Aus dem Arbeitsalltag Paketboten im Weihnachtsstress: "In Großstädten sind alle gleich auf 180"

Der Pakethandel wird wohl ein Rekordjahr erleben. Nach Recherchen der "Tagesschau" hat der Dienstleister DHL bereits bis Ende November mehr Pakete ausgeliefert als im gesamten Vorjahr. Wie erleben die Postboten diese Adventstage? Ein Paketzusteller berichtet MDR SACHSEN aus seinem Alltag.

DHL Paketbote
In der Adventszeit haben Paketdienste alle Hände voll zu tun. In diesem Jahr kommt noch das veränderte Einkaufsverhalten der Kunden hinzu, die viel mehr online bestellen als noch 2019 (Symbolfoto). Bildrechte: imago images/Winfried Rothermel

"Ich werd' öfter gefragt, ob ich denn keine Angst habe, mich bei der Arbeit mit Corona anzustecken. Angst habe ich nicht. Ich gehe mit einem guten Gefühl jeden Tag an die Arbeit und versuche alles, mich nirgendwo anzustecken. Wir haben Desinfektionsmittel im Auto, tragen Mund-Nasenschutz und achten auf Abstand. Schwieriger ist es schon, sich unterwegs mal die Hände zu waschen oder auf Toilette zu gehen. Da muss man echt sehen, wo man eine öffentliche Toilette findet. Wenn alle ihre Kontakte aufs Minimum begrenzen sollen, können wir ja eigentlich auch nicht jeden Tag hunderte Leute treffen. Naja, Lockdown hin oder her: Es wird zugestellt bis zum bitteren Ende. Wir sind ja systemrelevant."

Im Advent 2020 vieles anders als sonst

"In diesem Advent sind viele Kunden verunsichert, wie sie sich wegen der Corona-Vorgaben verhalten sollen. Ich stelle jeden Tag ungefähr 200 Kunden Pakete zu, zur Zeit kontaktlos. Schwierig wird es, wenn die Leute ihr Paket bis ins Wohnzimmer getragen haben wollen. Oder wenn jemand sein Päckchen entgegennimmt und sagt: 'Ich dürfte gar nicht mit ihnen sprechen, ich bin ja in Quarantäne' Das ist mir schon so häufig passiert in den letzten Wochen."

"Im Winter sind viele Leute zu Hause anzutreffen, weil die Gartenzeit beendet ist. Und wegen Corona sitzen jetzt auch viel mehr Kunden im Homeoffice. Das erreiche ich die Leute gut. Das ist okay. Viele sind in diesem Jahr aber besonders genervt und aggressiv. Vor allem in den Großstädten sind alle gleich auf 180. Ich bin noch nie so häufig angepflaumt und beschimpft worden. Das geht hin bis zu Beleidigungen. Das war im vorigen Advent noch nicht so. Manche Leute denken, Paketboten sind dumme Leute, die in der Schule nicht richtig aufgepasst haben. Manche sagen auch, 'Tja, Augen auf bei der Berufswahl'. Geht’s noch? Bei Konfrontationen versuche ich das auszudiskutieren oder sage, dass ich keine Zeit für so etwas habe und höre nicht weiter zu. Trotzdem ärgere ich mich darüber."

Die Arbeitsbedingungen für die Zusteller sind angesichts der enormen Sendungsmengen in der Vorweihnachtszeit ohnehin schon sehr hart. Zustellung ist ein Knochenjob.

Maik Brandenburger Sprecher der Kommunikationsgewerkschaft DPV (DPVKOM)

Weihnachtswünsche eines Zustellers

"Ich erwarte mir mehr Respekt von solchen Menschen. Wir machen vieles möglich und haben manchmal wirklich schwer zu tragen. Da wünsche ich mir von den Kunden, die online viel bestellen, dass sie dem Zusteller auch mit Respekt entgegentreten und auch mal mit anfassen, wenn das Paket schwer ist. Eine gewisse Freundlichkeit wäre nett. Ich sage ja auch 'Guten Tag und Auf Wiedersehen' wie sich das gehört. Auf dem Land sind die Leute ein bisschen entspannter und reden auch mal ein, zwei Minuten lang mit mir. In den Städten ist es komplizierter und aggressiver."

Weihnachtszeit, Paketrekordmengen und Corona-Pandemie: Auch DeutschePostDHL und DHLPaket haben momentan mit vielen Herausforderungen zu kämpfen, um Logistik und Lieferketten aufrechtzuerhalten.

Michael Kretschmer Ministerpräsident in einem Tweet nach seinem Besuch eines Paketzentrums am 9.12.
DHL Paketlieferdienst
Bildrechte: imago/Geisser

"Schwierig ist es auch manchmal mit dem Parken in Innenstädten, wo alles eng und zugebaut ist. Der neue Bußgeldkatalog macht es nicht einfacher. Man darf ja Fahrradwege nicht zustellen. Damit machen wir die ganze Straße dicht und werden von anderen Autofahrern beschimpft. Aber was soll ich machen? Ich kann ja auch nicht überall mit der Sackkarre hinfahren. Gut wäre, wenn die Kommunen so eine Art Sonderkarten für Postzustellung verteilen würden, dass man sich für wenige Minuten überall hinstellen kann. Wenigstens in den Stadtteilen, in denen es eng zugeht. Also mein Weihnachtswunsch ist, dass meine Kunden gesund bleiben und allen Paketboten gegenüber freundlich sind."

Der Zusteller ist der Redaktion bekannt, er soll aus arbeitsrechtlichen Gründen jedoch anonym bleiben.

Das sagt die Kommunikationsgewerkschaft DPV "Die Zunahme der Onlinebestellungen aufgrund der Corona-Pandemie lässt die Arbeitsmenge noch einmal signifikant ansteigen. Erschwert werden die gegenwärtigen Arbeitsbedingungen natürlich durch die Corona-Schutzmaßnahmen in den Betriebsstätten und im Kundenkontakt. Dazu zählt u.a. das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes oder auch die kontaktlose Zustellung.

Sollten weitere Corona-Verschärfungen und ein Lockdown kommen, so wird sich das auch auf die Deutsche Post auswirken. Die Menge an zuzustellenden Sendungen und die Arbeitsbelastung der Beschäftigten bleiben aufgrund des zu erwartenden Anstiegs der Online-Bestellungen sehr hoch. Gleichzeitig muss das Unternehmen alles dafür tun, die eigenen Beschäftigten vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus zu schützen. Zu den sinnvollen Maßnahmen zählen auch weiterhin eine zeitlich versetze Zustellung, die Einhaltung der Abstandsregeln in den Betriebsstätten sowie die Herausgabe von Mund-Nasen-Masken an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die kontaktlose Zustellung wird sicherlich zunächst einmal beibehalten werden."

Quelle: Gewerkschaftssprecher Maik Brandenburger

Dieses Thema im Programm des MDR MDR AKTUELL | 09.12.2020 | 03:23 Uhr im Programm

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