1989 - Aufbruch ins Ungewisse | Teil 3 und 4 Jürgen Guse

Am 9. November 1989 fällt die Mauer. Jürgen Guse trifft die Nachricht besonders hart, er sitzt wegen Republikflucht im Gefängnis in Bautzen.

Ost-Berlin. 9. November 1989, tägliche Pressekonferenz der Regierung. Pressesprecher Günter Schabowski verliest irrtümlich einen Beschluss, der erst am nächsten Tag bekannt werden soll. "Sofort, unverzüglich" kann jeder DDR-Bürger das Land legal und ohne Visum verlassen. Bald nach der Pressekonferenz, die live im Fernsehen übertragen wird, stauen sich Menschenmassen an den Berliner Grenzübergängen und drängen in den Westteil der Stadt.

Manch einer im Hinterland der DDR erhält die Nachricht aber erst über Umwege. Wie Jürgen Guse. Ihn trifft die Nachricht besonders hart. Der damals 21-Jährige "sitzt" in Bautzen wegen versuchter Republikflucht, er ist zu zwei Jahren und sieben Monaten Haft verurteilt.

"Bautzen I" tritt in Hungerstreik

Die Inhaftierten greifen zum einzigen Mittel, das sie haben. Sie treten in Hungerstreik.
"Alle Gefangenen, die in der Küche arbeiteten, für die rund 2000 Gefangenen, täglich das Essen herstellten, drei Mahlzeiten, legten die Arbeit nieder. Das kam einer Katastrophe gleich", erläutert Frank Hiekel, der damalige stellvertretende Leiter vom Gefängnis Bautzen I die Situation.

Der Protest der Häftlinge wächst, doch von der Regierung in Ost-Berlin kommt nichts. Die Anstaltsleitung ist auf sich allein gestellt. Zu diesem Zeitpunkt ist das Gefängnis wie viele im Land völlig überbelegt. Die Gefangenen sind verzweifelt genug, aber noch gibt es eine friedliche Mehrheit.

Tag für Tag wächst die Spannung in Bautzen. Seit mehr als einer Woche streiken die Häftlinge, doch Ost-Berlin schweigt. Der stellvertretende Anstaltsleiter Frank Hiekel wendet sich verzweifelt an den Staatsratsvorsitzenden, eine Amnestie zu gewähren. Ansonsten werden gewaltbereite Häftlinge die Oberhand gewinnen: "Es gab unter den Gefangenen einige, die auf eine gewaltsame und schnelle Lösung setzten, die sahen sich deshalb durch das Streik-Komitee nicht vertreten. Und das war der kritische Punkt, so dass man nie von einer Beruhigung der Lage reden konnte." Und auch die Häftlinge haben Angst, denn die Gefängnisleitung greift zu drastischen Maßnahmen. Jürgen Guse erzählt: "Als wir Freistunde gelaufen sind, wurde ein Schussbefehl durchgegeben: Wenn sich irgendjemand der Mauer nähert, dass sofort von der Schusswaffe Gebrauch zu machen ist."

Nach der Amnestie zum Kudamm

Zunächst können die Häftlinge eine Amnestie für Republikflüchtlinge zu erreichen. Am 6. Dezember 1989 erlässt der Staatrat schließlich den Beschluss, für alle Häftlinge mit Strafen bis zu drei Jahren. Noch im Dezember kommt Jürgen Guse frei. Als erstes fährt er zu seiner Schwester nach Ost-Berlin, und dann gilt es einen wichtigen Ausflug zu machen:

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