Andreas F. Bock moderiert, viele Zsuchauer sitzen rings herum im Studio
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

25.06.2019 | 20:55 Uhr Keine Zeit zum Hände streicheln: Wenn Pflege Fließbandarbeit ist

Keine Zeit, kein Geld, horrende Heimkosten: Über den "Problemfall Pflege" sprach Andreas F. Rook am Montagabend beim Fakt ist! - Bürgertalk mit Angehörigen, Pflegern, Auszubildenden sowie Bundestagsabgeordneten und Sachsens Gesundheitsministerin Barbara Klepsch.

von Katrin Tominski

Andreas F. Bock moderiert, viele Zsuchauer sitzen rings herum im Studio
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Rechnung des Pflegeheimes grub sich in ihr Bewusstsein wie ein nicht enden wollender Schock. Renate Schmidt aus Deuben musste plötzlich 300 Euro mehr für die Pflege ihres Mannes bezahlen. Doch wie sollte die Seniorin mit einer 800-Euro-Rente das leisten? Um ihren Mann zu pflegen, ging Schmidt mit 18 Prozent Abschlägen in den Ruhestand. Nun arbeitet sie mit 73 Jahren als Sekretärin im Nebenjob. Nur so kann sie die Heimkosten von jetzt 1.500 Euro für ihren Mann bezahlen. Dabei stünden ihrem Mann nur 1.100 Euro zur Verfügung. Den Rest müsse sie drauflegen. "Ich darf nicht dran denken, dass ich selbst einmal Pflegefall werden könnte", sagte Schmidt beim Fakt ist! - Bürgertalk am Montagabend.

3,4 Millionen Menschen in Deutschland auf Pflege angewiesen

Wie Renate Schmidt bekamen auch viele andere Senioren Rechnungen zu erhöhten Pflegekosten. Viele von ihnen ächzten wie auch Renate Schmidt unter den hohen Kosten und mussten die Finanzierung der Pflege völlig neu organisieren. In Deutschland werden mehr als 3,4 Millionen Menschen gepflegt. Oft beeinflussen die Schicksale die Lebensmodelle gesamter Familien gravierend.

Pflegenotstand: Wenig Pflegekräfte wegen geringer Löhne

Eine Frau mittleren Alters blickt den Betrachter an. Es ist Katrin Schmidt, Geschäftsführerin der AWO-Vogtland und am 18.2.2019 zu Gast bei Fakt ist! live aus Dresden.
Katrin Schmidt, Geschäftsführerin der AWO-Vogtland. Bildrechte: AWO Kreisverband Auerbach / Vogtland e.V.

Katrin Schmidt, Geschäftsführerin der Arbeiterwohlfahrt Auerbach-Vogtland kennt das Problem von der anderen Seite. "Ich sitze zwischen den Stühlen", sagte sie. "Einerseits muss ich meine Mitarbeiter bezahlen, sonst laufen mir die Pflegekräfte weg. Andererseits ist eine Erhöhung von 300 Euro sehr drastisch." Der Pflegenotstand betrifft vor allem die Altenpflege, weil hier noch immer geringe Löhne gezahlt werden. Um Fachkräfte zu finden, sollen die Löhne jetzt schrittweise erhöht und per Flächentarifvertrag an den öffentlichen Dienst angepasst werden. Auch dadurch steigen die Heimkosten. Das führt dazu, dass sich viele alte Menschen ihre Pflege nicht mehr aus eigener Tasche leisten können.

Pflegeheim mit 100 Prozent Sozialhilfeempfängern

"Besonders im Vogtland ist eine Finanzierung der hohen Pflegekosten sehr schwierig", erklärte Schmidt. "In einem Heim haben wir zu 100 Prozent Sozialhilfeempfänger. In einem anderen Heim können nur noch fünf von 62 Bewohnern ihre Pflege selbst zahlen. Dabei zahlen wir weit unter dem öffentlichen Tarif", sagte die AWO-Chefin. Oft blieben den Bewohnern nur 120 Euro pro Monat. Davon müssten aber noch Medikamente, Fußpflege sowie die Fernsehkarte bezahlt werden. "Die Situation in der Pflege ist ein ganz großes Thema", appellierte Schmidt. "Alle Experten müssen an den Tisch."

