alte Frau und Kind halten Hände
Bildrechte: IMAGO

Neben Angst, Trauer und Hilflosigkeit Warum Pflege auch glücklich macht

Stephanie ist 37 Jahre alt. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrer fünfjährigen Tochter in Dresden. Im vergangenen Jahr wurde ihr Schwiegervater schwer krank. Und ihre Familie nahm ihn bei sich auf, pflegte ihn - bis er schließlich Ende des Jahres starb. Wie sie die Pflege ihres Schwiegervaters erlebt hat, wie ihre kleine Tochter damit umging - Angst, Trauer und Hilflosigkeit ... Und warum Pflege auch glücklich macht? Das hat sie uns geschrieben.

alte Frau und Kind halten Hände
Bildrechte: IMAGO

Pflege eines Menschen … in diese Situation bin auch ich gekommen. Wie es sich anfühlt, was es mit einem macht. Völlig überraschend stellt sich Dein Alltag um ...

Mein Mann und ich haben im vergangenen Jahr mit unserem damals fünfjährigen Kind meinen Schwiegervater bei uns aufgenommen. Er bekam eine Diagnose, die keinerlei Heilungschancen zuließ und wir hatten keine Ahnung, wie viel Zeit uns noch zusammen blieb. Seit seinem Einzug und den zunehmenden Qualen gab es so einige Momente, in denen ich quasi hautnah mit der Pflege, dem Abschied, ja mit dem Tod konfrontiert war. Was passiert denn, wenn mein Schwiegervater vor Schmerzen schreien würde und ihm kein Medikament hilft? Was, wenn sein Husten nicht aufhört oder ich die Erste bin, die ihn tot auffindet oder gar unser Kind? Ein Kind von 5 Jahren!

In dieser Zeit war unser Kind das coolste Kind überhaupt auf diesem Planeten. Es hat uns nämlich alle gemeinsam trotz der Situation zum Lachen gebracht und schöne Dinge zu uns gesagt. Das tut so gut, wenn es sich sonst so schwer ums Herz anfühlt.

Wir hatten großes Glück

Auch Freunde und die Familie waren für uns da. Ganz besonders aber waren es die Erfahrenen in diesem Bereich, die uns unglaublich gestützt haben, wie unsere Hausärztin, die uns als Familie blickig und herzlich umsorgte, der liebe- und würdevolle anthroposophische Pflegedienst oder das nicht wegzudenkende Brückenteam vom Josephstift. Wir hatten mit allen, wirklich allen, sehr viel Glück. Egal wann wir sie in unserer Hilflosigkeit brauchten, zu welcher Tages- oder Nachtzeit, mit Ihnen habe ich Ängste über die Pflege und das Sterben abgebaut. Dieses Glück weiß ich sehr zu schätzen. Durch diese Lebensschule geht man nicht so oft.

Dem Tod ganz nah

Wenn ich daran denke, welche Alltagstipps mir die Pfleger immer wieder gaben, die Ärzte betonten, man könne sie immer erreichen oder sie hielten meinem Schwiegervater liebevoll die Hand. Wenn ich daran denke, kann ich vor Glück die Tränen laufen lassen. Oft erinnere ich mich an den einen Pfleger vom Brückenteam, der zwei Tage vor dem Tod meines Schwiegervaters bei uns war, den wir gebeten hatten, noch nicht zu gehen, weil wir so unsicher waren und wir in den immer weniger werdenden Stunden bedacht und rücksichtsvoll sein wollten. Dieser Pfleger hat uns in respektvoller Art nahe gebracht, in welcher Phase wir uns befinden und das es nicht mehr sehr lange dauert.

Mein Schwiegervater ist nach über sieben Monaten von uns gegangen. Er hatte es geschafft. Und als der Moment des Sterbens da war, stellte unser Kind völlig erstaunt fest, wie lange Opa doch die Luft anhalten könne. Mit (m)einem Kind diese Situation erleben zu dürfen, hat sich so gut angefühlt. Und wie ängstlich war ich noch zuvor, weil ich mir nicht vorstellen konnte, wie es werden würde. Selbst bei der Totenwache war unser Kind ein Stern. Noch nicht in der Schule und schon so emphatisch und liebevoll gegenüber Jedem, der mit uns trauerte.

Dass wir einem Menschen, einem Pflegebedürftigen, einem Sterbenden, meinem Schwiegervater helfen durften und es auch für ihn von sämtlichen Seiten, wie dem Hausarzt, dem Pflegedienstund dem Brückenteam so viel Hilfe gab, war ein großes positives Erlebnis. Eines, auf das ich stolz bin. Wir würden es wieder tun: Aufnehmen, pflegen, da sein … Welch' großes Glück auf beiden Seiten!!!

Zuletzt aktualisiert: 15. Juni 2018, 08:56 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

9 Kommentare

13.03.2018 06:03 Sr.Raul 9

Alles klar, @8 (Atze), ich würde nur die "hochtechnisierte Welt" gegen Kapitalismus tauschen. Das Problem ist nicht die Technik. Beste Grüße aus S.-A., Glück auf!

