Prof. Reinhard Berner
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Interview Die Bedrohung durch multiresistente Erreger ist real

Er ist Infektiologe und kennt sich mit tödlichen Keimen bestens aus. Professor Reinhard Berner ist der Sprecher der Infektionskommission am Uniklinikum Dresden. Er weiß, wie Bakterien Medikamente überlisten und sich unter einem hohen Selektionsdruck immer wieder verändern und anpassen. Berner schätzt die Bedrohung durch die zunehmenden Antibiotika-Resistenzen als "real" ein. MDR SACHSEN hat mit dem Spezialisten gesprochen.

von Katrin Tominski

Prof. Reinhard Berner
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Professor Berner, multiresistente Erreger (MRE) sind nicht nur ein Problem der Krankenhäuser. Die Weltgesundheitsorganisation spricht von einer globalen Bedrohung. Stimmt das?

Die Bedrohung ist real. Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass 2050 die meisten Todesfälle weltweit durch Infektionen mit MRE verursacht sein werden. Das Problem wird sehr ernst genommen. Nicht nur bei Medizinern. Auch führende Ökonomen und Politiker beraten über die Folgen der sich ausbreitenden Antibiotika-Krise.

In Deutschland ist davon noch nicht so viel zu spüren?

In Deutschland ist dieses Thema auf irgendwelche Art noch nicht richtig angekommen. Wenn Sie auf dem Markt Menschen fragen: Wovor haben Sie Angst? Niemand würde sagen: Ich habe Angst vor multiresistenten Erregern. Wir haben hier noch eine relativ gute Lage und geringe Resistenzen. Es gibt viele Leitlinien und eine Deutsche Antibiotika-Resistenzstrategie der Bundesregierung (DART) sowie die Kommission Antiinfektiva, Resistenz und Therapie (ART) am Robert-Koch-Institut. Das Problem ist, dass die und ihre Aufgabe bzw. ihren Auftrag kaum jemand kennt.

Nicht sehr beruhigend ...

Die Infektiologie beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit dem Thema. Wesentlich dabei ist, Zurückhaltung und der gezielte Einsatz von Antibiotika. Jedes Krankenhaus muss heute einen Antibiotika-Beauftragten haben. Dieser sorgt dafür, dass Antibiotika sinnvoll eingesetzt werden - im Sinne der rationalen, also einer vernunftgesteuerten Therapie. Die Spezialisten tauschen sich in Netzwerken regelmäßig aus. Immer mehr Ärzte sind sich der Herausforderung bewusst. Doch das reicht natürlich nicht. Das Thema betrifft alle.

Antibiotika-Kapseln im Blister
Viele Jahre wurden Antibiotika viel zu locker und unkritisch vergeben. Bildrechte: colourbox.com

Das klingt, als ob viele Jahre unbekümmert Antibiotika verabreicht worden sind?

Ja, das ist sicher lange Zeit so gewesen. Dass man sich nicht darüber im Klaren war, wie sich die massenweise Verabreichung von Antibiotika auf die Menschen auswirken kann. Viele Krankenhäuser haben zum Beispiel Antibiotika bei Operationen weit über die empfohlene Zeitdauer hinaus eingesetzt. Oft wurden die Medikamente viel zu locker und unkritisch vergeben. Das hat sich gerächt.

Welche Rolle spielen die Krankenhäuser?

Der Fokus liegt schnell immer auf den Krankenhäusern. Doch 85 Prozent der Antibiotika in der Humanmedizin werden im ambulanten Bereich verordnet. Es reicht nicht, nur in Aufklärung in den Kliniken zu investieren. Auch Allgemeinmediziner und niedergelassene Fachärzte müssen handeln. Besonders Kindern wird vom Arzt schnell ein Antibiotikum verordnet. Es hat sich jedoch in den letzten Jahren auch schon viel geändert. Der Austausch in Netzwerken, die Leitlinien und Pilotprojekte - wie zum Beispiel eines von Kinderärzten in Bielefeld (AnTiB) - zeigen erste Wirkung. Die Verordnungsraten sind an vielen Orten gesunken. Am Uniklinikum Dresden werden heute viel weniger Antibiotika verabreicht als früher.

Viele Maßnahmen. Doch ist es dafür nicht zu spät? Sind die Resistenzen nicht zu weit entwickelt?

Es ist nie zu spät. Bakterien haben per se kein Interesse, sich mit Resistenzen auszustatten. Sie haben keinen Vorteil davon. Im Gegenteil: Ihre Vermehrung kann dadurch sogar erschwert werden. Sie tun es nur, um unter der Wirkung von Antibiotika zu überleben. Ein Bakterium wird also resistent unter einem bestimmten Selektionsdruck. Insofern: Wenn der Selektionsdruck durch weniger Antibiotika herausgenommen wird, können sich Resistenzen auch wieder zurück entwickeln.

Mittlerweile soll es Erreger geben, die gegen alle verfügbaren Antibiotika immun sind?