76.000 Unterschriften, um Eigenanteil der Heimbewohner zu deckeln

Um den Eigenanteil der Heimbewohner in der Zukunft zu deckeln, hat Schmidt in ihrer Region 76.000 Unterschriften gesammelt und sie dem Petitionsausschuss im Bundestag übergeben. "Es muss sich etwas bewegen. Die Not ist riesengroß", erklärte die AWO-Chefin . "Die Politik kann da nicht mehr vorbei."

Forderung: Zuschuss über Steuermittel

Alexander Krauß
CDU-Bundestagsabgeordneter Alexander Krauß Bildrechte: Alexander Krauß

Das sieht auch sächsische CDU-Bundestagsabgeordneter Alexander Krauß so. Er lehnt es jedoch ab, die Kosten für die Heimbewohner zu deckeln "Ich kann die Betroffenen gut verstehen", sagte er. "Allerdings bin ich vorsichtig, die Kosten nur zu deckeln", sagte Krauß. Die Heimkosten in Nordrhein-Westfalen seien viel höher als in Sachsen. Profitieren würden vor allem die Bundesländer mit traditionell höheren Heimkosten. Um Pflege in Zukunft zu finanzieren, brauche es mehr Geld. Angehörige dürften nicht überfordert werden. "Wir müssen über einen Zuschuss an Steuermitteln nachdenken und aufpassen, dass uns das Gesamtsystem nicht um die Ohren fliegt", sagte Krauß bei "Fakt ist!". Er ist sich sicher, dass "Jens Spahn in diesem Jahr noch einen Gesetzentwurf hinkriegt".

Wohnen im Abseits: keine Versorgung durch ambulante Pflegedienste

Nicht nur Pflegeheime, auch ambulante Pflegedienste kämpfen mit Zwängen und niedrigen Pauschalen. Ines Krause, Inhaberin der häuslichen Krankenpflege "Villa Herbstgarten" in Bad Schandau hat die Pflege eines Mannes abweisen müssen, weil die Anfahrtswege nach Halbestadt bei Königstein zu zeitaufwendig sind. "In meiner Brust schlagen zwei Herzen. Auf der einen Seite bin ich Krankenschwester und sehe die Not. Auf der anderen Seite habe ich eine Verantwortung den Mitarbeitern gegenüber", erklärt Krause bei Fakt ist. Für die Versorgung des Mannes in Halbestadt wäre die Kollegin eine Stunde unterwegs gewesen, für einen Verbandswechsel, der mit 13,30 Euro vergütet würde. "Die Finanzierung ist nicht gegeben." Besonders im ländlichen Raum bei großen Entfernungen zwischen den Patienten werde eine kostendeckende Versorgung immer schwieriger.

Bei ambulanten Diensten wird nur eine Leistung vergütet

Sachsens Staatsministerin für Soziales und Verbraucherschutz Barbara Klepsch.
Sachsens Staatsministerin für Soziales und Verbraucherschutz Barbara Klepsch. Bildrechte: Staatsministerium/Christian Hüller

Ein weiteres Problem ist laut eines Dresdner Pflegedienstes, dass bei einem Pflegebesuch nur eine Leistung vergütet wird - egal wie viel Leistungen erbracht worden sind. "Ich kann das, was hier geschildert wird, nur bestätigen", erklärte Sachsens Gesundheitsministerin Barbara Klepsch. Das Problem der Wegezeiten sei auch in Bürgerdialogen immer wieder erwähnt worden. In den Verhandlungen der selbstverwaltenden Verbände - die Politik sitze hier nicht mit am Tisch - müsse das Problem endlich gelöst werden. "Mir geht das jetzt auch viel zu langsam", sagte Klepsch. Sie sei gerade im Gespräch, die Diskussionen über Wegezeiten bei ambulanten Diensten vorzuziehen.

