Menschenrechte Auch in Sachsen Aktionen am "Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen"

"Orange your City" heißt es am 25. November 2020; von links nach rechts: die Initiatorinnen und der Schirmherr: Marianne Betz (Soroptimist International Club Leipzig), Sozialbürgermeister Thomas Fabian, Ramona Stephani (Zonta Club Leipzig), Renate Matzke-Karasz (Zonta Club Leipzig Elster)
Bildrechte: Stadt Leipzig

Zum heutigen "Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen" finden auch in Sachsen mehrere Aktionen statt. "Orange your City" - unter diesem Motto wollen in Leipzig verschiedene Frauenorganisationen auf das bedrückende Thema aufmerksam machen. Dazu werden das Neue Rathaus und andere Gebäude orange beleuchtet. Der Verein Frauen für Frauen ruft für 16 Uhr auf dem Burgplatz zum Gedenken an 13 Frauen auf, die in den vergangenen zehn Jahren in der Region durch männliche Gewalt ums Leben kamen.

Aus Leipzigs Referat für Gleichstellung von Frau und Mann hieß es, es gehe darum, die Menschen dazu aufzurütteln, genauer hinzusehen und Gewalttaten - vor allem im häuslichen Umfeld - möglichst zu verhindern. Andererseits sollen Opfer, gemeint seien ausdrücklich auch Männer, ermutigt werden, sich zu wehren und Hilfsangebote anzunehmen.

Gewalt gegen Frauen hat viele Formen und betrifft alle sozialen Schichten und Altersklassen. Die weltweit am häufigsten auftretende Form von Gewalt gegen Frauen ist Gewalt durch einen vertrauten Partner. Wir wissen, dass es eine hohe Dunkelziffer gibt. Viele Frauen, die Gewalt erleiden, suchen keine Hilfe auf. Darum müssen wir dafür sorgen, dass mehr Betroffene in unserem Hilfesystem ankommen.

Petra Köpping | Sächsische Staatsministerin für Gleichstellung und Integration

Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen 1999 verabschiedete die UN-Generalversammlung eine Resolution, nach der der 25. November zum Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen bestimmt wurde.

Hintergrund für den weltweiten Aktionstag war die Entführung, Vergewaltigung und Folterung dreier Schwestern und schließlich ihre Ermordung am 25. November 1960. Die Schwestern Mirabal waren in der Dominikanischen Republik durch Militärangehörige des damaligen Diktators Rafael Trujillo verschleppt worden. Schon seit 1981 organisierten Menschenrechtsorganisationen alljährlich zum 25. November Veranstaltungen, bei denen die Einhaltung der Menschenrechte von Frauen und Mädchen auf die Agenda gesetzt werden.

In Sachsen finden jährlich zum Aktionstag zahlreiche Veranstaltungen statt. In diesem Jahr wurde aufgrund der Corona-Pandemie ein Großteil abgesagt.

Politikerinnen fordern: Thema offen behandeln

Die Landesvorstandssprecherin der Grünen in Sachsen, Christin Furtenbacher, sagte: "Die gestiegenen Fallzahlen gerade in der Corona-Krise zeigen einmal mehr, dass wir das Kind beim Namen nennen müssen: Gewalt gegen Frauen ist leider für sehr viele Frauen Teil des Alltags." Sie forderte, "Morde an Frauen aufgrund ihres Geschlechts" müssten im Strafrecht "klar als Femizid definiert und mit entsprechenden Handlungsanweisungen für Polizei und Strafrecht untersetzt werden".

Auch die Partei die Linke in Sachsen rief dazu auf, Gewalt an Frauen entsprechend zu benennen. Begriffe wie "Familientragödie" oder "Beziehungsdrama" seien verharmlosend. Die Gewalt docke an bestehende Frauenfeindlichkeit, Herabwürdigungen und sexuelle Belästigung an.

