Themenschwerpunkt Artenvielfalt in Sachsen: "Die Roten Listen werden länger"

Eine Million Arten sind weltweit vom Aussterben bedroht. Doch wie ist die Lage in Sachsen? MDR SACHSEN hat mit Wissenschaftlern und Naturschützern gesprochen. Fazit: Wir müssen umdenken und handeln.

von Diana Köhler

Artenschutz Sachsen
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In Sachsen sind in den vergangenen 200 Jahren fast 1.500 Pflanzen- und Tierarten ausgestorben. Das geht aus aktuellen Zahlen des Landesamtes für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie hervor. Mehr als 1.100 gelten demnach als vom Aussterben bedroht, mehr als 4.000 Arten sind gefährdet. "Die Gefährdung vieler Tier- und Pflanzenarten nimmt zu", bestätigt Karin Bernhardt vom Landesamt für Umwelt und Geologie. "Sprich: Die Roten Listen werden länger. Auch die Einschleppung von Arten durch den globalen Handel und die Ausbreitung invasiver Arten zum Beispiel durch den Klimawandel, sind problematisch."

Rätselraten um den Gartenschläfer

Gartenschlaefer,
Der Gartenschläfer wurde seit 2006 nicht mehr in Sachsen gesichtet. Bildrechte: imago/blickwinkel

Besonders hart hat es Arten und Artengruppen getroffen, deren Rückgang nicht auf den ersten Blick auffallen. So ist beispielsweise bei den Flechten ein Rückgang um knapp 30 Prozent zu verzeichnen, bei den Rot- und Braunalgen um 23,5 Prozent.

Doch es gibt auch Arten, deren Verschwinden die Menschen berühren. So hat das Auerhuhn 1997 das letzte Mal in Sachsen gebrütet, die Großtrappe 1994, seit 2006 konnte der Gartenschläfer nicht mehr nachgewiesen werden und vom Europäischen Ziesel fehlt in Sachsen seit 1985 jede Spur. "Beim Gartenschläfer sind die Ursachen nach wie vor unbekannt", erklärt Karin Bernhardt. Anders sei es bei der Schleiereule, deren Bestand extrem gefährdet ist. Sie könne kein Depotfett speichern, was vor allem in schneereichen Winter zum Problem wird, weil dann auch wichtige Nahrungsquellen wie Mäuse nicht zur Verfügung stehen. Und noch etwas macht der Schleiereule schwer zu schaffen: Durch die Sanierung von Gebäuden verliert sie ihren Unterschlupf. "Sie hat früher gern Kirchen oder Stallungen bewohnt", so Karin Bernhardt.

Rettet die Schmetterlinge!

Große Sorgen machen sich Sachsens Naturschützer und Wissenschaftler auch um die Tagfalter. 16 der 125 in Sachsen vorkommenden Arten sind ausgestorben, so zum Beispiel der Gelbringfalter oder der blau schillernde Feuerfalter. Ebenso viele Tagfalterarten sind bedroht. Doch es gibt Hoffnung: Denn das 2015 ins Leben gerufene Projekt "Puppenstuben gesucht" findet immer mehr Mitstreiter in Sachsen. Dabei verpflichten sich Initiativen, Kommunen und Privatpersonen, Teile von Grünflächen möglichst unberührt zu lassen, damit sich dort Schmetterlingswiesen entwickeln. "Das läuft so gut, dass wir den Andrang kaum bedienen können", erzählt Dr. Matthias Nuß vom Senckenberg Museum für Tierkunde in Dresden. "Wir haben jetzt 300 Schmetterlingswiesen in Sachsen." Gestartet war das Projekt 2015, 2017 waren es schon 170 Wiesen.

Problem Landwirtschaft: Reden hilft

Stück für Stück Maßnahmen für den Artenschutz zu ergreifen, dafür steht auch der Landesverband der Landschaftspflegeverbände (DVL) in Sachsen. Hier arbeiten Naturschützer, Landwirte und Kommunalpolitiker Hand in Hand. Für DVL-Landesgeschäftsführerin Christina Kretzschmar ist dabei die Kommunikation mit den Bauern einer der zentralen Punkte. Dass die Landwirtschaft einen erheblichen Anteil am Artensterben hat, stehe außer Frage, so Kretzschmar. Doch es sei auch sehr wichtig, Grundkenntnisse von der Landwirtschaft und ihren Rahmenbedingungen zu haben. "Der Landwirt muss ja auch von dem leben, was er im Betrieb macht." Deshalb suchten der DVL mit seinen 13 Regionalverbänden auch stets das Einzelgespräch mit den betroffenen Landwirten, wenn eine spezielle Schutzmaßnahme ergriffen werden soll. "Unser Augenmerk liegt auf dem Erklären von Naturschutz. Und man muss Erfolge zeigen. Wenn zum Beispiel ein Altgrasstreifen stehengelassen wurde und dann sitzen auf einmal Braunkehlchen auf den Weidepfählen, die es vorher nicht gab."