12.03.2018 19:26 Atze 8

@6 Sr.Raul:
Vollkommen bei mir angekommen.
Heutzutage ist das so.
Hängt aber mit der Entfremdung des Menschen von seiner natürlichen Existenz zusammen. In einer hochtechnisierten Welt ist klar, dass diese nicht ein menschenfreundliches Umfeld sorgen kann.Auch mit Kindern hat man früher viel entspannter gelebt.Meine Mutter musste im Winter manchmal bis zum Dunkelwerden warten, bis ich als 8,9,10 Jähriger mit meinem Schlitten nach Hause kam.Alles entspannt und ohne Stress...MfG

12.03.2018 15:13 Chris 7

das sollte man nicht unbedingt noch als Vorbild nehmen diesen Bericht , es gibt ganz andere noch schwerere Fälle wo man als Angehöriger nicht zu Hause bleiben kann und mit einem 5 jährigen ist nicht gut so etwas zu bringen.

12.03.2018 13:03 Sr.Raul 6

Das,@5 (Atze), ist sicher der gewünschte Ideal- aber in der Wirklichkeit meist Ausnahmefall. Normale Wohnung, 1.Etage, selber berufstätig, Pflegedienst 3 x/Tag, E-Herd, Wasser, Kühlschrank, Balkon etc.pp. Was machst, in Abwesenheit aller Involvierten? Täglich (!!!) Sicherungen (außer Kühlschrank) aus/an, Haupthähne zu/auf, Balkontür- und Fensterschließen ab-/anmontieren, Wohnungstür verschließen. Trotzdem jeden Tag nach Dienstschluss angstbeladen, dass trotzdem Irgendetwas passiert ist. Glaub es einfach mal, am Ende drehst selber durch, dass ist von Laien einfach nicht zu regeln auf Dauer. Ich war froh, als es geregelt gewesen ist und alle Fachleute (Arzt, Betreuer) diese Entscheidung komplett mitgetragen haben, weil es eben nicht mehr anders ging und eine Rundumbetreuung erforderlich wurde.

12.03.2018 11:22 Atze 5

Warum können unsere Alten nicht in der Familie sterben?
Früher war das normal und heute unnormal. Man bedenke, ein alter Mensch wird seit von seiner Familie in ein Pflegeheim verfrachtet, im vielleicht 2- Bett- Zimmer ohne persönliche Dinge um sich. Ich finde unsere Gesellschaft entwickelt sich immer weiter weg von Natürlichkeit. Solange das Geld regiert....keine Chance auf Änderung...
Ich erinnere mich heute noch an die Oma meines Freundes, die Bauern waren. Die Oma war damals auch stark dement, Jeder wusste, dass sie Unsinn erzählt, aber die lief auf dem Grundstück und Hof herum und dann war sie auf einmal gestorben. Gibt es das heute noch so? Bestimmt nicht die Regel. So habe ich es damals erlebt. Das war doch gut. MfG

12.03.2018 10:52 Sr.Raul 4

Das "Teilweise" anfangs @3 muss natürlich wech.

12.03.2018 10:10 Sr.Raul 3

Teilweise Zustimmung, @2 (S), glücklich ist anders, als ich wegen meiner Mutter in ähnlicher Lage gewesen bin. Hatte aber ebenfalls Glück, dass durch Hausarzt, Betreuungsbehörde und Betreuer, die für alle Beteiligten notwendige Heimüberführung innerhalb 1 Jahres relativ zügig erfolgte. Wurde da auch sehr bei der Pflegeplatzauswahl unterstützt. Kleine, überschaubare Einrichtung mit 40 Plätzen, im erweiterten Wohnumfeld, freundliches und ausreichendes Personal. Alle Glück gehabt! Und NEIN, Pflege zu Hause, auch mit Unterstützung ambulanter Pflegedienst, ist ab einem bestimmten Grad auf Dauer nicht zu stemmen. Wer Das behauptet, hat einfach keine Ahnung! Passend dazu auch der gestrige "Tatort" aus Bremen. Und auch ja: So lange Gesundheitswesen profitorientiert arbeitet, wird sich auch an teilweise untragbaren Zuständen im Pflegesektor Null Komma Nix ändern!

12.03.2018 05:03 S 2

Ich mag diese Geschichte bezweifeln! Pflege kann und wird nie wirklich "glücklich"machen!!!! Ganz egal ob es nun ein Verwander ist oder ein völlig Fremder! Pflege in der heutigen Zeit bedeutet : viel Kraft und Geduld zu benötigen ( gegenüber Pflegekassen, Krankenkassen etc.) und dann kommt es darauf wie schwerwiegend der Pflegefall ist! Solange Pflege in der Gesellschaft nicht gewürdigt wird, so lange Pflege nur als Kostenfaktor betrachtet wird und nicht als Teil des "Mensch sein", solange kann Pflege defintiv nicht "glücklich"machen!

11.03.2018 21:19 Hodi 1

Unglaubliche rührende Geschichte, dieser Familie. Selbst bei diesen wenigen Worten stockte mir der Atem und das hat mich sehr, sehr tief berührt. Leider ist der Tod heute überall und wie sehr liegen Freude und Leid da zusammen. Schön auch, wenn die Kleinsten da Licht und Sonne in diesen dunklen Momenten des Lebens und Sterbens mit hineinbringen. Doch der Schmerz, besonders der in dem Moment, Abschied von dem geliebten Menschen zu nehmen, bleibt... Manche zerbrechen an der Trauer, einige schaffen es wieder, nach langer Phase des Trauerns, nach vorn zu blicken...

Aus dem Pflegealltag