03.06.2020 | 13:54 Uhr Ifo-Ökonom Ragnitz befürchtet Pleitewelle im Osten

Die Corona-Folgen für die Wirtschaft sind noch nicht abzusehen. Ifo-Ökonom Joachim Ragnitz rechnet aber schon jetzt damit, dass Ostdeutschland größeren Schaden nimmt. Und Sachsen könnte es besonders hart treffen.

Wirtschaftswissenschaftler Joachim Ragnitz.
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Frage: Herr Ragnitz, nach Ansicht von Wirtschafswissenschaftlern ist die ostdeutsche Wirtschaft derzeit etwas weniger von Corona betroffen. Die Unternehmen hier seien international nicht so stark verbandelt. Aber wie sieht es längerfristig aus?

Joachim Ragnitz: Wenn man auf das Gesamtjahr 2020 schaut, sind Ost und West ungefähr gleich betroffen. Langfristig wird der Osten aber schwerer darunter leiden. Ein großes Problem ist, dass viele kleine ostdeutsche Unternehmen kaum Reserven haben und deswegen temporäre Umsatzausfälle nicht so gut verkraften können. Die im Osten tendenziell überalterten Führungsstrukturen tun ihr Übriges. Es dürfte daher mehr Unternehmensschließungen geben als anderswo. Insoweit sind die längerfristigen Folgen schwieriger als im Westen. Meine Sorge ist, dass wir dann wieder weiter hinter dem Westen zurückfallen.

Ich rechne mit einer Pleitewelle, die durch den Osten rollt.

Joachim Ragnitz Stellvertretender Leiter der ifo Niederlassung Dresden

Manche kleinen Unternehmer vergleichen die jetzige Situation mit der Wende. Andere sagen, es sei sogar schlimmer, weil bei der Wende nicht die Weltwirtschaft und die Nachfrage brach lagen, so wie jetzt. Wie sehen Sie das?

Prof. Dr. Joachim Ragnitz, stellvertretender Leiter der ifo Niederlassung Dresden
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'89/90 war schlimmer. Da erlitt die ostdeutsche Wirtschaft nach der Wende einen kompletten Zusammenbruch. Damals ging ein Großteil der Unternehmen pleite. Ganz viele Menschen haben ihren Arbeitsplatz verloren. So schlimm wird es jetzt sicherlich nicht kommen. Der derzeitige Einbruch ist zwar heftig - aktuell rechnen wir mit minus zehn Prozent beim Bruttoinlandsprodukt - aber danach wird es auch wieder zu einem Aufschwung kommen. Die Produktion kann in vielen Bereichen nachgeholt werden.

Allerdings konnte vor dreißig Jahren der Westen mit massiven Hilfen gegenhalten. Es gab großangelegte Subventionsprogramme - auch weil es sich der Westen leisten konnte. All das fällt jetzt weg, weil der Westen ja selbst betroffen und ebenfalls auf Subventionen angewiesen ist. Alles in allem bleibe ich aber optimistisch, dass wir auch aus dieser Krise wieder herauskommen.

Was würde den Unternehmen in der jetzigen Situation helfen?

Sachsen ist das einzige Ostland, das nur Darlehen als Soforthilfe vergibt. Aus fiskalischer Sicht verständlich, aber weil andere Länder großzügiger sind, retten die im Zweifel mehr Unternehmen. Das führt zu einer zusätzlichen langfristig negativen Wirkung - und dem Auseinanderdriften von Landesteilen. Im Westen zahlen nämlich auch die allermeisten Bundesländer Zuschüsse. Ausnahmen sind hier Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein, das Saarland und Berlin.

Für meine Begriffe sind Darlehensprogramme weniger gut geeignet. Weil die ja irgendwann zurückgezahlt werden müssen. Das werden möglicherweise eine ganze Reihe von Unternehmen nicht in Anspruch nehmen, weil sie die Sorge haben, künftig auch belastet zu sein. Das spricht eher dafür, sich um Zuschussprogramme zu kümmern. 

Joachim Ragnitz Professor Joachim Ragnitz ist Wirtschaftswissenschaftler mit dem Schwerpunkt Politikberatung für Ostdeutschland. Er ist Stellvertretender Leiter des Instituts für Wirtschaftsforschung (ifo) in Dresden.

Quelle: MDR/st

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