Sowjetische Panzer rollen eine Straße in Pilsen entlang
Sowjetische Panzer rollen eine Straße in Pilsen entlang Bildrechte: IMAGO

"Es roch nach Krieg" | Ein Film von Michael Feldmann 1968 - Das Jahr des Prager Frühlings 

Im Januar 1968 wird Alexander Dubček zum 1. Sekretär der Kommunistischen Partei in der ČSSR gewählt. Es ist der Beginn der Reformbewegung. Denn Dubček ist ein Hoffnungsträger. Und er gewinnt schnell die Sympathie und das Vertrauen der Menschen. Einen "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" will er schaffen. Dazu Pressefreiheit und Aufhebung der Zensur, wirtschaftliche Reformen – das sind die Vorstellungen und Wünsche.

Sowjetische Panzer rollen eine Straße in Pilsen entlang
Sowjetische Panzer rollen eine Straße in Pilsen entlang Bildrechte: IMAGO

Argwöhnisch und mit deutlichem Widerwillen beobachten die anderen Ostblockstaaten die Entwicklung in der ČSSR. Am 23. März 1968 wird in Dresden eilig ein Treffen einberufen. Unter großer Geheimhaltung versammeln sich die Staats- und Parteichefs der UdSSR, der DDR, Polens, Ungarns und Bulgariens zum sogenannten "Tribunal der Fünf". Für sie ist das, was in der ČSSR passiert, Konterrevolution und dagegen muss man etwas unternehmen.

Aufrüstung und Drohgebärden

Es ist der erste deutliche Warnschuss für die Reformer in Prag. Noch bleibt es bei Worten. Nur kurze Zeit später gibt es deutliche Drohgebärden der Warschauer- Pakt- Staaten: Im Juni sind Truppen auf dem Territorium der ČSSR, das Manöver "Sumava-Böhmerwald" beginnt. Statt wie geplant mit ein paar Stabsoffizieren, rücken die "Verbündeten" mit großen Raketen- und Panzereinheiten ein.

Und auch an der ideologischen Front wird jetzt aufgerüstet. Da die Stalinisten in der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei keinen Zugriff mehr auf die Medien haben, wird in Ostberlin eine Redaktion für einen Propaganda-Rundfunksender aufgebaut: "Radio Moldau". Bei den Hörern in der ČSSR will man den Eindruck erwecken, Radio Moldau sei ein illegaler Untergrundsender.

Zeitreise Prager Frühling Dubcek
Bildrechte: BStU

In der DDR werden im Sommer 1968 fast 16.000 Soldaten der NVA in Gefechtsbereitschaft versetzt. Sie beziehen Feldlager in der Oberlausitz und im Vogtland. Und warten. Mitte August marschiert die Rote Armee in das Grenzgebiet der ČSSR. In Dittersdorf, unweit von Chemnitz, beobachtet Familie Schmalfuß die Truppenbewegungen: "Das war früh um fünf. Großer Radau hier auf der Straße und wir gucken zum Fenster raus und da kamen unzählige Panzer hier die Straße rein. Und einer wurde immer schneller in der Kurve und fuhr direkt ins Haus", erinnert sich Christine Schmalfuß. Ehemann Johannes Schmalfuß hatte blitzartig seinen Fotoapparat bei der Hand. Er war der Erste und hatte noch Glück. "Und alle, die die dann anfingen zu fotografieren, da wurde der Film rausgerissen."

Die Rote Armee soll einmarschieren

Am 18. August fällen die Partei- und Regierungschefs der fünf verbündeten Ostblockstaaten bei einem geheimen Treffen in Moskau die Entscheidung zum Einmarsch. Ein Hilferuf aus Prag von den moskautreuen Funktionären um Vasil Bilak soll die Invasion gegen die Reformkräfte in der ČSSR rechtfertigen.

In erzgebirgischen Bärenstein im letzten Haus vor der Grenze zur ČSSR wohnt Gerhard Lenhard mit seinen Eltern.  Die Familie beobachtet das Geschehen an der Grenze von ihrem Fenster aus. Die Invasion der sowjetischen Truppen beginnt zwei Tage nach dem verhängnisvollen Beschluss von Moskau, in der Nacht vom 20. zum 21. August.

