Sexuelle Belästigung #MeToo - wo stehen wir in der Debatte um sexuelle Belästigung?

Seit der vor drei Jahren angeschobenen #MeToo-Debatte wird das Verhalten zwischen Männern und Frauen, auch am Arbeitsplatz, heftig diskutiert. Wo fängt sexuelle Belästigung an? Professorin Katja Nebe von der Universität Halle leitet die Untersuchungskommission zur Klärung studentischen Fehlverhaltens und ist für die Aufklärung von sexuell belästigendem Verhalten zuständig. MDR SACHSEN hat mit der Juristin gesprochen, wie aktuell #meToo in Deutschland ist.

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Bildrechte: Reinhild Kassing

Wo verläuft die Trennlinie zwischen einem Flirt und sexueller Belästigung? Ist es übergriffig, wenn mich mein Kollege in der Teeküche zufällig berührt?

Die wenigstens Personen flirten am Arbeitsplatz. Meist handelt es sich eben nicht um typische Annäherungsversuche zwischen zwei Menschen zur Anbahnung einer Liebesbeziehung. Genau diese Berührungen werden von Frauen zu Recht als übergriffig empfunden. Warum darf der Kollege mich körperlich berühren? Wenn zufällig zwei Ellbogen aneinander stoßen, wird sich niemand unsittlich gestört fühlen. Doch warum muss die Hand des Kollegen bei der Planung von XY irgendwo landen? Körperliche Berührung findet am Arbeitsplatz nicht statt. Das ist eine generelle Aussage, an die sich alle einfach halten können.

Ein Chef erklärt in einem Büro seiner Mitarbeiterin eine Aufgabe.
Ist die Hand auf der Schulter oder am Rücken schon sexuelle Belästigung? Bildrechte: dpa

Viele Männer sind jetzt schon sehr verunsichert…

Führungskräfte müssen darlegen, dass körperliche Berührungen nicht an den Arbeitsplatz gehören. Nur so können Verunsicherungen beigelegt werden. Wer wirklich flirten will, findet Wege. Es sind die wenigsten Fälle, in denen es tatsächlich um Flirts geht. Oft wird auch versucht, mit Geschlechter-Stereotypen herabzuwürdigen. Das muss aufhören. Es gehört sich nicht am Arbeitsplatz, Frauen hinterher zu pfeifen oder hinter ihrem Rücken Bemerkungen zu machen. Wenn ich ein Kompliment machen möchte, kann ich das auch offen und wertschätzend aussprechen, ohne den anderen Menschen herabzuwürdigen. Falls ich signalisiert bekomme, dass meine Komplimente unerwünscht sind, dann muss ich dies akzeptieren und es unterlassen.

Katja Nebe. Eine Frau lehnt am Geländer einer Treppe und schaut lächelnd in dike Kamera.
Katja Nebe ist Professorin für Bürgerliches Recht, Arbeitsrecht, Recht der Sozialen Sicherheit an der Universität Halle. Sie leitet seit 2017 die Untersuchungskommission zur Klärung studentischen Fehlverhaltens. Bildrechte: Katja Nebe

War sexuelle Belästigung in Deutschland bislang ein Tabu?

Die 2019 veröffentlichte Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes legt ganz klar offen, dass bislang zu wenig am Arbeitsplatz getan wird. Es sind noch zu wenige Betriebe und Dienststellen, die sich das Thema auf die Agenda setzen, um vor Belästigungen besser zu schützen. Oft fehlt das Bewusstsein, dass Belästigungen zu Benachteiligungen führen. Die Belastungen, die durch die Übergriffe für die einzelne Person entstehen, werden hier viel zu wenig thematisiert. Geschichten können hier sensibilisieren.

Können Sie aus Ihrem eigenen Arbeitsleben von sexueller Belästigung berichten?

Zum Glück ist mir persönlich nichts widerfahren. Trotzdem haben Beispiele sexueller Belästigung meinen Alltag gestreift. Als junge Wissenschaftlerinnen im Gleichstellungsteam haben wir schon in den Nuller Jahren Hassmails bekommen. Sie waren anonym und nicht verfolgbar. Glücklicherweise hat es uns nur kurz aufgerieben.

Man denkt ja, dass sich in der Wissenschaft alle ganz anständig benehmen…

Der Antidiskriminierungsbericht zeigt, dass gerade im Wissenschaftsbereich sexuelle Belästigungen signifikant häufiger stattfinden. Wir haben es hier mit einem großen Teil mit sexuellen Belästigungen zu tun, die nicht in den strafbaren Bereich hineinragen. Es ist bislang versäumt worden, diese strukturellen Belästigungsdimensionen, die es in vielen Bereichen gibt, in Deutschland aufzuarbeiten.

Jeder kennt das Klischee des Professors, der seine Studentin verführt. Welche Fälle gibt es heute?

In der Untersuchungskommission haben wir mehrere Anliegen bearbeitet, in zwei Fällen ging es um sexuelle Belästigung unter Studierenden. Ein Fall war wirklich schwerwiegend. Zwei Studierende haben eine Liebesbeziehung mit sexuellen Handlungen unterhalten. Als sie sich trennt, droht er ihr über Social Media, er würde bestimmte Dinge im großen Kreis veröffentlichen und sie damit schwer demütigen. "Am Ende wirst Du dich lieber vor den Zug werfen", zitiere ich jetzt mal im O-Ton.

