13.01.2020 | 06:30 Uhr Abseits der Ossi-Schublade: Dritte Generation als Vermittler im polarisierten Osten?

In ihr steckt Europa, die weite Welt, das vereinigte Deutschland - doch auch die Kindheit in der DDR. Die dritte Generation Ostdeutschland ist vor dem Mauerfall geboren und hat hier die ersten Schritte gelernt. Ihre Jugend erlebte sie schon im vereinigten Deutschland. Der Wandel gehört für sie zur Ur-Erfahrung. Katrin Tominski von MDR SACHSEN sprach mit Johannes Staemmler vom Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung in Potsdam über eine Generation aus Ostdeutschland, die sich nicht in die Ossi-Schublade stecken lässt.

VEB Polygraph
Der Osten ist geprägt von Verfall und Aufstieg. Die alten Gebäude - hier der VEB Polygraph in Leipzig - war für viele Jugendliche in den 90ern Abentuer- und Rückzugsort. Bildrechte: MDR/Judith Burger

Kann die dritte Generation Ost im polarisierten Osten vermitteln?

Johannes Staemmler: Die dritte Generation Ost ist in großen Zahlen in den 1990er-und 2000-er Jahren aus ihrer Heimat abgewandert - in große Städte, in den Westen, in das europäische Ausland, nach Übersee. Jetzt sind die ehemaligen Jugendlichen erwachsen und stecken ein bisschen dazwischen. Einerseits sind sie mit ihre Herkunftsregion verbunden, andererseits leben sie dort nicht oder wollen dort nicht leben. Weil man sich weiterentwickelt hat, und weil die großen Städte neue Zufluchten geboten haben.

Mit dem Vermitteln ist es deswegen gar nicht so leicht. Es reicht sicher nicht, an Ostern und Weihnachten nach Hause zu fahren und etwas aus der weiten Welt zu erzählen.

Johannes Staemmler, Forschungsgruppenleiter am Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung in Potsdam (IASS Potsdam)
Johannes Staemmler ist im Osten aufgewachsen und arbeitet jetzt als Forschungsgruppenleiter am Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung in Potsdam (IASS Potsdam). Bildrechte: MDR/Lotte Ostermann

Junge Ostdeutsche haben also keine große Chance, ihren Eltern die Welt zu erklären?

Was heißt, die haben keine Chance? Ich glaube, sie haben das Bedürfnis vom Reiz der Vielfalt zu erzählen. Das sah man gut im Vorfeld der Landtagswahlen, da gab es viele Initiativen. Die Weggegangenen kennen ihre alte Heimat und ihre neue Heimat woanders, doch wir sollten bescheiden bleiben.

Verfallene Gebäude der ehemaligen Fabrik VEB Polygraph.
Ruinen von verlassenen Fabriken waren und sind fast überall in Ostdeutschland zu finden. Die "Lost Places" dienen heute oft als beeindruckende Fotomotive. Bildrechte: MDR/Judith Burger

Zu oft sind Menschen 'von außen' in den Osten gekommen, um zu erklären, wie es läuft. Da gibt es begründeter Weise viel Skepsis sich das anzuhören – auch von den eigenen Kindern.

Johannes Staemmler Forschungsgruppenleiter am Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung in Potsdam (IASS Potsdam)

Die Attitüde 'wir erzählen jetzt mal, wie die Welt läuft und dann werden es die Leute schon verstehen' ist natürlich Quatsch. Das kann nicht funktionieren. Es muss ein kontinuierlicher Dialog entstehen. Das ist in Familien manchmal schon nicht leicht, geschweige denn, wenn man sich ganze Kommunen oder Regionen vorstellt.

Und umgekehrt: Kann die Generation Ost dem Rest der Welt erklären, dass ihre Heimat keine Schublade ist?

Die Möglichkeit besteht natürlich und es passiert auch. Mit Büchern und auch der Webseite 'Wir sind der Osten': Da kommt ganz viel Empathie und auch Sympathie herüber für die Herkunft aus dem Osten und ostdeutsche Kontexte. 

Das hat aber natürlich auch Grenzen. Nicht alles, was im Osten passiert, muss man gut finden. Man kann es verstehen, doch für alles muss man nicht Verständnis haben. Gerade, wenn es darum geht, dass Ausländerfeindlichkeit weit verbreitet ist.

Johannes Staemmler Forschungsgruppenleiter am Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung in Potsdam (IASS Potsdam)

Oder Fremdenfeindlichkeit, die oft gar nicht unbedingt nur Ausländer betrifft, sondern alles und alle, die irgendwie anders sind. Das muss man der Welt gegenüber nicht rechtfertigen, als etwas Ostdeutsches, was seine Geschichte hat und deswegen akzeptiert werden muss.

Sie forschen zum Strukturwandel in der Lausitz und entwickeln Ideen, wie dieser abgefedert werden kann. Welche Rolle kann hier die dritte Generation Ost spielen?

