Blick auf das Stadtzentrum von Chemnitz in Westsachsen mit dem Hotel Mercure (M. l.) und der benachbarten Stadthalle (daneben r.), sowie dem völlig neu gestalteten Stadtkern rund um das historische Rathaus (M. r.), 2009.
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Kommunalwahl 2019 Chemnitz zwischen Auf- und Umbrüchen

875 Jahre Chemnitz - das wollte die drittgrößte Stadt des Freistaates Sachsen im vergangenen Jahr groß feiern. Und knapp acht Monate stand dieses Jubiläum auch im Vordergrund. Doch dann erlebte die Stadt Ereignisse, die bis heute nachwirken.

von Ines Gruner-Rudelt

Blick auf das Stadtzentrum von Chemnitz in Westsachsen mit dem Hotel Mercure (M. l.) und der benachbarten Stadthalle (daneben r.), sowie dem völlig neu gestalteten Stadtkern rund um das historische Rathaus (M. r.), 2009.
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Eine Stadt im Wandel

Eine Frau mit Mütze steht vor einem Mikrofon.
Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig. Bildrechte: Harry Härtel

Es gibt wohl kaum eine andere Stadt in Sachsen, die sich so oft neu erfinden musste wie Chemnitz. Aus dem ehemaligen Rußchams ist heute eine grüne Stadt geworden, mit zahlreichen Kunst- und Kultureinrichtungen, einer Universität, die junge Menschen aus aller Welt in die Stadt holt und einer stabilen Wirtschaft, die hochmodern an eine über 200 - jährige Industriegeschichte anknüpft. Eine Stadt mit viel Potenzial also?

Chemnitz ist attraktiv, wenn man es sehen will. Wir haben viele Probleme nicht, die andere Städte haben und viele Potenziale, die andere gerne hätten. Wir haben ausreichend Wohnraum in unterschiedlichster Art und Weise, zu besten Preisen, die man sich vorstellen kann. Wir haben viele Möglichkeiten, interessante Arbeitsplätze zu finden. Wir haben für alle Kinder Kindertagesstättenplätze. Wir haben Platz für Ideen.

Barbara Ludwig (SPD) Oberbürgermeisterin

Und dennoch hat die Stadt auch ein echtes Problem - ein Imageproblem. Nach dem gewaltsamen Tod von Daniel H. im August vergangenen Jahres kam es zu massiven Ausschreitungen. Bis Jahresende folgten systemkritische Demonstrationen am Karl-Marx-Kopf, initiiert von Pro Chemnitz - Stadtrat Martin Kohlmann.

Martin Kohlmann von Pro Chemnitz spricht bei einer Demonstration vor dem Stadion vom Chemnitzer FC
Bildrechte: IMAGO

Man macht natürlich nicht Demonstrationen für das Image der Stadt, sondern man macht Demonstrationen, weil man Probleme anprangert und man die gelöst haben will. Das ist also dann nicht passiert. Weshalb wir jetzt uns auch erstmal auf andere Arbeiten verlegen. Ja und das Image der Stadt hat, denke ich, überwiegend durch die Berichterstattung gelitten, die überwiegend grob falsch war.

Martin Kohlmann (Pro Chemnitz) Stadtrat | Fraktionsvorsitzender

Was ganz wichtig ist, ist, dass man nicht dazu verleitet ist, Dinge die passieren und die passiert sind, unter den Teppich zu kehren. Zu sagen: also immer diese schlechten Bilder und Nestbeschmutzer. Man muss natürlich drüber reden und man muss das aufarbeiten.

Christin Furtenbacher (B90/Grüne) Stadträtin

Chemnitz - eine zerrissene Stadt?

Die Ereignisse des Sommers 2018 haben die Chemnitzer wachgerüttelt. Die Kreativen der Stadt arbeiten an deren Image. Die Chemnitzer wollen eine Stadt, die "Weder grau noch braun" ist. Nicht nur auf Plakaten demonstrieren sie "Herz statt Hetze". "Wir sind mehr" - dieses Credo soll die Chemnitzer wieder zusammenschweißen.

Doch mit der Trauerbekundung für einen stadtbekannten Hooligan und bekennenden Neonazi im Stadion des Chemnitzer FC erlebte die Stadt erneut einen Rückschlag.

Susanne Scharper, Landtagsabgeordnete DIE LINKE
Susanne Scharpers Büro wurde mehrmals zum Ziel politisch motivierter Straftaten. Bildrechte: Die Linke

Man hat Dinge übersehen, selbstverständlich. Und man hat vielleicht auch nicht ausreichend Ventile geboten oder eben zu wenig Transparenz und Bürgerbeteiligung zugelassen. Daraus muss man definitiv lernen. Aber auch das ist eigentlich keine Entschuldigung, neben dem Hitlergruß zu stehen. Weil in dem Moment, wo man das tut, hat man ganz klar - aus meiner Sicht - seine Unschuld verloren. Und kann das auch lassen mit der Nummer, ich bin kein Nazi.

Susanne Schaper (Linke) Stadträtin | Fraktionsvorsitzende

Wir nehmen zunehmend wahr, dass die Mitte der Gesellschaft sich so ein bisschen unbeachtet fühlt. Wir stellen uns das so vor, dass wir auch viel mehr mit den Menschen reden müssen, die eben bei diesen diversen Vorkommnissen und bei den Demonstrationen, die es da gegeben hat eben nicht auf der Straße waren. Und das ist die Mehrheit der Chemnitzer.

Tino Fritzsche (CDU) Stadtrat | Fraktionsvorsitzender

Barbara Ludwig sagt: "Wichtig ist, dass die Stadt Chemnitz - das gilt nicht nur in dem Zusammenhang - Aktionen, Initiativen, Veranstaltungen ermöglicht, Räume schafft - davon haben wir ganz viele. Wir haben sowohl Akteure, die etwas machen wollen, als auch Räume, in denen etwas stattfinden kann."

2025 will Chemnitz Kulturhauptstadt werden. Das Thema "Brüche" passt wie kein zweites. Denn kaum eine andere Stadt in Sachsen hat so viele Auf- und Umbrüche erlebt, wie Chemnitz.

Der Stadtrat Chemnitz besteht aus 60 Stadträten. Zur Wahl am 26. Mai 2019 treten zehn Parteien und Vereinigungen mit insgesamt 397 Kandidaten an.

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 21.05.2019 | 19:00 Uhr

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