Frauen protestieren mit einem Plakat mit der Aufschrift 'Nein bedeutet Nein!'
Bildrechte: dpa

Wie haben Sie dann gehandelt?

Die Studierende hat sich zügig an unsere Präventionsstelle gewandt. Der Fall ist damit in unserer Kommission gelandet. Wir haben es tatsächlich geschafft, dass die Androhung nicht wahrgemacht worden ist. Es gab dann ein mehrseitiges Entschuldigungsschreiben von ihm an die Betroffene.

Konnte die Studierende nachweisen, dass sie von ihrem Ex-Freund bedroht worden ist?

Über die eigentliche Faktenlage bestand kein Streit. Uns lagen Screenshots aus dem Social-Media-Account vor. Hier ging es darum, präventiv auf einer schlimmeren Stufe einzugreifen. Wir mussten verhindern, dass er das tat, was er androhte: Die Studierende mit einer Bloßstellung im großen Adressatenkreis zu demütigen. Das ist uns gelungen. Sie hat dann auch an den weiteren Prüfungen teilgenommen. Im Raum standen auch Sanktionsmöglichkeiten, die auf unsere Empfehlung vom Rektorat ausgesprochen würden.

Welche Sanktionsmöglichkeiten haben Sie?

Die können im schlimmsten Fall bis zur Exmatrikulation führen, doch solche einschneidenden Maßnahmen sind immer ultima ratio. In der Vorstufe geht es um Ermahnungen und Abmahnungen als Appell: So darf man sich nicht verhalten. Als effektiver erachte ich in solchem Fall den vorübergehenden Ausschluss von Lehrveranstaltungen, die beide besuchen, um das Opfer zu schützen.

Gibt es dann auch eine strafrechtliche Verfolgung?

Die strafrechtliche Verfolgung läuft parallel, darauf müssen die Opfer selbst hinwirken. Wir sind mit unserer Kommission deutlich schneller als die Staatsanwaltschaft. Wir könnten das universitäre Verfahren ruhen lassen, bis die Staatsanwaltschaft mit ihren Ermittlungen fertig ist. Doch wir haben das bislang anders gehandhabt. Wir waren zügiger und konnten dadurch den Opfern im universitären Rahmen helfen.

Die Hand eines Mannes liegt auf dem Knie einer Frau.
Betroffene sexueller Belästigung sollen sich an schnell an eine Vertrauensperson wenden - nach sorgfältiger Abwägung intern oder auch extern. Bildrechte: dpa

Also schnelles präventives Reagieren ist sehr wichtig?

Ja. Mit unserer universitären Verfahrensordnung bin ich sehr zufrieden. Es lassen sich bestimmt noch einige Regeln optimieren, das ist ein Lernprozess. Aber dass wir diese überhaupt haben, und damit arbeiten können, ist wichtig. Ganz aktuell, gerade vor fünf Tagen, haben wir wieder einen Fall angezeigt bekommen. Hier besteht der Verdacht der sexuellen Belästigung durch Bildmaterial, womit Lehrende jetzt im Online-Semester konfrontiert worden sind.

Also gibt es das auch umgekehrt, dass Studierende ihre Lehrenden sexuell belästigen?

Ja. Wir sind jetzt dabei, das aufzuklären, ob sich der Verdacht bestätigt. Es gilt immer die Unschuldsvermutung. Doch angezeigt wurde hier die sexuelle Belästigung durch Bildmaterial. Hochschullehrende sollen unerwartet durch Studierende damit konfrontiert worden sein.

Graffiti Mann hebt Rock einer Frau
Auch Lehrende werden von Studierenden sexuell belästigt. Bildrechte: IMAGO

Da verschwimmt die Grenze zwischen Studierenden-Streich und sexueller Belästigung, oder?

Genau, das sind diese Grenzüberschreitungen. Natürlich müssen wir jetzt aufklären, was sich der Absender gedacht hat. Aber wir würden bagatellisieren, wenn wir sagen, das können die Adressatinnen oder Adressaten jetzt ruhig mal aushalten. Es ist wichtig, dass das auf den Tisch kommt. Die Betreffenden müssen am Beispiel lernen, dass es nicht nur nicht zeitgemäß, sondern vielmehr würdeverletzend ist, Menschen einem solchen Bildmaterial auszusetzen.

Was raten Sie potenziell Betroffenen im Arbeitsleben? Wie sollen sie vorgehen?

Das lässt sich nicht allgemein beantworten, sondern hängt davon ab, wie hoch die Aufklärungsbereitschaft im Betrieb oder der Dienststelle ist. Bei uns können sich Betroffene an die Präventions- und auch Beschwerdestelle vertraulich wenden und beraten lassen. Wenn im Betrieb keine gute Aufklärungskultur betrieben wird, ist es ratsamer, sich zunächst an eine externe Beratungsstelle wie den Weißen Ring zu wenden.

Im Zweifel also lieber extern beraten lassen, ehe man intern eine Vertrauensperson sucht?

Das Schlimmste, was Opfern passieren kann, ist eine zweite Demütigung durch den Verfolgungsprozess. Das muss vermieden werden. Je nachdem wie die Strukturen im Betrieb sind, kann dort auch diese Gefahr bestehen. Deswegen kann man keinen allgemeinen Rat geben. Im Zweifel sollten Betroffene zwar zügig, aber ebenso umsichtig agieren, wenn sie sich Rat holen.

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 06.10.2020 | Dienstags direkt | 20 bis 23:00 Uhr

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