Autor Lukas Rietzschel
Bildrechte: Ullstein-Verlag

10.09.2019 | 13:30 Uhr Lukas Rietzschel: "Mein Buch muss sich am Theater neu beweisen"

Er ist im Augenblick einer der größten sächsischen Literaturhoffnungen: der 25-jährige Lukas Rietzschel aus Görlitz. Geehrt wurde er dafür mit dem Gellertpreis. In vier Tagen kommt sein Buch auf die Theaterbühne. MDR SACHSEN hat ihn zum Interview getroffen und mit ihm über die Übertragung seines Romans auf die Theaterbühne gesprochen.

Autor Lukas Rietzschel
Bildrechte: Ullstein-Verlag

Lukas Rietzschel bekam am Freitag vom Landkreis Nordsachsen und der Sparkasse Leipzig den Gellertpreis vergebenen. Herzlichen Glückwünsch! Was bedeutet Ihnen dieser Preis?

Lukas Rietzschel: Ganz viel, weil das der erste Preis ist, den ich bekomme und dann auch noch in direkter Verknüpfung mit dem Land Sachsen. Das ist schon was ganz besonderes für mich. Ich stehe da auch in einer Reihe von tollen Menschen, die alle auch ein größeres Lebenswerk vorzuweisen haben. Ich habe jetzt erstmal nur diesen einen Roman und jetzt hoffe ich, dass ich mich da einreihen kann und auch ein würdiger Preisträger bin. Das wird die Zeit bringen und zeigen.

Ist ein bisschen wie Schweben was Sie gerade erleben. Vor drei Tagen haben Sie den Gellertpreis bekommen und in vier Tagen ist die Uraufführung der Theaterfassung nach Ihrem Roman "Mit der Faust in die Welt schlagen" am Dresdner Staatsschauspiel.

Ja, das ist ein Hochgefühl, dass das gezeigt wird. Aber es ist auch eine Anspannung, weil ich die Fassung ja selber geschrieben habe. Das ist für mich das erste Mal, dass ich für das Theater gearbeitet habe und ja, das muss sich jetzt nochmal neu beweisen. Es ist jetzt ein anderes Medium. Es ist eine andere Kunstform und mein großer Anspruch ist, dass dieses Theaterstück auch für Leute funktioniert, die den Roman vorher nicht gelesen haben, die trotzdem mit dieser Geschichte mitgehen und am Ende dann vielleicht genauso berührt sind, wie mir das Leserinnen und Leser gesagt haben. Da bin ich schon sehr aufgeregt, muss ich sagen. Und das jetzt auf die Bühne zu bringen, ist tatsächlich ein bisschen anspruchsvoller. Ich kann eben keine Atmosphäre, ich kann den Raum nicht vorgeben, das macht die Regisseurin, Liesbeth Coltof, mit dem Bühnenbildner. Und alles was ich tun muss, ist, das was ich mir mit den Figuren wünsche und mir vorstelle in die Dialoge, in die Szene zu bringen. Das heißt, ich muss deren Emotion ein bisschen mehr in den Figuren kondensieren und tatsächlich mehr Dialoge schreiben. Ich bin relativ zuversichtlich, das der Charakter des Romans erhalten geblieben ist, beziehungsweise das sogar noch mal in eine eigenständige Kunstform überführt werden konnte.

Wie ist das für Sie, wenn sich Ihre Figuren auf einmal auf der Bühne bewegen, aus Fleisch und Blut sind?

Das war absolut berührend für mich, zu sehen, da spricht und verhält sich jemand so, wie ich mir das gedacht habe. Und es geht auch irgendwie auf. Also die Schauspieler und Schauspielerinnen, die hatten eine gewisse Skepsis, weil ich versuche, viel über diese "Nicht-Kommunikation" zu machen. Das heißt, da ist auch sehr viel Stille mitunter zwischen diesen Figuren. Und da waren sie nicht sicher, ob das so aufgeht. Schauspieler wollen gerne expressiv sein und viel reden und viel Ausdruck haben. Das ist nun das ganze Gegenteil. Aber dann merkten die gaube ich, "Ey, das funktioniert, und wir lassen uns mal darauf ein". Also ich bin sehr gespannt, was am Ende daraus wird. Ich bin jetzt bei den Proben nicht mehr dabei gewesen und lasse mich dann selbst zur Premiere überraschen.

Im Mittelpunkt stehen ja die beiden Teenager Tobias und Philipp, die ihren Weg im Leben suchen und dabei zumindest einer der beiden Brüder ins rechtsradikale Milieu abgestürzt. Und das bemerkenswerte in Ihrem Buch, das passiert nicht auf einmal. Da kommt eins zum anderen und ist nicht zuletzt jugendlicher Abenteuersucht geschuldet, unterstützt auch durch Leichtsinn. Ist das auch der Kern der Theaterfassung, vor diesem Entgleiten zu warnen?

Das glaube ich schon. Aber in der Theaterfassung zumindest habe ich genauso versucht zu schreiben, wie im Roman. Nämlich das es jetzt nicht diesen einen Moment gibt, an dem man das festmachen kann. Sondern das es eben dieses schleichende, langsame Entgleiten ist. Und das ist auch in die Bühnenfassung reingeschrieben. Wie gesagt, ich weiß ja nicht, was am Ende daraus wird und wie die Schauspielerinnen und Schauspieler und die Regisseurin das umsetzen. Aber es ist zumindest angelegt, das es ein langsames Entgleiten ist. Und das auch diese Gruppe von Neonazis, an die die Jungs dann gerät, das die auch nicht überzeichnet oder gar grotesk ist. Das sind auch für sich alle ganz zerbrechliche Typen, mit denen man vielleicht sogar Mitleid haben kann, darf und soll. Das ist ja die große Konfrontation, die da auch entstehen soll. Also am Ende nicht erschrocken und angewidert nach Hause zu gehen, sondern vielleicht einfach auch mit dem eigenen Mitgefühl konfrontiert zu sein. Und das ist der Reiz für mich. Mich nicht hinzustellen und am Ende auch didaktisch oder moralisierend zu werden, sondern einfach diese Geschichte zu erzählen und zwar so nah und so genau, dass man sich wiedererkennt, oder das man zumindest merkt, das sind keine Masken und das sind keine fremden Menschen für mich, sondern ich bin ganz nah bei denen. Und das hoffe ich, dass das auf der Bühne dann auch gelingt.

Am Freitag, 13. September 2019, ist Uraufführung am Dresdner Staatsschauspiel: "Mit der Faust in die Welt schlagen" von Lukas Rietzschel. Danke.

Das Interview führte Andreas Berger.

Quelle: MDR/kh

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 10.09.2019 | 20-23 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. September 2019, 13:30 Uhr

Mehr aus Sachsen