Ein Kellner mit benutzten Tellern
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Tagung in Leipzig Gewerkschaft NGG kritisiert Tarifflucht im ostdeutschen Gastgewerbe

Etwa eine Million Menschen arbeiten nach Einschätzung der Gewerkschaft NGG als Mini-Jobber im Gastgewerbe. Ein Thema, das im Vorfeld des Gewerkschaftstages für Diskussion sorgt.

Ein Kellner mit benutzten Tellern
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Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) beklagt im ostdeutschen Gastgewerbe eine Tarifflucht. Nur zehn Prozent der Betriebe sind demnach tarifgebunden. Das sei eine "dramatische Situation", erklärt der stellvertretende NGG-Vorsitzende, Guido Zeitler. In Westdeutschland würden 27 Prozent der Betriebe an Tarifverträge gebunden sein. Nach Ansicht der Gewerkschaft kann die Tarifflucht zu Niedriglöhnen führen. Auch wenn einige Betriebe im Einzelfall mehr als den Tariflohn zahlen, biete der Tarifvertrag für die Arbeitnehmer mehr Vorteile: Statistisch gesehen sei die Entlohnung besser, es gebe Sonderleistungen wie Weihnachtsgeld und günstiger geregelte Arbeitszeiten, so Zeitler.

Weiterhin übt die Gewerkschaft Kritik am Arbeitgeberverband Dehoga, der in seinen Landesverbänden auch ohne Tarifbindung (OT) Mitgliedschaften anbietet. "Das heißt, man nimmt die Angebote als Wirtschaftsverband gerne wahr. Die sozialpolitische Verantwortung wollen diese Arbeitgeber aber nicht mehr wahrnehmen", kritisiert Zeitler. Der Dehoga widerspricht dieser Darstellung: Eine fehlende Tarifbindung bedeute nicht, dass die Mitarbeiter schlechter bezahlt würden. Die Mehrzahl der Beschäftigten arbeite zudem in Betrieben, die an Tarifverträge gebunden seien oder sich daran orientieren. Weiterhin weist der Verband daraufhin, dass es die sogenannten OT-Mitgliedschaften auch in Bayern, Hamburg und Hessen gebe und sie auch in anderen Branchen wie der Metall- und Elektroindustrie oder im Handel üblich seien.

Gewerkschafter treffen sich in Leipzig

In Leipzig hat am Montag der 17. Gewerkschaftstag der Nahrung-Genuss-Gaststätten begonnen. Wie die Gewerkschaft mitteilte, hatten sich zur Eröffnung 500 Teilnehmer angemeldet. Außerdem sprach Bundesarbeitsminister Hubertus Heil auf der Veranstaltung. Die NGG-Vorsitzende Michaela Rosenberger erläuterte zu Beginn der Tagung die ihrer Meinung nach größten Herausforderungen für die Gewerkschaft in der Zukunft: Digitalisierung der Arbeitswelt, Protektionismus im Welthandel und die Integration der Flüchtlinge in die deutsche Arbeitswelt. Auf der bis Freitag andauernden Konferenz sollen die künftige inhaltliche und politische Ausrichtung der NGG beschlossen und ein neuer Vorstand gewählt werden. Rosenberger tritt nicht noch einmal an. Dafür stellt sich Guido Zeitler zur Wahl.

Die Gewerkschaft betreut die Ernährungsindustrie, das Gastgewerbe, das Bäckerei- und Fleischereihandwerk sowie Brauereien und hat bundesweit nach eigenen Angaben 200.000 Mitglieder. Die Hotel- und Gaststättenbranche sei dabei ein schwieriges Feld, da die Hälfte der zwei Millionen Beschäftigten Mini-Jobber seien, so die NGG. Außerdem werde viel getrickst und schwarz entlohnt. Laut Zeitler will man sich in dieser Branche "nicht gerne an Regeln halten".

Forderungen an Politik

Am ersten Tag der Konferenz hat die NGG bereits zwei Forderungen an die Politik formuliert: die Einführung eines Schulfachs Ernährung und Steuersenkung für Schulessen. Angesichts steigender Zahlen übergewichtiger Kinder sollte "neben den Eltern auch der Staat mehr für eine gute Ernährung tun", erklärte Zeitler. In dem Fach sollte nach Meinung der Gewerkschaft nicht nur gelehrt werden, was in den Lebensmitteln steckt, sondern auch, wie sie produziert werden.

Um die Qualität des Essens in Schulen und Kitas zu steigern, wurde eine Steuersenkung vorgeschlagen. Nach Vorstellung der NGG sollte die ermäßigte Mehrwertsteuer von sieben Prozent gelten, statt 19 Prozent.