Hanka Kliese, Sprecherin für Justiz der sächsischen SPD-Landtagsfraktion, erklärte, es sei "wichtig, dass Gewalt - egal in welcher Form sie Mädchen und Frauen trifft - immer wieder thematisiert wird." Sprachlosigkeit helfe nicht weiter.

Situation in Sachsen In Sachsen sind im Jahr 2019 allein rund 5.200 Frauen Opfer häuslicher Gewalt geworden. Das hat das sächsische Justizministerium mitgeteilt. Experten gehen davon aus, dass die Dunkelziffer deutlich höher liegen könnte. In der Regel seien die Täter Partner, ehemalige Partner oder andere Personen in familiärer Beziehung gewesen. Das Ministerium schreibt in einer Erklärung: "Angesichts des Ausmaßes sollen Prävention, Intervention und Schutz vor Gewalt in den kommenden Jahren weiter ausgebaut werden. Die Umsetzung der sogenannten Istanbul-Konvention, ein Übereinkommen des Europarates zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt, soll dann in Zusammenarbeit mit den Kommunen und mit Nichtregierungsorganisationen vorangetrieben werden."

Dafür sei unter anderem im Koalitionsvertrag der Ausbau des Netzes der Beratungs-, Hilfe- und Schutzeinrichtungen, der Barrierefreiheit der Schutzeinrichtungen sowie eine Studie zur Betroffenheit in Sachsen verankert worden.

Zum Internationalen Tag zur Beseitigung der Gewalt gegen Frauen
sollen am Mittwoch Zeichen gesetzt werden und dazu am Abend das Justizministerium und das Festspielhaus Hellerau orange leuchten. Auch der Bismarckturm in Radebeul wird orange angestrahlt.
Justizministerium Sachsen

Organisationen: #schweigenbrechen

Auch verschiedene Organisationen wie das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" haben dazu aufgerufen, das Schweigen über Gewalt gegen Frauen zu brechen.

Der sächsische Landesfrauenrat hat erneut vor einem Anstieg von Gewalt gegen Frauen im aktuellen Teil-Lockdown gewarnt und einen Rechtsanspruch auf einen Platz in Frauenhäusern gefordert. "Meine Erfahrung ist: Wenn der emotionale Druck steigt, kommt es häufiger zu Gewalt", sagte die Vorsitzende des Verbandes, Susanne Köhler, am Mittwoch mit Blick auf die derzeitige Situation in manchen Familien.

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Auch Gewalt am Arbeitsplatz entgegenwirken

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) in Sachsen wies zum Aktionstag auf die "Konvention C190" hin, die die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) vor einem Jahr beschlossen hat. In der Konvention ist festgelegt, wie eine weltweit gültige Definition von sexualisierter Belästigung und Gewalt in der Arbeitswelt aussieht. "Diese Konvention muss jetzt rasch in der Lebenswelt der Menschen ankommen, denn nur so können sich Frauen und Männer besser gegen Gewalt und sexuelle Übergriffe in der Arbeitswelt wehren", so Anne Neuendorf, stellvertretende Vorsitzende des DGB Sachsen.

Laut DGB müssen allerdings noch einige Hürden genommen werden: Damit Frauen und Männer sich wirksam gegen Gewalt und sexualisierte Übergriffe in der Arbeitswelt wehren könnten, müsse die EU zeitnah ihre Mitgliedsstaaten ermächtigen, die ILO-Konvention zu ratifizieren. Erst dann könne jeder Staat die Konvention auch in nationales Recht umsetzen.

Eine Brötchentüte mit der Aufschrift: "Gewalt gegen Frauen kommt nicht in die Tüte"
Kleine Tüte mit hoffentlich großer Wirkung: Beim Bäcker um die Ecke gibt es Brötchentüten zum Aktionstag. Auf der Rückseite finden sich auch Anlaufstellen für Betroffene von Gewalt. Bildrechte: MDR/Barbara Brähler

Quelle: MDR/lam/kp

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 25.11.2020 | 19:00 Uhr

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