Ein Stethoskop hängt um den Hals einer Frau im Arztkittel
Bildrechte: colourbox.com

"Was hab' ich?" Dresdner Start-up übersetzt Medizinkauderwelsch

Sie leiden an arterieller Hypertonie, Carotissklerose, Hyperlipoproteinämie oder an einer Extasie der Aorta? Das Dresdner Start-up "Was hab' ich?" übersetzt Medizindiagnosen und expandiert jetzt in die Schweiz.

von Katrin Tominski

Ein Stethoskop hängt um den Hals einer Frau im Arztkittel
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Hyperlipoproteinämie, Pneumonie und Niereninsuffizenz: Sie verstehen nur Bahnhof? Dann geht es Ihnen wie vielen Millionen Menschen in Deutschland. Damit medizinische Diagnosen für die Patienten verständlicher werden, übersetzt das Dresdner Start-up "Was hab' ich?" ärztliche Befunde kostenfrei. Mit großem Erfolg. Jetzt expandiert das bekannte Sozialunternehmen in die Schweiz. "Die Nachfrage nach der Übersetzung der Befunde ist groß", erklärt Geschäftsführer Ansgar Jonietz. "Viele Patienten verstehen nicht, welche Krankheit sie eigentlich haben." Deswegen könnten sie auch schwer Entscheidungen über ihre Therapie treffen.  

Ansgar Jonietz mit seinem Team
Ansgar Jonietz expandiert mit der Initiative "Was hab' ich?" in die Schweiz. Bildrechte: Initiative "Was hab' ich"

Für Patienten in der Schweiz steht jetzt eine angepasste Version der Gesundheitsplattform zur Verfügung. Partner wird das Inselspital Bern sein. "Diese Kooperation hat sich durch Zufall im Arbeitsprozess ergeben", erklärt Jonietz. Das Spital werde vor allem Ärzte und Medizinstudierende vermitteln.

Kostenlose Übersetzung von Medizinbefunden

Auf der Gesundheitsplattform "Was hab' ich?" können Patienten ihre in Fachsprache verfassten Befunde und Arztbriefe in eine für Laien verständliche Sprache übersetzen lassen. Dafür setzen sie sich mit der Registrierung ihrer E-Mail in ein virtuelles Wartezimmer. Werden Sie aufgerufen - also per Mail benachrichtigt - können sie ihre Dokumente anonym hochladen. Alternativ ist es auch möglich, ein Fax zu senden. Der Befund darf maximal zwei Seiten lang sein. Ärzte und Medizinstudierende übersetzen die Papiere ehrenamtlich. Nach etwa einer Woche erhalten die Patienten eine Rückmeldung.

30.000 Befunde in sechs Jahren

Ärztin Ariane Schick-Wetzel
Die Ärztin Ariane Schick-Wetzel gehört zu den Medizinern, welche die Befunde ehrenamtlich übersetzen. Bildrechte: Initiative "Was hab' ich"

Insgesamt 30.000 Befunde hat das Portal seit seiner Gründung im Januar 2011 übersetzt. Die Patienten kommen ebenso wie die ehrenamtlichen Ärzte und Medizinstudierenden aus der ganzen Republik. Unterstützung erhält das Start-up von sieben Studierenden und fünf Ärzten aus Dresden sowie fünf Studierenden und einem Arzt aus Leipzig. Das gemeinnützige Unternehmen hat zahlreiche Auszeichnungen bekommen, es gehört zum "Land der Ideen", hat den Wettbewerb "Google Impact Challenge" gewonnen und den Querdenker-Preis 2016. Erst im Januar wurde Geschäftsführer Ansgar Jonietz zum "Manager des Jahres 2016" gekürt. Wenige Monate vorher attestierte man ihm, der soziale Innovator des Jahres 2016 zu sein.

Viele Patienten sind durch Fachsprache verunsichert

Oliver Schenk vom Bundesgesundheitsministerium, Barbara Klepsch, Gesundheitsministerien Sachsen, Beatrice Brülke und Ansgar Joniez vom Startup "Was hab' ich". (v.l.)
Oliver Schenk vom Bundesgesundheitsministerium, Sachsens Gesundheitsministerin Barbara Klepsch, Beatrice Brülke und Ansgar Jonietz vom Start-up "Was hab' ich?".(v.l.) sprechen über die Kommunikation mit Patienten. Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

Das Angebot des jungen Unternehmers und seines Teams scheint den Nerv der Zeit zu treffen. Viele Menschen wissen nicht, welche Krankheit sie haben. Oft sind sie verunsichert, desorientiert und verstehen nicht, warum sie genau diese Medikamente in genau dieser Reihenfolge nehmen müssen. "Jetzt habe ich verstanden, warum ich meine Medikamente nehmen muss, jetzt nehme ich sie auch", soll nach Aussage der Was-hab'-ich-Sprecherin Beatrice Brülke der Tenor vieler Patienten sein. "Die Kommunikation mit den Patienten kommt im Alltag oft zu kurz", erklärt Geschäftsführer Jonietz. "Zudem fehlt es oft an Verständlichkeit." Dies wiederum führe  zu Therapieuntreue. "Wir haben die Vision, zwischen Arzt und Patient eine Kommunikation auf Augenhöhe zu ermöglichen."