"Wir mühen uns schon seit geraumer Zeit, das Leistungsgruppensystem aufzubrechen und Leistungen neu zu finanzieren", erklärt Igor Ratzenberger vom Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste. Die Kassen seien in der Verhandlungsführung sehr streng, hier bleibe nicht viel Spielraum. Gleichzeitig gebe es traditionell gewachsene Preissysteme in West und Ost. Während in Bremen für die Gabe von Medikamenten und das Anziehen zweier Kompressionsstrümpfe 16,65 Euro vergütet werden, erhalten Pflegedienste in Sachsen für die gleiche Leistung nur 7,35 Euro. Grundsätzlich gälten in jedem Bundesland andere Regeln, erklärte Ratzinger.

Neuer Ansatz "Buurtzoog": Pfleger kann selbst entscheiden

Hoffnung blieb am Schluss der Sendung. Das erfolgreiche aus den Niederlanden stammende Pflegekonzept "Buurtzoog" (übersetzt: Nachbarschaftshilfe) rechnet mit einem Zeitkontingent, hilft bei der Selbsthilfe und bezieht Nachbarn mit ein. In einem ersten Modellversuch wird es jetzt in Leipzig getestet. "Die Pflegefachkräfte bekommen wieder Hoheit über den Pflegeprozess. Sie entscheiden vor Ort, was wichtig ist, um eine größtmögliche Selbstständigkeit für die Betroffenen zu erreichen. In den Niederlanden kann man sehen, dass es funktioniert", erklärt Tobias Bosold von Buurtzoog Leipzig.

Wertschätzung wieder in den Vordergrund rücken

Mit diesem Ansatz könnte Wertschätzung wieder in den Vordergrund rücken, erklärte Simone Lang, seniorenpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Sächsischen Landtag, und fordert die Unterstützung der Gesundheitsministerin: "Großes Ziel ist es, den Ansatz auf dem Land zu testen. Er kann der Vereinsamung entgegenwirken und wieder mehr Gemeinschaft stiften." Klepsch antwortet: "Wir haben neue Ansätze im Pflegepaket aufgegriffen und wollen das Modell "Buurtzoog" mit auf den Weg bringen."

Andreas F. Bock moderiert, viele Zsuchauer sitzen rings herum im Studio 61 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR FERNSEHEN | Fakt ist! | 24.06.2019 | 20:45 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

3 Kommentare

26.06.2019 21:38 na so was 3

Entschuldigung, jeweils für vier WOCHEN war gemeint. Und gleich noch eine Schlagzeile aus der "Sächsischen Zeitung" vom 25.06.2019: "Lage in Flüchtlingsunterkünften deutlich verbessert". Für die Fachkräfte scheint genug Geld dazu sein, für die "Alten und Gebrechlichen Einheimischen" eindeutig nicht. Denn sonst brauchen wir so eine Diskussion zu führen. Armes Deutschland !!! 26.06.2019, 21:38

26.06.2019 21:32 na so was 2

1@ Anja, ich kann ihrem Kommentar nur beipflichten. Die "Schlaumeier" aus den oberen Schichten sollten, bevor sie irgendwelche Sprüche loslassen, wie gut doch die Pflege in Deutschland ist, einmal für vier als Pflegekraft und anschließend ebenfalls vier als zu Betreuende in ein Pflegeheim einziehen. Und dann bitte, GANZ EHRLICH uns allen berichten, wie sie es empfunden haben, zum "Rattenschwanz der deutschen Bevölkerung zu gehören". Bewerben Sie doch einfach mal bei einem Pflegeheim, Ihre Schreibtischarbeit erledigt schon ein Anderer. Leute, die im Büro sitzen, gibt es genügend. 26.06.2019, 21:32

26.06.2019 13:21 Anja 1

die reden alle wie sie es gebrauchen da kann man nichts drauf geben auf diesen Gequatsche, garnichts, die Menschen bleiben arm und werden immer ärmer , vermeiden solange wie es geht das Pflegeheim , man ist dort das letzte vom letzdem !

Mehr aus Sachsen