Die allermeisten Infektionskrankheiten in und außerhalb von Krankenhäusern können weiterhin mit relativ einfachen Medikamenten behandelt werden. Nur für eine relativ kleine Zahl von Patienten, meist auf Intensivstationen in Krankenhäusern stehen nur noch wenige  Antibiotika zur Verfügung. Bei manchen sehr seltenen Krankheiten durch multiresistente Erreger wirkt tatsächlich kein Antibiotikum mehr. Wenn das wirklich zunimmt, wird es ein ernsthaftes Problem. Es gibt Experten, die schon von einer "post-antibiotischen Ära" sprechen.

Eine Person in einem weißen Kittel gibt in einem Labor mit einem Gerät in der Hand eine Flüssigkeit in Röhrchen in einer Box.
Bakterien haben eigenlich kein Interesse, Resistenzen zu entwickeln. Sie machen das nur, um als Art zu überleben. Durch Antibiotika werden sie unter Stress und einen sogenannten "Selektionsdruck" gesetzt. Bildrechte: Med Uni Graz

Produzieren Pharmafirmen keine neuen Antibiotika?

Viel ist in den letzten Jahren nicht passiert an Neuentwicklungen. Zwar sind in den vergangenen Jahren einige wenige Medikamente zugelassen worden. Dabei handelt es aber meist um Variationen bekannter Antibiotika und nicht um wirklich neue Substanzklassen. Antibiotika werden bei akuten Infektionen kurzfristig eingesetzt. Die Rendite ist also inklusive Forschung und Entwicklung verglichen mit Medikamenten für chronische Krankheiten eher gering. Für die nächsten fünf bis zehn Jahre ist nicht viel zu erwarten - auch mit öffentlicher Förderung der Antibiotika-Forschung. Aber selbst wenn es ein neues Antibiotikum gibt, werden sich neue Resistenzen entwickeln.

Wenige neue Antibiotika. Wie können wir handeln?

Ich kann mich nur wiederholen: Wir müssen den Verbrauch senken und dafür auf allen Ebenen einwirken. Antibiotika sind wichtige Medikamente. Wir sollten ohne sie auskommen, wenn es nicht unbedingt notwendig ist, oder sie nur für eine möglichst kurze, vom Arzt verordnete Dauer einnehmen. Unnötige Antibiotika-Therapien müssen vermieden werden. Da ist jeder angesprochen. Hilfreich sind auch Impfungen zum Beispiel gegen Pneumokokken, die Lungen-, Hirnhaut-, Mittelohr- und Nasennebenhöhlenentzündungen auslösen. So werden Infektionen im Vorfeld vermieden, statt im Nachgang mit Antibiotika behandelt. Erste Erfolge können wir verzeichnen. Doch das ist nicht genug. Dass es deutlich besser geht, zeigen die Niederlande.

Warum?

Die Deutschen verschreiben etwa doppelt so viele Antibiotika wie die Niederlande oder auch Estland. Trotzdem liegen sie im europaweiten Vergleich noch im unteren Viertel. Die Italiener und die Griechen verordneten am meisten. Hier beobachten wir einen extrem hohen Antibiotika-Verbrauch - etwa 250-fach höher als in Deutschland. Bei uns erleiden knapp 55.000 Menschen MRE-Infektionen. In Italien liegen die MRE-Infektionen bei knapp 202.000. In der gesamten EU haben Forscher jüngst über 670.000 Infektionen mit multiresistenten Keimen gemessen. Gefährlich sind die zunehmenden Resistenzen auch bei Tuberkulose. Schon jetzt reagieren immer weniger Erreger auf Antibiotika.

Tuberkulose ist vor allem aus der Kriegs- und Nachkriegszeit bekannt. Ist das nicht längst eine Krankheit des vergangenen Jahrhunderts?

Tuberkulose ist weltweit die Infektionskrankheit Nummer 1 mit einer sehr hohen Sterblichkeit. An ihr sterben mehr Menschen als an Aids. Vor allem Einwohner in armen Ländern in Subsahara-Afrika, Asien, aber auch aus Russland sind betroffen. Die auch als Schwindsucht bekannte Krankheit ist schwer zu behandeln, die Behandlung dauert Monate. Tuberkulose ist mit Antibiotika heilbar. Hat man - wie viele Menschen in diesen Ländern - für die Medikamente kein Geld, ist das Risiko, daran zu sterben, hoch. Sind die Erreger gegen Antibiotika resistent, ebenfalls.

Tuberkulose
Tuberkulose ist weltweit die Infektionskrankheit Nummer 1. Auch in Europa ist sie wieder auf dem Vormarsch. Antibiotika sind die einzigen Medikamente mit denen die oft tödlich verlaufende Infektion geheilt werden können. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Multiresistente Erreger  - wie groß ist das Problem in Sachsen?