Gesundheitsministerin Barbara Klepsch wird Botschafterin

Ansgar Joniez, Gesundheitsministerin Barbara Klepsch, Beatrice Brülke (v.l.)
Sachsens Gesundheitsministerin Barbara Klepsch (Mitte) ist die neue Botschafterin der Initiative "Was hab' ich?". Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

Sachsens Gesundheitsministerin Barbara Klepsch ist von dem Projekt begeistert. Deswegen will sie als Botschafterin für die Initiative werben. "Aufgeklärte Patienten sind eine große Hilfe für unser Gesundheitssystem", sagt Klepsch. "Wenn diese Aufklärung durch ein sächsisches Start-up gefördert wird, kann ich das nur unterstützen." Weitere Botschafter sind der Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe, der ehemalige Gesundheitsminister Daniel Bahr sowie der bekannte Arzt und Buchautor Eckart von Hirschhausen.

Schleichende Digitalisierung im Gesundheitswesen

Dass sich so viele Politiker für das Projekt interessieren, hat neben der ideellen Begeisterung auch noch zwei andere Gründe. Erstens geht es um die Kosten im Gesundheitssystem und zweitens um die Digitalisierung der Gesundheitsbranche. Diese kommt in Deutschland nur schleppend voran. Es mangelt an digitalem Austausch zwischen allen. Zwischen Ärzten und Patienten, zwischen Ärzten und Apothekern, zwischen Dienstleistern, Abrechnungsstellen und Krankenkassen. Dabei geht es viel um Datenschutz. "Was hab' ich?" ist hingegen ein Vorzeigeprojekt. Es ist digital, funktioniert über die Landesgrenzen hinweg, arbeitet unbürokratisch und wird bei Google an erster Stelle gefunden. "Wir brauchen dringend neue Informationen im Netz", appelliert Oliver Schenk vom Bundesgesundheitsministerium. Dabei führt er das Thema Impfen an. Bei einer Google-Suche erschienen an erster Stelle vor allem Impfgegner. Hier müssten die seriösen Informationen der Gesundheitsämter viel weiter in den Vordergrund. "Der Arzt als Zweitmeinung nach Google ist ein Problem", weiß auch Ministerin Klepsch.

Zehn Milliarden Euro Schaden durch Therapie-Untreue

Etwa zehn Milliarden Euro Schaden entstehen pro Jahr in Deutschland durch mangelnde Therapietreue. "Eine geringe Gesundheitskompetenz führt zu geringer Lebenserwartung",  sagt Geschäftsführer Jonietz. "Die Verständlichkeit von Medizin und Therapie ist vor dem Hintergrund der Digitalisierung eine große Herausforderung", erklärt Schenk vom Bundesministerium.

Unsichere Finanzierung

Verschiedene Tabletten und Kapseln
Dr. Google macht dem Hausarzt Konkurrenz und gefährdet oft die Therapie. Bildrechte: colourbox

Die Ausgangslage für "Was hab' ich?" scheint vielversprechend: Viele Auszeichnungen, viele interessierte  Politiker, viele Patienten und viele ehrenamtliche Mediziner, die helfen. Doch auch hier gibt es einen Haken: "Unsere Finanzierung ist nicht gesichert", erklärt Jonietz. Bislang speise sich der Etat aus einem Stückwerk von Spenden und Preisgeldern. "Wir verwenden zu viele Ressourcen, um das Geld für den nächsten Monat zu sichern." Dem Geschäftsführer schwebt eine längerfristige Förderung vor, er möchte sich wieder mehr auf die Inhalte konzentrieren.

Vision: Verständliche Patientenbriefe für alle

Jonietz Vision ist es, für alle Patienten in Deutschland verständliche Briefe zu erstellen. Dazu läuft gerade ein Pilotprojekt mit der Paracelsus-Klinik in Bad Ems. Außerdem arbeitet Jonietz mit seinem Team daran, die Aufklärungsbögen, die vor Operationen an Patienten verteilt werden, in einer Sprache zu verfassen. "Das wäre ein großer Schritt in Richtung Verständlichkeit."

Zuletzt aktualisiert: 24. Februar 2017, 21:34 Uhr

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