oder sogar neu Seiten zu entdecken.

Distanz und Nähe in Einklang bringen

Die Ausgangsbeschränkung könne durchaus die Lust fördern und als Spielfeld für sexuelle Erweiterung genutzt werden, findet auch Paartherapeut und Sexualcoach Rouven Gehr aus Leipzig. Allerdings funktioniere das nur, wenn in der Partnerschaft das Verhältnis zwischen Distanz und Nähe im Gleichklang sei, sagt er im Gespräch mit MDR SACHSEN.

Die Corona-Krise macht die Situation nicht einfach und Partnerschaften durchlaufen aktuell einen gewaltigen Stresstest. Sämtliche den Alltag strukturierenden und auch entzerrenden äußeren Faktoren fehlten, so Gehr. "Wir kennen das ja vom Urlaub. Eigentlich freut man sich darauf, endlich mal Zeit miteinander zu haben, doch dann gibt es schnell Konflikte.
Momentan kommen dann noch Existenzangst und gesundheitliche Sorgen hinzu, was alle zusätzlich noch etwas dünnhäutiger werden lässt." Umso wichtiger sei daher, dass Paare darauf achten, dass es Raum für Nähe und Austausch gibt, rät Gehr. Dass Möglichkeiten geschaffen werden, sich auch mal aus dem Weg zu gehen, dass zu akzeptieren und offen darüber zu sprechen.

Wenn gleich der eine beleidigt ist, dass der andere gerade keine Lust auf Gespräche, Austausch, Nähe oder gar Sex hat, wird es schwierig.

Rouven Gehr Paartherapeut und Sexualcoach

Sexuelle Lust nicht ausbremsen

Ist das perfekte Gleichgewicht gefunden, kann nach Ansicht Gehrs auch wieder der Wunsch nach Nähe oder Sex entstehen. Selbst wenn die Partner getrennt voneinander in Quarantäne sitzen, müsse auf Befriedigung und sexuelle Lust nicht verzichtet werden, findet Gehr.

Sexuelle Lust ist etwas völlig gesundes und erfüllt unfassbar viele emotionale, soziale, energetische körperliche und psychologische Funktionen, weshalb sie – sofern verantwortungsvoll und in Zustimmung mit allen Beteiligten ausgelebt – nicht zurück gehalten werden sollte.

Rouven Gehr Paartherapeut und Sexualcoach

Möglichkeiten seine Sexualität alleine oder zu zweit auszuleben gibt es viele. Und Rouven Gehr zählt auf: Hilfsmittel wie das neu erworbene Sexspielzeug, nackt tanzend vor dem Spiegel, in der Dusche mit dem Wasserstrahl, erotische Filme anschauen, Bücher, Audios, Telefonate oder Chats. Und im Zweifel, so Gehr, einfach nicht immer dasselbe nutzen sondern viel variieren.

Das steigert auch grundsätzlich die Erregungsfähigkeit, denn wir stumpfen bei ähnlichen und gewohnten Reizen schnell ab.

Rouven Gehr Paartherapeut und Sexualcoach

"Distanz tut der Liebe gut"

Für junge Frischverliebte könnte sich die aktuelle Situation durchaus positiv auf die Beziehung auswirken, findet Sexualtherapeut Rouven Gehr.

Der gebotene Abstand und die künstliche Distanz können leicht für mehr Interesse und Sehnsucht sorgen. Dies ist gerade am Anfang einer Beziehung besonders wichtig und vertieft die gerade erst entstehende Bindung.

Rouven Gehr Paartherapeut und Sexualcoach

Vernunft walten zu lassen und auf engen Kontakt zu verzichten, kann für junge Menschen nach Ansicht Gehrs Herausforderung und Chance zugleich sein.

Wer sich in Geduld übt, so Gehr, könne das Gefühl steigern, welches in der Wissenschaft "Limerenz" genannt wird. "Umgangssprachlich sprechen wir dann von 'Verliebtheit'", erklärt Gehr. Und je stärker und größer dieses Gefühl, desto stärker die Bindung.

Wenn der physische Kontakt verboten ist, dann hilft nur noch der Griff zum Smartphone, Telefonhörer, zur Computertastatur oder dem Briefpapier. Besonders die jugendliche Generation habe keine Schwierigkeiten mit unterschiedlichsten Kommunikationswegen dem Liebsten nahe zu kommen, stellt Rouven Gehr fest.

Flirten und sich kennen lernen kann man über solche Medien gut.

Rouven Gehr

Emotionale Mogelpackungen und Gefahren

Für Rouven Gehr existieren derzeit Nachteile nur dann, wenn die Verbindung noch so frisch ist, dass aufgrund von unterschiedlichen Meinungen, einem Missverständnis oder Schreibfaulheit erst der Kontakt und dann das Interesse abbricht. "Wenn hier gleich jemand das Interesse verliert, nur weil Treffen und Sex für eine vorübergehende Zeit nicht möglich sind, dann sollte man sich eigentlich glücklich schätzen, dass dies so frühzeitig offenbar wurde", stellt der Therapeut nüchtern fest.

Richtig problematisch wird es für Gehr, wenn bereits Konflikte in der Partnerschaft vorhanden sind oder latent brodeln.

Die Zeit in der Ausgangsbeschränkung wird noch so jede kleine Unstimmigkeit in Beziehungen ans Tageslicht bringen.

Wer da Hilfe benötigt, sollte besser frühzeitig als zu spät einen Paartherapeuten oder Coaches kontaktieren. Er und viele seiner Kollegen hätten bereits auf Onlineberatungen umgestellt. Hilfe in solchen Situationen zu suchen, sei keine Schande.

Quelle: MDR/bb

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN | 27.03.2020 | 00:01 Uhr

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