Im Wesentlichen nicht viel anders als überall in Deutschland. Die Infektionsraten mit MRSA- und MRGN-Erregern sind zum Beispiel am Universitätsklinikum Dresden in den letzten Jahren gesunken und liegen jetzt bei einer Resistenzquote im niedrig einstelligen Bereich. Die Infektionen mit dem VRE-Erreger liegen mit einer Quote von 24 Prozent hingegen auf einem relativ hohen Niveau. Das ist fast überall im Osten so. Wir wissen nicht genau, woran das liegt. Grundsätzlich muss hier jedoch eines gesagt werden: Der weitaus überwiegende Anteil von Infektionskrankheiten - auch von sehr gefährlichen, oft lebensbedrohlichen Infektionen im Krankenhaus - entsteht durch nicht multiresistente Erreger. Diese verlaufen nicht weniger schwer als Infektionen mit MRE. Das Problem bei MRE-Infektionen ist nur, dass man in diesen - glücklicherweise bei uns noch sehr seltenen - Fällen kaum noch ein wirksames Antibiotikum findet.

Das klingt so, als ob die MRE-Infektionen doch nicht so schlimm sind?

Nein, so kann man das nicht sagen. Es ist besonders furchtbar schlimm, wenn man Patienten nicht mehr mit wirksamen Antibiotika behandeln kann. Aber man sollte nicht so tun, als ob MRE-Infektionen das größte Risiko in Krankenhäusern wären. Die weltweit zunehmenden Resistenzen stellen heute in Deutschland noch kein flächendeckendes Gesundheitsproblem dar. Aber es kann ganz schnell eines werden: Wenn sich die Resistenzen ausbreiten, in zehn oder zwanzig Jahren alle Patienten Infektionen mit resistenten Keime erleiden und kein Antibiotikum mehr hilft. Dann ist das Risiko, im schlimmsten Fall an diesen Infektionen auch zu versterben, hoch, das ist heute noch nicht der Fall. Ich will das Problem nicht kleinreden. Jedes Jahr erleiden Patienten in Deutschland zwischen 400.000 bis 600.000 Krankenhausinfektionen, etwa 30.000 davon sind durch multiresistente Erreger verursacht, davon wiederum vielleicht 1500 durch MRE, die gegen fast alle Antibiotikaklassen resistent sind . Wir müssen dafür Sorge tragen, dass aus den 1.500 keine 600.000 werden.

Kritiker warnen, wir fallen ohne wirksame Antibiotika medizinisch ins Mittelalter zurück. Teilen Sie diese drastische Einschätzung?

Wenn Antibiotika nicht mehr wirken, hätte das erhebliche Konsequenzen für die moderne Medizin. Die Zahl der Todesfälle würde drastisch steigen, Menschen würden an Infektionen sterben, die heute noch problemlos geheilt werden können. In solch' einer Situation kann ich mir auch sparen, eine Niere zu transplantieren, oder ein neue Herzklappe oder eine künstliche Hüfte einzusetzen. Wenn das Infektionsrisiko bei Operationen tödlich wird, werden viele Eingriffe obsolet. Dann wären wir - wenn Sie so wollen - wieder im Mittelalter.

Ein düsteres Szenario...

Wir dürfen uns nicht auf die Entwicklung neuer Antibiotika verlassen. Das wird das Problem nicht lösen. Ein maßvoller Umgang mit Antibiotika ist die einzige Überlebensstrategie für uns alle. Dafür brauchen wir in Deutschland mehr Infektiologen! In anderen Ländern, die deutlich weniger Antibiotika einsetzen, gibt es Spezialisten für Infektionskrankheiten, das heißt: Fachärzte - Internisten und Kinderärzte - für Infektionskrankheiten. In Deutschland noch nicht.

Gibt es eine individuelle Verantwortung? Was kann jeder persönlich tun?

Ja, natürlich gibt es eine persönliche Verantwortung. Wenn Sie heute zum Arzt gehen und bei jedem Schnupfen oder Halsschmerzen ein Antibiotikum erfragen, befeuern Sie das Problem. Auch Patienten müssen kritisch sein. Sie dürfen nicht erwarten, bei jedem Anlass ein Antibiotikum zu bekommen. Es ist oft ein Teufelskreis. Eine Studie zeigt, dass viele Ärzte ein Antibiotikum verschreiben, weil sie denken, der Patient erwartet dies. Die Patienten wollten das aber gar nicht. Insofern: Sagen Sie Ihrem Arzt, dass Sie nur dann ein Antibiotikum wollen, wenn es unbedingt notwendig ist.

Eine Ärztin legt einem Patienten ein Blutdruckmessgerät an.
Berner: Jeder Patient sollte sich selbst kritisch hinterfragen, ob er vom Hausarzt Antibiotika verlangt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das heißt aber auch, dass die Ärzte umdenken müssen.

Ja, klar. Das sind die Allerersten, die umdenken müssen. Sie müssen sich an die neuen Leitlinien halten und jede Verschreibung hinterfragen. Dass das wirkt und funktioniert, hat eine Eigeninitiative von Kinderärzten in Bielefeld gezeigt, die sich auf einen sehr restriktiven Einsatz von Antibiotika geeinigt haben - zum Wohle, nicht zum Schaden ihrer Patienten.

Vielen Dank für das Gespräch.

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 22.04.2019 | 10:00 Uhr in den Nachrichten

Zuletzt aktualisiert: 22. April 2019, 10:59 Uhr

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