Quelle: MDR/dpa/cb

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - SACHSENSPIEGEL | 05.11.2018 | 19:00 Uhr

AKTUELLES AUS SACHSEN

Zuletzt aktualisiert: 06. November 2018, 11:15 Uhr

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8 Kommentare

07.11.2018 13:23 Marco_aus_LE 8

Ich kann zu dem Thema aus eigener Erfahrung berichten. Die andere Problematik dabei ist, daß man seit Jahren eigentlich als Facharbeiter keine wirkliche Chance auf dem Arbeitsmarkt hat, weil mittlerweile sehr viel auf Studenten als Abrufkräfte und auf Personalagenturen zurückgegriffen wird. Die beiden Faktoren und die Mindestlohnregelung erlauben Arbeitgebern, keine Grenze zwischen Aushilfen und Facharbeiter zu ziehen.
Das traurige Fazit... Seit Jahren muss ich mich unter Wert verkaufen, wenn ich arbeiten will!
Wie kann es sein, daß man in der Industrie als Handlanger mehr verdient, als in der Gastronomie mit diesen Einschränkungen?
Mittlerweile bin auch ich gezwungen, die Branche zu wechseln, da ich mir meinen Beruf nicht mehr leisten kann!

06.11.2018 19:03 Eulenspiegel 7

Hallo Thomas Vollmar 6
Was wollen sie damit sagen? Das ein möglicher Angestellter den Kneipeninhaber seine Arbeitskraft schenken muss? Also ich denke dazu der Inhaber einer Kneipe ist ein Unternehmer. Und wenn sein Unternehmenskonzept nicht mehr abwirft so ist das sein Problem. Wenn er nichts anderes anbieten kann als ein Bier. Ich kenne genug Kneipen die versuchen den Leuten was interessantes anzumieten. Und die haben auch gute Umsetze. Aber wenn man außer Bier und Korn nichts anzubieten hat.

06.11.2018 15:29 Thomas Vollmar 6

Heute stand dazu im Südthüringer Einzig-Kurier ein kurzer und ein umfangreicher Artikel. Nur einen Fakt daraus: Danach hat eine Kneipe im Schnitt ganze 139000€ Jahresumsatz.
Nehmen wir mal an, es gäbe ein EBIT(Gewinn vor Steuern) von 20%(im Osten was ganz ganz seltenes). Das hieße, dem Kneiper blieben am Ende volle 28Riesen Bruttoeinkommen. Davon zahlt er dann z.B. seine Investitionen, respektive Tilgungen. Lass das einer 15Riesen im Jahr sein - viel kann man damit eh nicht finanzieren. Am Ende wird der Kneiper irgendwas um 1000-1200Euro im Monat Netto haben. Das liegt zwischen HartzIV und Armutsgrenze. Im Zweifel müssen davon dann aber zwei leben, der Kneiper und seine Frau.

Und dann kommen Gewerkschaften und nölen was von Tarifflucht. Für Tariflöhne bekommt man in der Branche sowieso keine Leute mehr.

06.11.2018 13:26 Eulenspiegel 5

Also ich kann jeden Arbeitnehmer nur empfehlen baut euren Interessenverband auf und geht in die Gewerkschaften. Das ist die einzige Möglichkeit zu vernünftigen Arbeitsbedingungen und zu einer gerechten Entlohnung zu kommen.

06.11.2018 08:42 winfried an (2) 4

Die Mindestlohn-Forderung besteht zwar, jedoch, geben Tarifverträge i.d.R. mehr her als nur (Mindest)Lohn.
Es muss also weitere Gründe geben, die Tarifflucht und "Rückzug" auf gesetzliche Notwendigkeiten für Arbeitgeber attraktiv machen.

05.11.2018 23:14 von Pappe 3

Ich vertrete eine wehrhafte Demokratie. Parteien die das Ziel haben unsere Demokratie zu zerstören müssen bekämpft werden. An ansonsten gilt der demokratische Weststreit.

05.11.2018 18:29 Peter 2

@1 winfried: Es scheint Ihnen entgangen zu sein, dass sich besagter Bundesminister Heil gerade für einen Mindestlohn von 12 € die Stunde stark macht.
Damit kann man dem Lohndumping durchaus beikommen.

05.11.2018 13:25 winfried 1

Die NGG beklagt Tarifflucht, d.h. die Anwendung geltender Gesetze.
Falls sie vorhat die Arbeitgeber damit zu behelligen, "bellt sie den falschen Baum an".
Der Gast, Herr Heil, ist die richtige Adresse, denn er kommt nicht nur als SPD-Mitglied sondern auch als Repräsentant der aktuellen Regierung.

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