20.09.2019 | 10:00 Uhr Größte Arktis-Expedition startet mit Forschern aus Sachsen

In Norwegen startet die größte Arktis-Expedition aller Zeiten. Mit dabei sind auch Forscher aus Leipzig. Andreas Macke vom Leibniz-Institut ist einer von ihnen. MDR SACHSEN hat mit ihm über die Expedition auf dem Forschungsschiff "Polarstern" gesprochen.

Der deutsche Forschungseisbrecher Polarstern treibt für Forschungsarbeiten über dem Bereich der 'Aurora' Hydrothermalquellen am Westlichen Gakkel Rücken bei ca. 82¡53'N und 6¡15'W. 4 min
Bildrechte: Alfred-Wegener-Institut/ Stefanie Arndt

Herr Prof. Macke, wie haben Sie sich auf diese Expedition vorbereitet?

Wir sind zwar vom Institut aus schon viel mit der "Polarstern" gefahren, aber das ist jetzt mit Abstand die allergrößte Expedition. Es ist auch die größte Polarexpedition die es jemals gegeben hat - ein Jahr lang im arktischen Eis. Wir bereiten uns schon seit mehreren Jahren darauf vor. Wir haben auf dem Schiff bereits Testkampagnen gemacht und auch am Land unter Winterbedingungen. Alle sind jetzt auch ein bisschen aufgeregt und möchten, dass es endlich losgeht.

Beschäftigen Sie sich im Vorfeld auch mit so banalen Dingen wie Heimweh?

Das kommt sicher auch vor, aber ich denke, wir haben schon so viele Erfahrungen gesammelt, auch mehrere Monate auf einem Schiff, dass das keine Rolle spielt. Und man hat ja auch auf dem Schiff so eine kleine oder große Familie. Man ist ja nicht wirklich alleine.

Kann man sich auch körperlich auf so eine Expedition vorbereiten? Drei Monate auf einem Schiff ist schon etwas anderes als ein normaler Büro-Tag mit Feierabend.

Eine gewisse körperliche Fitness muss man schon mitbringen, auch weil man keine Wochenenden hat. Man ist jeden Tag beschäftigt. Ich hatte vor zwei Jahren eine ähnliche Kampagne geleitet, die allerdings nur ein Monat lang war und nur zwei Wochen an der Eisscholle. Aber da hat man schon gemerkt, dass das strapaziös war. Jeden Tag den gleichen Rhythmus von morgens sieben bis abends neun Uhr durchzuspielen. Da muss man schon fit sein und auch versuchen, Ruhephasen zu finden.

Es klingt so, als wären Sie seit Monaten im Fitnessstudio …

Nein, das nicht, aber ich fahre Fahrrad.

Wie macht man das auf dem Schiff? Wo kann man sich da mal einen Moment zurückziehen und für sich sein?

Ja, das ist in Tat gar nicht so einfach. Weil ja immer Betrieb ist. Aber man hat immer mal in der Bibliothek oder in dem Roten Salon, so heißt unser Aufenthaltsraum, Gelegenheit sich hinzusetzen. Und die Kammer ist ja auch da. Zumeist hat man Doppelbelegung, aber man hat auch mal Zeit für sich in der Kammer. Also das kommt schon hin. Man findet seine Ruhe.

Die Kammer klingt nicht bequem (alle lachen).

So heißt das aber offiziell: Kammer. Das ist der kleine persönliche Raum auf dem Schiff zum Wohnen und Schlafen.

Die Arktis-Expedition der "Polarstern" Es wird die größte Arktis-Forschungsexpedition aller Zeiten: Am 20. September 2019 wird der deutsche Forschungseisbrecher "Polarstern" vom norwegischen Tromsø in die Arktis aufbrechen und ein Jahr lang fest eingefroren im arktischen Eis durch das Nordpolarmeer driften. Versorgt von weiteren Eisbrechern und Flugzeugen werden insgesamt 600 Menschen aus 19 Ländern an der Expedition teilnehmen. Dabei werden die Expeditions-Teilnehmer auf dem Schiff immer wieder ausgetauscht. Ein Vielfaches an Wissenschaftlern wird mit den Daten arbeiten, um die Klima- und Ökosystemforschung voranzubringen.

Jetzt machen Sie das alles ja nicht aus Spaß. Was sind die Ziele der Expedition?

Eisschollen
Warum schmilzt das arktische Meereis so schnell ab? Die Forscher suchen nach Antworten. Bildrechte: colourbox

Genau, der Spaß steht im Hintergrund, soll aber auch dabei sein. Aber natürlich wollen wir erforschen, warum das arktische Meereis so stark abschmilzt und abnimmt, wie es das die letzten 20 Jahre tut. Das verstehen wir immer noch nicht richtig und deswegen können wir es auch nicht gut projizieren, wie es sich in den nächsten Jahren weiter entwickeln wird. Wir sind im Grunde genommen Landvermesser. Also wir fahren in ein Terra incognita ("unbekanntes Land", Anm. d. Red.) wo noch niemand wirklich zu dieser Zeit gewesen ist und messen die physikalischen Bedingungen der Arktis aus, also die Wolken, das Meereis, den Ozean, die Aerosole, die Flora und Fauna im Wasser. Und alles zusammen, das komplette Bild, versuchen wir aufzunehmen.

Es heißt doch immer, es gibt den Klimawandel, es wird alles wärmer und deswegen schmilzt das Eis …

Guter Ansatz. Tatsächlich schmilzt das Eis dreimal so schnell wie die Modelle es vorhersagen und diese schnelle Schmelze, das nennen wir im Englischen arctic amplification (arktische Verstärkung, Anm. d. Red.). Was dieses Verstärken ausmacht,  warum es da so viel schneller passiert, das verstehen wir noch nicht.

Und wenn wir es dann verstanden haben, meinen Sie, dass man dann etwas dagegen tun kann?

Ich fürchte nicht. Wir stellen gerade den Zustand fest und werden dann damit in der Lage sein, sicherer vorherzusagen ab wann die Arktis irgendwann im Sommer eisfrei sein wird. Und das wird sie, dass ist nicht mehr zu verhindern. Aber wir können quasi nur darauf hinweisen, wie schnell der Prozess ist und dass man CO2 einsparen muss, um gegen den Klimawandel anzusteuern, das wissen wir auch ohne diese Kampagne.

Die Arktis wird irgendwann im Sommer eisfrei sein. Das ist nicht mehr zu verhindern.

Prof. Dr. Andreas Macke | Leibniz-Institut für Troposphärenforschung e.V. in Leipzig

Welche Auswirkungen hätte das auf uns, wenn die Arktis eisfrei wäre?

Es hätte Auswirkungen großräumig gesehen auf unser Klima. Wenn die Arktis wärmer wird, verändert das auch die Wetterlagen in den mittleren Breiten, also auch in Europa. Wir werden mehr extreme Wettersituationen bekommen.

Wir wünschen Ihnen, dass Sie tatsächlich mit Erfolgen zurückkommen.

Vielen Dank.

Quelle: MDR/in

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 20.09.2019 | 5-10 Uhr