Panzer am Markt in Liberec
Bildrechte: Vaclav Toužimsky

Das unvergessene Trauma Erinnerungen an den Prager Frühling in Liberec

Reformer wollten den Sozialismus mit menschlichem Antlitz in der Tschechoslowakei - am Ende walzten sowjetische Panzer diese Bestrebungen, Menschen und Häuser platt. Das war am 21. August 1968, vor 50 Jahren. Nicht nur in Prag, auch in Liberec stellten sich die Menschen den Besatzern entgegen.

Panzer am Markt in Liberec
Bildrechte: Vaclav Toužimsky

Für viele Einwohner der tschechischen Stadt Liberec ist die Erinnerung an die Niederschlagung des Prager Frühlings hellwach geblieben. Die Älteren haben den 21. August 1968 nicht vergessen, als Panzer der sowjetischen Armee auf den Marktplatz einrollten. Eine 65-jährige Frau erinnert sich: "Ich hatte Angst vor einem Krieg. Ich war hier als junges Mädchen auf dem Platz und werde die Bilder nie vergessen." Ein Mann ergänzt: "Wir empfanden das als unfair, ein Schlag ins Rückrat der ganzen Nation."

Fotograf: Unvorstellbare Szenen

Auch Fotograf Vaclav Toužimsky war damals mit seinem Apparat in Liberec unterwegs. Er sei zuerst fasziniert gewesen von den Panzern, die an ihm vorüber rollten, erzählt er im Gespräch mit MDR SACHSEN. Er fotografierte, was er sah, als plötzlich Menschen um ihr Leben rannten. Von einem Schützenwagen aus wurde das Feuer auf Demonstranten eröffnet, die sich vor dem Rathaus der Stadt versammelt hatten. Mehrere Passanten wurden erschossen oder von Panzern überrollt. Es spielten sich unvorstellbare Szenen ab. "Damit hat hier keiner gerechnet", sagte Toužimsky. "Ich war auf der anderen Seite des Platzes und hörte plötzlich Schüsse. Aus einer Seitenstraße kamen die Menschen gerannt. Keiner wusste, was eigentlich los ist", so der Fotograf weiter.

50 Jahre danach: Fotos bezeugen die Eskalation in Liberec

Prager Frühling klingt harmloser, als es für die Betroffenen damals war. Damals drohte erneut Krieg mitten in Europa, als sowjetische Panzer und Truppen der verbündeten Ostblockstaaten in die CSSR einmarschierten.

Vaclav Toužimsky
Vaclav Toužimsky war vor 50 Jahren zufällig in Liberec und hat genau hingesehen, als sich unvorstellbare Szenen in Liberec abgespielt haben. Seine Fotos sind Zeugnisse der brutalen Eskalation mitten in der Stadt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Vaclav Toužimsky
Vaclav Toužimsky war vor 50 Jahren zufällig in Liberec und hat genau hingesehen, als sich unvorstellbare Szenen in Liberec abgespielt haben. Seine Fotos sind Zeugnisse der brutalen Eskalation mitten in der Stadt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Der Markt von Liberec
Herausgeputzt und schön saniert zeigt sich der Liberecer Marktplatz heute. Er ist ein Touristenmagnet und beliebter Treffpunkt der Liberecer. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Panzer am Markt in Liberec
Immer mehr Panzer rollten am 21. August 1968 auf den Marktplatz vor 50 Jahren. Die Einwohner versammelten sich dort, um gegen die sowjetische Invasion zu demonstrieren. Bildrechte: Vaclav Toužimsky
Panzer am Markt in Liberec
Zunächst rollte einer der Panzer in eine Häuserfassade. Es handelte sich offenbar um einen Unfall. Doch dann wurde auf die Demontranten geschossen. Bildrechte: Vaclav Toužimsky
Panzer am Markt in Liberec
Die Situation eskalierte. Am Ende waren neun Menschen tot. Bildrechte: Vaclav Toužimsky
Ein Mann steht vor einer Gedenktafel
Am Rathaus erinnert eine Panzerkette an die Ereignisse vor 50 Jahren und an die Toten - an die Menschen, die sich mutig und friedlich den Panzern der Sowjet-Armee entgegen gestellt hatten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Alle (6) Bilder anzeigen

Heute ist der Liberecer Marktplatz ein Touristenmagnet und beliebter Treffpunkt. Am Rathaus erinnert eine Panzerkette an die Ereignisse vor 50 Jahren.

Quelle: MDR/cs/kk/mar

Dieses Thema im Programm des MDR MDR SACHSENSPIEGEL | 14.08.2018 | 19:00 Uhr
MDR Fernsehen: Der Prager Frühling und die DDR | 14.08.2018 | 22:05 Uhr

AKTUELLES AUS SACHSEN

Zuletzt aktualisiert: 17. August 2018, 15:53 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

Mehr aus Sachsen