Büroangestellte leidet
Laut einer Studie der Universität Lüneburg leidet jeder Vierte von 2.000 Befragten unter Dauerstress mit Vorgesetzten. Bildrechte: imago images / Panthermedia

09.10.2019 | 15:55 Uhr Richtiger Umgang mit schwierigen Chefs

Schwierige Chefs - für die einen Alltag, für andere nicht vorstellbar, aber gar nicht so selten. Aber was sind "schwierige" Chefs und wie wird man am besten mit ihnen fertig? Arbeitspsychologin Dr. Ulla Nagel gibt Tipps. Sie hat in Dresden ein psychologisches Beratungsinstitut aufgebaut und berät Firmen in Führung und Konfliktlösung.

Büroangestellte leidet
Laut einer Studie der Universität Lüneburg leidet jeder Vierte von 2.000 Befragten unter Dauerstress mit Vorgesetzten. Bildrechte: imago images / Panthermedia

Gibt es eine Definition für "schwierige Chefs"?

Es gibt keine eindeutige Definition. Man kann jedoch von einem "schwierigen Chef" sprechen, wenn dieser seine Fürsorgepflicht verletzt und sich das Auftreten und Verhalten der Führungskraft negativ auf einen Mitarbeiter und dessen Gesundheit auswirken, zum Beispiel in Form von psychischem Stress, Burn-Out oder Depression.

Welche Typen von schwierigen Chefs gibt es?

Es gibt unter anderem Narzissten, Choleriker, Zyniker, unterkühlte Analytiker, chronische Bedenkenträger, unstete Dynamiker und geschickte Manipulierer.

Welche Probleme treten beispielsweise bei einem narzisstischen Chef auf?

Er darf nicht kritisiert werden und will Bewunderung. Wer ehrlich mit einem Narzissten ist, kann sich leicht "verbrennen". Des Weiteren lassen diese Menschen fleißige Mitarbeiter im Zweifel fallen.

Wie übersteht man möglichst unbeschadet den Ausbruch eines cholerischen Chefs?

Den Tornado vorüberziehen lassen! Währenddessen sollten die Mitarbeiter Provokationen überhören, den Finger nicht in die Wunde legen, Emotion vermeiden und Selbstvertrauen demonstrieren. Es kann auch helfen, den Raum zu verlassen und sachlich mitzuteilen, dass man das Gespräch später fortsetzen möchte.

Wie reagiere ich, wenn der Chef mir einen Fehler unterschieben will, für den er verantwortlich ist?

Hier rät die Expertin, nicht auf Konfrontation zu gehen. Dennoch sollte man auf den Chef zugehen und vorschlagen, die Suche nach dem Schuldigen zu beenden. Im Gespräch kann der Fokus zum Beispiel auf die Kunden gelegt werden, die zufrieden sein sollen. Weiterhin empfiehlt es sich, gleich Ideen anzubringen, um die Situation in Zukunft zu verbessern.

Was mache ich, wenn der Chef mir besonders viele Aufgaben gibt und zugleich meine Arbeit nicht würdigt und sie schlecht macht?

In so einem Fall ist es ratsam, die Hintergründe für sein Verhalten zu klären. Dieses Gespräch sollte auf jeden Fall unter vier Augen stattfinden, wenn dahinter ein persönliches Motiv vermutet wird.

Wie verhalte ich mich richtig, wenn ich einen schwierigen Chef habe?

Zunächst sollte man sich Klarheit schaffen und ein wenig in Abstand gehen, um die Situation "von außen" zu betrachten. Es lohnt sich auch, noch einmal die eigene Wahrnehmung zu reflektieren und sein Bauchgefühl zu befragen: Liegt hier Schikane vor? Dann gibt es drei Wege: kämpfen, stillhalten oder flüchten.

Kämpfen: Die Betroffenen sollten sich zunächst Vertrauenspersonen suchen und zusammen Strategien überlegen. Es funktionieren auch Allianzen, die eine stärkere Macht haben als der Chef (z. B. Betriebs- oder Personalrat, Vorstand, Aufsichtsrat) und das eigene Anliegen unterstützen.

Stillhalten: Das ist sinnvoll, wenn der Job zeitlich begrenzt ist oder für diejenigen, die ihren Traumjob gefunden haben und der Chef nicht dauerhaft bleiben wird, weil er den Posten nur als Sprungbrett nutzt und voraussichtlich bald wieder weg ist. Für die verbleibende Zeit rät die Expertin, sich mental abzugrenzen, die Erwartungen herunterzuschrauben und nicht aufzufallen. Außerdem ist es hilfreich, sich Vertraute zu suchen, denn geteiltes Leid ist bekanntlich halbes Leid.

Flüchten: Sollten die ersten beiden Wege nicht funktionieren, hilft nur noch der letzte Ausweg – eine Versetzung oder Kündigung. Das kommt für all diejenigen in Betracht, bei denen sich stillhalten nicht lohnt oder die keine Allianzen zum "kämpfen" finden. Der Schritt sollte nicht gescheut werden, da es für viele Betroffene um die Gesundheit und Lebensfreude geht.

Was können Kollegen tun, wenn sie mitbekommen, dass der Chef einen unter ihnen auf dem Kieker hat?

Oftmals wählen schwierige Chefs das schwächste Glied aus, da es am besten angreifbar ist. Dann ist Zusammenhalt das oberste Gebot! Gemeinsam können die Kollegen den Chef herausfordern und ihm Feedback geben.

Gibt es Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Chefs?

Grundsätzlich muss man sagen, dass es oberhalb der Abteilungsleiterebene eher weniger Frauen gibt. Daher gibt es auch weniger Erfahrungen und Beispiele. Allerdings gibt es Untersuchungen, wonach Frauen in einer komplexen Welt (Globalisierung, Digitalisierung, etc.) die besseren Chefs sind. Sie können Menschen zusammenbringen und bilden Netzwerke, da sie mehr auf die Stabilität ihres Umfelds fokussiert sind. Weiterhin kam heraus, dass Chefs, die ihre Mitarbeiter unterdrücken, eher männlich sind. Dominante Führungskräfte können aber sowohl männlich wie auch weiblich sein, wobei Frauen dabei mehr Kontrolle ausüben. Dafür gibt es unter weiblichen Chefs weniger Wutausbrüche.

Gibt es zunehmend mehr oder weniger schwierige Chefs?

Die Tendenz ist eindeutig, meint die Expertin. Das Führungsverhalten hat sich in den letzten Jahren gebessert. Ein Grund sieht sie darin, dass mehr Unternehmen Geld ausgeben, um Führungskräfte zu schulen. Das sei sicher auch der aktuellen Arbeitsmarktsituation geschuldet, dass sich Mitarbeiter verstärkt den Arbeitgeber aussuchen können, wo die (Arbeits-)Kultur am besten ist.

Zu guter Letzt dürfe man nicht vergessen, dass nicht immer nur die Chefs schwierig sind, sondern dass es auch schwierige Mitarbeiter gibt. Manche nehmen nur und haben das Geben verlernt. Die Expertin betont an dieser Stelle, dass eine inspirierende Arbeitswelt nur gemeinsam von Mitarbeitern und Führungskräften geschaffen werden kann.

Quelle: MDR/cb

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 08.10.2019 | 10 - 12 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. Oktober 2019, 15:56 Uhr

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