ARD-Themenwoche #wieleben Bevölkerungsentwicklung in Sachsen: Fünf Vorhersagen für das Jahr 2035

15. November 2020, 06:00 Uhr

Sachsens Bevölkerung wird in den kommenden Jahren weiter schrumpfen. MDR SACHSEN hat analysiert, warum dies so ist, was das für die Gesellschaft bedeutet und welche Orte und Regionen besonders stark vom Trend abweichen.

Für politische Entscheidungen und strategische Planungen auf Landes-, Kreis- und Gemeindeebene spielen zukünftige Einwohnerzahlen sowie die Altersstruktur der Bevölkerung entscheidende Rollen. Infrastruktur und die Gesundheits- oder Bildungspolitik sollten stets an sich abzeichnende Veränderungen angepasst werden. In regelmäßigen Abständen wird in Sachsen deshalb die Entwicklung der Bevölkerung prognostiziert. Die mittlerweile 7. Bevölkerungsvorausberechnung (7. RBV) wurden im Mai 2020 vom Statistischen Landesamt veröffentlicht und zeigt die wahrscheinliche Entwicklung bis zum Jahr 2035.

Betrachtet wurde dabei nicht nur der Freistaat Sachsen, sondern auch die zehn Landkreise, die drei Kreisfreien Städte sowie erstmals auch alle 416 kreisangehörigen Gemeinden – das alles sogar in zwei verschiedenen Varianten. Variante 1 orientiert sich an einer Prognose des Statistischen Bundesamts, Variante 2 berücksichtigt darüber hinaus einige sachsenspezifische Entwicklungen (mehr dazu im Abschnitt "Methodik").

Aus den Prognosen ergeben sich für Sachsen und die Regionen im Wesentlichen die fünf folgenden Punkte, die für die Bevölkerung in den kommenden Jahren wichtig werden:

1. Sachsens Bevölkerungszahl wird weiter sinken

Im Jahr 2035 werden in Sachsen nach Variante 1 der Prognose noch voraussichtlich 3,95 Millionen Menschen leben (-3,2 Prozent seit 2018), nach Variante 2 sinkt die Bevölkerungszahl sogar auf 3,81 Millionen (-6,5 Prozent). Das würden einen Bevölkerungsrückgang von 130.000 bis 260.000 Personen bedeuten. Damit wird sich auch in den kommenden Jahren der rückläufige Trend fortsetzen, der bereits seit Anfang der 1990er-Jahre zu beobachten ist:

2. Zuzüge können Geburtendefizit nicht ausgleichen

Den Prognosen nach wird die Bevölkerungsentwicklung in Sachsen auch künftig vom Geburtendefizit bestimmt. Gemeint ist damit die Tatsache, dass pro Jahr deutlich mehr Menschen sterben als geboren werden. Es wird angenommen, dass bis 2035 durch dieses Defizit zwischen 415.000 und 444.000 Menschen weniger in Sachsen leben werden als noch im Jahr 2018. Demgegenüber stehen Wanderungsgewinne – also das Plus an Zuzügen nach Sachsen abzüglich der Fortzüge – in Höhe von rund 283.000 Menschen. Das Geburtendefizit kann also lediglich abgeschwächt, aber nicht ausgeglichen werden.

Bereits seit 1990 weist der Freistaat Sachsen für alle Jahre ein Geburtendefizit auf, am höchsten lag der Wert im Jahr 1993 mit 36.500 Personen. Im Vorausberechnungszeitraum wird angenommen, dass das Geburtendefizit bei jährlich über 20.000 Personen bleiben wird. Auch die Wanderungsgewinne sollen bis 2035 positiv bleiben, allerdings im kleineren Rahmen. In Variante 1 gehen die Wanderungsgewinne dabei bis auf 12.500 Personen 2035 zurück, in Variante 2 wird im Jahr 2035 noch ein Wanderungsgewinn von 4.000 Personen erreicht.

3. Das Durchschnittsalter der Bevölkerung wird weiter steigen

Bis zum Jahr 2035 wird der bereits beschriebene Bevölkerungsrückgang von einer fortschreitenden Alterung begleitet. Im Jahr 2018 lag das Durchschnittsalter der Bevölkerung in Sachsen bei 46,8 Jahren. Nach Variante 1 der Prognose steigt das Durchschnittsalter in Sachsen bis zum Jahr auf 47,4 Jahre, nach Variante 2 sogar auf 48,1. Hinter diesen Mittelwerten für den gesamten Freistaat verbergen sich allerdings große regionale Unterschiede.

