Annekatrin Michler im Interview "Sächsisch ist bei mir Methode"

Begleitet von einem riesigen Medienhype hat Kommunikationstrainerin Annekatrin Michler im Herbstsemester 2010/11 an der Universität Leipzig zugereiste Erstsemester in "Sächsisch für Anfänger" unterrichtet. Im Kurs saßen beinahe mehr Journalisten als Studenten. Wir haben die Leipzigerin zu ihrer Arbeit und zu ihrer Vorliebe für die Mundartdichterin Lene Voigt befragt.

Wie erklären Sie sich das enorme Medieninteresse an Ihren Sprachkursen?

Annekatrin Michler: Dafür habe ich eigentlich keine Erklärung. Mich hat vielmehr erstaunt, mit welcher Ernsthaftigkeit die jungen Leute in das Seminar gekommen sind. Die haben wirklich das Bedürfnis, sich hier zu verständigen.

Wie muss man sich den Sächsisch-Kurs vorstellen?

"Sächsisch für Anfänger" ist nicht in erster Linie ein Sprachkurs, sondern eher ein Seminar zur Sozialisation des Sachsen und, wenn Sie so wollen, des Ostdeutschen. Und die zeigt sich nun mal ganz wunderbar in der Sprache sowie beim Aufzeigen der sächsischen Eigenschaften.

Besteht da nicht die Gefahr, dass sich der "gemeine Sachse" vorgeführt und der "gemeine Wessi" in seinen Klischees bestätigt fühlt?

Annekatrin Michler
Annekatrin Michler Bildrechte: Annekatrin Michler

Ich mache eine Art Seminartheater, bei dem ich mit kabarettistischen Mitteln den Sachsen und seine Mentalität erkläre. Das Programm heißt "Säggsisch fier de innerdeutsche Endwigglung". Die Medien greifen sich natürlich gerne die Stellen raus, in denen der Sachse - in deren Augen medienwirksam - 'a bisschen bleede' aussieht. Ich überzeichne hier, um zu provozieren und um Haltungen in Ost und West aufzudecken. Ziel ist es, dass die Teilnehmer dem Sachsen und dem Ossi offener, wertungsfrei und wertschätzend gegenübertreten und genauer hinhören. Und das funktioniert übrigens auch umgekehrt - vielen Sachsen ist gar nicht bewusst, wie sie auf 'Westeuropäer' wirken.

Haben Sie das Gefühl, dass dadurch wirklich Vorurteile abgebaut werden?

Sächsisch ist bei mir Methode. Ich spiele den Clown, um die Leute zum Lachen zu bringen. Durch das Lachen öffnen sich die Leute und lassen Wissen und Sachthemen wirklich zu. Ich kann so wirklich zu Nachdenken, Mitfühlen und Loslassen von Vorurteilen animieren.

Sie waren ja als Versicherungsmaklerin tätig, haben Sie da mal Ihr Sächsisch verleugnet oder sich dafür geschämt?

Als Versicherungsmaklerin in Leipzig nicht. Im Gegenteil, da war das Sächsisch normal, um sich zu verständigen. Schwerer mache ich es mir, wenn ich als Kommunikationstrainerin und Rednerin im Westen arbeite und als Ostfrau vor 100 Führungskräften stehe. Um mich zu entspannen, sage ich immer gleich vorweg: 'Ich bemühe mich, im Rahmen meiner Möglichkeiten hochdeutsch zu sprechen. Aber wenn die Emotionen mit mir durchgehen, dann rede ich sächsisch." Und letztlich merke ich, es ist eigentlich nur mein Problem - die Anderen akzeptieren mein Sächsisch, wollen sogar mehr davon …

Wann haben Sie Ihre Liebe zum Sächsischen entdeckt?

Ich bin gebürtige Sächsin. Außerdem war ich Büttenrednerin, und das geht nur in Mundart. Und dann vor allem durch Lene Voigt, als ihre Texte Anfang der 90er-Jahre wiederentdeckt wurden.

Lene Voigt hat es Ihnen besonders angetan. Sie sind ja auch Mitglied der Lene-Voigt-Gesellschaft.

Ich bin ein Fan von Lene Voigt! Mich fasziniert, wie sie die Zwischentöne und Feinheiten der Sachsen herausgearbeitet hat. Der Sachse ist nämlich nicht nur der "Bleede" und der Trottel, wie er auch oft im Kabarett dargestellt wird. Er hat so viele Facetten und kann durchaus auch sehr charmant sein. Diese liebevolle Betrachtung der Sachsen findet man in den Lene-Voigt-Texten. Das Erstaunliche ist ja, dass Lene Voigt selbst kein Wort Sächsisch sprechen konnte. In ihrem Elternhaus wurde strengstens aufs Hochdeutsche geachtet. Aber sie hat genau hingehört und den feinen Humor eingefangen. Und der leise Humor wirkt länger als der laute.

Haben Sie ein Lieblingsgedicht?

'Dr Appelkuchen'. Und 'Dr Bubikopf', da kommt so schön das Liebenswerte und der Humor über die eigene Sprache gut zum Ausdruck.

Warum sollten die Sachsen ihre Mundart nicht verleugnen?

Dialekt wirkt einfach authentisch und ist nicht so steif und vordergründig auf Wirkung zielend wie das Glattgeschliffene, Gelackmeierte.

Die sächsische CDU hat mal gefordert, dass im Programm des MDR mehr gesächselt werden soll, um die regionale Identität mehr zu pflegen. Was halten Sie davon?

Das ist Schwachsinn. Solange der Sachse nicht von sich aus selbstbewusst zu seinem Dialekt steht, bringen solchen Quotenregelungen gar 'nischd'.

Das Sächsische wird wahrscheinlich nie die Akzeptanz des Bayrischen erreichen. Kämpfen Sie nicht gegen Windmühlen?

Ja, aber wenn niemand kämpft, merkt man ja nicht, wie toll wir sind.

Zuletzt aktualisiert: 15. Februar 2011, 15:50 Uhr