Die Gruppe der nicht mehr ganz so jungen Leute zwischen 30 und 45 Jahren kann eine besondere und tragende Rolle im Strukturwandel spielen. Derzeit erleben wir, wie viele Leute dieser 'Dritten Generation Ost' in der Lausitz wunderbare Dinge tun. Wir erleben, wie Menschen zurückkommen, weil sie die Nähe zu ihren Familien, zu ihren Herkunftsorten und ihren Verwandten suchen.

Wasserdampf steigt aus den Kühltürmen des Braunkohlekraftwerkes Jänschwalde
Der Lausitz steht ein erneuter Strukturwandel bevor. Die dritte Generation Ostdeutschland kann hier entscheidend mitgestalten. Bildrechte: dpa

Wir beobachten aber auch andere, die explizit in die Lausitz ziehen, weil es ihnen in den Großstädten zu voll ist. Weil sie ihren Ideen nachgehen wollen und sich in der Lausitz Platz, Ruhe und Verbündete erhoffen. Diese Menschen können den Strukturwandel in der Lausitz gestalten, sie müssen ihn nicht über sich ergehen lassen. Sie können sagen: Wir sind hier, werden auch noch in 20 Jahren hier sein, im Übrigen auch unsere Kinder und deswegen ist es unser Interesse hier mitzumachen.

Wollen wirklich so viele Ostdeutsche in die Lausitz?  

Überall, wo wir hingehen, treffen wir Menschen der 'Dritten Generation Ost'. Sie leiten Museen, sind angestellt in Unternehmen oder haben alte Kühlhäuser wie in Görlitz renoviert und zu Kulturorten gemacht. Sie bieten Co-Working an, kümmern sich um alte Bahnhöfe oder versuchen wie die Raumpioniere in Klein Priebus die Großstädter in die Lausitz zu ziehen. Relativ zur Bevölkerung in der Region ist es eine überschaubare Zahl derer, die jetzt explizit in die Lausitz ziehen. Doch je größer der Druck in den Großstädten, desto attraktiver wird es, im ländlichen Raum und damit auch in der Lausitz zu leben.

Muss diese mittlere Generation heute Verantwortung übernehmen? Wo liegen die Chancen?

Der gravierende Wandel der frühen 1990er-Jahre ist so früh im Leben gekommen, dass in uns die Erfahrung steckt: Die Dinge können sich ändern, von heute auf morgen. Und die  zweite Erfahrung ist: Man geht daran nicht zugrunde, man kann den Wandel gestalten. Die dritte Erfahrung ist, man ist damit nicht alleine, sondern es gibt auch noch viele andere, mit denen gemeinsam Großes möglich ist.

Diese Unerschrockenheit vor Veränderungen ist eine Qualität, die wir heute überall brauchen.

Johannes Staemmler Forschungsgruppenleiter am Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung in Potsdam (IASS Potsdam)
Ein Wohnblock wird in Sonneberg im Rahmen des Wohnungsrueckbaus abgerissen.
Rückbau hieß das neue Wort für Abriss. In fast allen Städten Ostdeutschlands wurden Wohnblocks abgerissen - hier in Sonneberg. Bildrechte: ddp

Die Herausforderungen in unserer Gesellschaft sind ausreichend groß, dass wir den Wandel vorantreiben müssen. Die Qualität haben nicht nur die Vertreter der Dritten Generation Ost, sondern auch viele andere. Aber je mehr diese haben und je mehr sie wirksam wird, je weniger Angst wir vor Veränderungen haben und diese selbst gestalten, desto besser kommen wir mit der Gegenwart und der Zukunft klar.

Vor zehn Jahren haben Sie die Initiative "Dritte Generation Ostdeutschland" mit gegründet. Wieso wollten sie als junge Ostdeutsche über ihre Herkunft reden‘?

Die Zuschreibung "für Euch spielt das ja keine Rolle mehr" empfanden wir als übergriffig. Es hat uns gestört, dass andere darüber befinden, was für uns relevant ist und was nicht. Vor allem, weil wir gemerkt haben, dass unsere Herkunft sehr wohl etwas mit uns zu tun hat. Wir wollten mitreden und mitstreiten.

Eine Frau putzt den Schriftzug DDR am Eingang zur Ausstellung Die Welt der DDR in Dresden
Gemeinsame Erinnerung an die DDR : Die Dritte Generation Ost will selbst bestimmen, welche Rolle Herkunft für sie spielt. Bildrechte: dpa

Die Erfahrungen in der 'Dritten Generation Ostdeutschland' sind so vielfältig wie die Menschen da drin. Diese werden heute gehört, was uns sehr freut. Erst so lässt sich zeigen, für wen Herkunft eine Rolle spielt, in welcher Form, was wir damit machen können. Wo das eine Chance nicht nur für den Einzelnen, sondern auch für viele ist.

Quelle: MDR/kt

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Dienstags direkt | 14.01.2020 | 20:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. Januar 2020, 06:30 Uhr

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