Laut Prognosen steigt das Durchschnittsalter in Bad Elster (Vogtlandkreis) von aktuell 53,6 auf 57 bis 57,8 Jahre an. Die Stadt Leipzig hingegen kann ihren momentanen Altersschnitt von 42,2 Jahren bis 2035 je nach Prognosevariante leicht senken auf 41,7 Jahre (Variante 1) oder aber nahezu halten (42,4 Jahre nach Variante 2):

4. Immer weniger Erwerbsfähige am Arbeitsmarkt

Eine weitere Folge des Bevölkerungsrückgangs bei gleichzeitig fortschreitender Alterung: Zukünftig werden immer weniger Erwerbsfähige – das sind Menschen im Alter von 20 bis 64 - immer mehr Menschen im nicht erwerbsfähigen Alter (unter 20 und über 64) gegenüberstehen. Konkret wird angenommen, dass bis zum Jahr 2035 die erwerbsfähige Bevölkerungsgruppe – aktuell etwa 2,3 Millionen Menschen – um 234.000 bis 317.000 schrumpfen wird, ein Minus von 10,2 bzw. 13,7 Prozent. Beeinflusst wird diese Entwicklung vor allem dadurch, dass einerseits die Zahl der unter 20-Jährigen langfristig sinken, die Zahl der über 64-Jährigen hingegen deutlich steigen wird.

Einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zufolge wird dieser Prozess nicht nur für Sachsen, sondern für ganz Deutschland spürbar sein. Arbeitgeber müssen sich darauf einstellen, dass immer weniger Menschen auf dem Arbeitsmarkt verfügbar sind und mit einem erhöhten Personal- und Fachkräftemangel zu rechnen ist. Vor allem aber könnte unser bisheriges Sozialsystem in Schieflage geraten. Denn laut IAB ist das deutsche Rentensystem nicht ausreichend auf die schrumpfende Erwerbsbevölkerung vorbereitet.

Fraglich sei, ob die künftige erwerbsfähige Generation groß genug ist, um die Renten für die wachsende Zahl der Rentner zu erwirtschaften. Diesem Prozess könnte nach IAB-Angaben zumindest teilweise entgegengewirkt werden, wenn die Rahmenbedingungen für die Erwerbstätigkeit von Frauen und Älteren verbessert werden. Zudem müsse Deutschland seine Attraktivität für qualifizierte Zuwanderer erhöhen und Migranten stärker in den Arbeitsmarkt und in die Gesellschaft integrieren.

5. Je nach Region sind Bevölkerungswachstum und -verlust sehr unterschiedlich

In beiden Prognose-Varianten wird bis zum Jahr 2035 mit Bevölkerungsgewinnen in den kreisfreien Städten Leipzig (10,9 bzw. 15,9 Prozent) und Dresden (1,5 bzw. 6,0 Prozent) gerechnet. Sämtliche Landkreise und die kreisfreie Stadt Chemnitz hingegen werden mit einem Rückgang der Bevölkerung rechnen müssen. Am stärksten werden die Verluste mit 15,1 bzw. 16,8 Prozent im Erzgebirgskreis erwartet.

Erstmals wurden die Prognosen auch für alle Gemeinden in Sachsen durchgeführt. Die Mehrzahl der 416 kreisangehörigen Gemeinden wird demnach bis 2035 an Einwohnern verlieren. Welche Orte dabei besonders gut oder schlecht abgeschnitten haben und wie die Situation in Ihrer Region ist, können Sie hier nachlesen und in einer interaktiven Karte nachschauen:

Methodik

Die 7. RBV basiert auf den demografischen Entwicklungen seit dem Jahr 2014 – dem Basisjahr der letzten Bevölkerungsvorausberechnung. Die Annahmen zur Geburtenhäufigkeit, zur Lebenserwartung und zur Entwicklung des Wanderungsverhaltens berücksichtigen die Analyse des Trends der letzten fünf Jahre. Die 7. RBV setzt auf dem Ergebnis der Bevölkerungsfortschreibung zum 31. Dezember 2018 auf.

Bei der Prognose wurde die beobachtete Dynamik demografischer Prozesse lediglich fortgeschrieben (deterministische Komponentenmodell mit einem Status-Quo-Ansatz). Das bedeutet, dass die aktuell feststellbaren Trends in die Zukunft projiziert werden. Wirtschaftliche und soziale Einflussfaktoren sowie politische Entscheidungen wurden nicht modelliert.