Ein Frosch bläst in einem Teich seine Schallblasen auf, während er sich lautstark bemerkbar macht.
Der DVL Sachsen kümmert sich landesweit um die Landschaftspflege. Dazu gehören beispielsweise auch die Teiche, die vor dem Austrocknen bewahrt werden sollen. Gemeinsam mit Grundstücksbesitzern überlegen die Naturschützer, welche Gewässer renaturiert werden sollen, um Amphibien ihren Lebensraum zu erhalten. Bildrechte: dpa

Sich auf Augenhöhe begegnen und vor allem anerkennen, dass ein Landwirt auch wirtschaftliche Ziele und Interessen hat, das sind die Schlüssel. Aber es gibt natürlich auch Beratungsresistente, das ist klar.

Christina Kretzschmar Geschäftsführerin DVL Sachsen
Peter Decker - Senckenbergmuseum Görlitz
Bildrechte: Ann-Marie Waldvogel

Peter Decker - ein Herz für Tausendfüßer Bodentiere haben es nicht leicht. Kaum jemand kennt sie, kaum jemand vermisst sie. Einer der wenigen, die ihr Herz an die Krabbeltiere im Untergrund verschenkt haben, ist Peter Decker vom Senckenberg Museum in Görlitz. Schon als Kind war er vom Tausendfüßer fasziniert. Und weil es kaum Literatur über sein Lieblingstier gab, wurde er eben Wissenschaftler. Seine Welt sind die Bodentiere, von denen in Sachsen rund 1.450 in einer Datenbank erfasst sind. Decker schätzt, dass noch einmal 1.400 Arten dazukommen, die noch nicht erfasst sind. Und wie steht es um sie?

"Bei Bodentieren haben wir das Problem, dass wir für zahlreiche Arten gar keine Daten vorliegen haben. Wir können nicht sagen, dass Bestände zurückgegangen sind. Da haben wir erhebliche Nachteile gegenüber traditionellen Pflanzen und Tiergruppen. Aber wir wissen für die meisten unserer Arten, an welche Biotop-Typen diese gebunden sind. Und mit dem Rückgang oder dem Gefährdungsgrad der Biotop-Typen können wir auch für unsere Arten ganz gut abschätzen, welche Arten konkret gefährdet sind und welche nicht. Die klassischen Verlierer sind natürlich die Arten, die spezielle Lebensräume bewohnen. Als Beispiel wären die Feucht- und Auwälder zu nennen, die immer mehr zurückgehen, teilweise durch Entwässerung der Auwälder, die Trockenheit der letzten Jahre. Das letzte Jahr hat auch die Bodentiere hart getroffen."

Für Peter Decker stellt auch die geplante Vertiefung von Fahrrinnen in großen Flüssen ein Problem dar, weil klassische Wiesenlebensräume zerstört werden. Und noch etwas bemängelt er: die Art der Felderbewirtschaftung. "Mittlerweile finden Bodentiere gar keine Nahrung mehr auf den Feldern. Die meisten Bodentiere ernähren sind ja von Bestandsabfall, also von Pflanzenteilen, die auf dem Acker verbleiben. Mittlerweile werden die Äcker so blankgeräumt, dass selbst Regenwürmer und Würmer nicht mehr ihr Auskommen finden und auch schutzlos den Umweltbedingungen ausgesetzt sind wie zum Beispiel Sonneneinstrahlung." Immerhin, so Wissenschaftler Decker, finde bei der Forstwirtschaft ein Umdenken statt, wenn auch langsam - weg von den Monokulturen hin zum Mischwald. Das Problem: Bodentiere sind keine Anpassungskünstler. "Sie sind wenig mobil. Manche Arten bewegen sich in ihrem ganzen Leben nur wenige Zentimeter oder Meter. Die Wiederbesiedlung, selbst wenn so ein Wald umgebaut wird, benötigt manchmal nicht nur Jahrzehnte, sondern Jahrhunderte und manchmal gar Jahrtausende."

Mehr zum Thema

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 08.05.2019 | 19:00 Uhr

AKTUELLES AUS SACHSEN

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

Mehr aus Sachsen