Gerhard Lenhard erinnert sich:

Das war am 20. abends, so gegen 21 Uhr. Da kamen hier auf der Straße drei russische Panzer und die haben vorne gestoppt, hier waren ja vier Tore. Die Tore sollten aufgesperrt werden, aber das ging dem russischen Kommandanten nicht schnell genug. Dann hat der vorderste Panzer die Kanone nach hinten gedreht. Dann gab’s nur 'dawai' und sie haben die vier Eisentore niedergewalzt und sind hier rüber gefahren.

Gerhard Lenhard (Zeitzeuge)

300.000 Soldaten und mehr als 7.000 Panzer dringen in das Land ein. Binnen 36 Stunden haben die Okkupationstruppen die ČSSR vollständig unter ihrer Kontrolle. Die Tschechen protestieren in Prag friedlich und gewaltlos gegen die Besatzer, lassen sich von den sowjetischen Panzern und Soldaten nicht einschüchtern.

Zeitreise Prager Frühling Dubcek
Alexander Dubček Bildrechte: Deutsches Rundfunkarchiv

Und es gibt auch Proteste in der DDR: In Leipzig entschließt sich Bernd Lutz Lange, irgendetwas gegen den Einmarsch zu unternehmen. Er schreibt mit Kreide "Dubček" an eine Hauswand. Die Stasi misst schließlich sogar die Länge des Schriftzuges, erfährt er später aus den Akten: "Da bin ich eines Nachts mit einem Bekannten losgezogen und wir haben das eben gemacht. Das lief so ab wie im Film. Ich hatte schon geträumt, dass ich verhaftet werde und dann wurde ich auch verhaftet."

In den Wäldern im Vogtland und der Oberlausitz langweilen sich währenddessen die NVA-Soldaten. Denn am Einmarsch in die ČSSR beteiligen sich keine Truppen der DDR. Die Erklärung dafür ist simpel: "Weil die NVA, die beiden Divisionen, keinen Befehl dazu erhalten haben. Alle anderen hatten Befehl einzumarschieren", erklärt der Militärhistoriker Rüdiger Wenzke. "Die NVA- Soldaten hörten nur, wie sowjetische Truppen links und rechts von ihnen in den Wäldern über die Grenze in die ČSSR einmarschieren, nur sie blieben stehen und hatten keinen  Befehl erhalten."

Doch die Führungen von NVA und SED wollen unbedingt den Eindruck erwecken, sie seien mitmarschiert. Historiker Stefan Wolle kommentiert das so:

Im Allgemeinen versuchen ja Diktaturen, ihre Spuren zu verwischen, ihre Völkerrechtsverletzungen zu kaschieren, aber in dem Falle hat sich mal die SED-Diktatur eines Verbrechens beschuldigt, was sie gar nicht begangen hat.

Stefan Wolle (Historiker)

Die tschechischen Politiker um Alexander Dubček müssen sich am 26. August 1968 im "Moskauer Protokoll" bereit erklären, die Reformen rückgängig zu machen. Die Presse-Zensur wird in der ČSSR wieder eingeführt. Im Januar 1969 verbrennt sich auf dem Prager Wenzelsplatz der Student Jan Palach. In seinem Abschiedsbrief nennt er sich selbst eine Fackel gegen die Okkupation. Zu seiner Beisetzung kommen ein halbe Million Menschen. Die sowjetischen Okkupanten wagen es nicht, die Trauerfeier zu stören. Es ist ein letzter stiller Moment des Protestes.

Am 17. April 1969 wird Alexander Dubček aller Ämter entbunden. Die Reformbewegung in der ČSSR ist zerschlagen, 75.000 sowjetische Soldaten bleiben in dem Land.

Quelle: MDR/Michael Feldmann/koe/leo

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR Fernsehen | 19.08.2018 | 22:00 Uhr

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Zuletzt aktualisiert: 17. August 2018, 16:10 Uhr

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