Die aktuell vorliegende Bevölkerungsprognose wurde in zwei Varianten gerechnet. Diese bilden die Grenzen eines Korridors, in dem sich die Bevölkerungszahl wahrscheinlich entwickeln wird. Einerseits flossen allgemeine Annahmen der bundesweiten "14. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung" ein (Variante 1). Andererseits wurden auch aktuelle sachsenspezifische Entwicklungen berücksichtigt (Variante 2).

Die Varianten unterscheiden sich in den Annahmen zur Auslandswanderung, dem Wanderungsverhalten innerhalb des Bundesgebiets sowie dem Geburtenverhalten. Je nach Variante unterscheidet sich der zeitliche Verlauf sowie die Intensität der Veränderung der einzelnen Komponenten.

Quelle: MDR/mm

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 15.11.2020 | 19:00 Uhr

28 Kommentare

GEWY am 16.11.2020

"Eine dünn besiedelte Region wird immer Infrastrukturnachteile haben." Hier geht es um Sachsen. Können Sie mir mal eine Region in Sachsen nennen die "dünn" besiedelt ist? Die drei Außenstellen der Landesdirektion egal ob DD (201, L (245) oder C (229 Einw./qkm)) sind fast gleich besiedelt. Mit dem Unterschied, dass z.B. Chemnitz mit 250 TEinw. als Oberzentrum in der Fläche 1,25 Mill. Einwohner zu verwalten hat und Leipzig als flächenmäßig mit Abstand kleinste, 600 TEinw. als Oberzentrum bietet aber in der Fläche nicht einmal 400 Tausend Einwohner verwaltet. Und nun reden wir mal über die Infrastruktur (Bus, Bahn, Flughafen). In SW Sachsen, Einzugsgebiet der LD Chemnitz fährt nicht mal mehr ein Zug der DB, weder im Regional- noch im Fernverkehr. Und das ist komplettes Versagen der Politik, auch der Landespolitik seit 1990.
Was Ihre Aussage zur Fremdenfeindlichkeit in Sachsen und u.a. dem Vergleich mit Bayern betrifft, das ist SO nicht tragfähig, wie die Statistiken seit 2015 beweisen.

Ines W. am 16.11.2020

Sie sind ja ein DDR Nostalgiker. Mediator hat da eine deutlich klarere Sicht auf die Dinge. Das Wichtigste aber ist, dass der untergegangene Sozialismus Geschichte ist und die im Artikel benannte Demographie unsere Zukunft darstellt, die man mit Lokalpatriotismus alleine nicht verbessert. In Geisterdörfern siedelt sich nicht einmal ein Tante Emma Laden an und die Jugend flieht in die Stadt. Wenn ausländische Arbeitnehmer uns dabei helfen dieses Problem zu überwinden, dann sage ich nur: "her mit ihnen!".

Ach ja: Nur weil Frauen in der DDR sich weniger Gedanken über die Kinderbetreuung außer Haus machen mussten als die Frauen im Westen, war die Ostdiktatur sicher dem Westen nicht überlegen. Wenn man halt jede Frau in der Fabrik braucht, dann muss man ihre Kinder halt in eine massenhafte Sammelbetreuung geben. Dem Staat war zusätzlicher Einfluss auf die Kleinen ja nur recht.

Lavendel am 16.11.2020

Eine dünn besiedelte Region wird immer Infrasturkturnachteile haben. Der Staat kann hier nur sehr begrenzt eingreifen, denn auf Dauer müssen sich Arztpraxen, Tankstellen, Supermärkte für ihre Betreiber rechnen. Auch Bus- und Bahnlinien lassen sich nicht beliebig hoch subventionieren. Ländliche Regionen werden hier nie das Level von Städten erreichen, die dafür aber andere Nachteile zu bieten haben.

Schaut man sich gerne die zelebrierte Fremdenfeindlichkeit in Sachsen an, dann fragt sich sicher jeder ausländische Arbeitnehmer, wo er bessere Chancen findet. Im benachbarten Bayern werden ja auch Arbeitnehmer gesucht und nicht von trögen Neonazihorden durch die Gassen gehetzt. Beispiele aus Sachsen für solche Fremdenfeindlichkeit gibt es genug und sie sind kein Standortvorteil, es sei denn für rechtsradikale Parteien.

Mehr aus Sachsen