Interview Protestforscher: Galgen drückt gesteigerte Wut aus

Jede Demonstration wird angereichert durch Symbole. Die Galgen-Attrappe bei einer Pegida-Demonstration in Dresden drückt aus Sicht des Berliner Protestforschers Dieter Rucht aber eine Verschärfung der Stimmung aus. "Da gibt es ganz deutlich eine Steigerung der Wut, der Aggressivität und des Attackierens, die sich auch in Bildern ausdrückt", sagte der emeritierte Professor im Interview.

von Lena Klimkeit, dpa

Ist die Galgen-Attrappe programmatisch für die Pegida-Bewegung oder eine Symbolik von vielen in der Menge von Menschen?

Es bedeutet in meinen Augen eine Steigerung dessen, was man bisher gesehen hat. Sprüche wie "Volksverräter" sind ja schon gang und gäbe. Das Galgen-Beispiel ist etwas, was in der Form bislang noch nicht zu sehen war im Kontext von Pegida. Da gibt es ganz deutlich eine Steigerung der Wut, der Aggressivität und des Attackierens, die sich auch in Bildern ausdrückt. Und hochwahrscheinlich wird auf der Gegenseite reagiert. Man schaukelt sich gegenseitig hoch.

Welche Symbole sind denn typisch für welche Protestbewegungen?

Es gibt etwa Symbole, mit denen Gegner lächerlich gemacht werden. Andere Symbole bringen die Attacke, den Angriff, die Zerstörung des Gegners zum Ausdruck. Dazu zählt auch der Galgen. Zu einer weiteren Kategorie gehören Symbole, die eine Bedrohung oder abstrakte Gefährdung anzeigen. Beispiele sind das Skelett- oder Sensenmann-Kostüm oder Särge, auf denen dann etwa steht, dass die Bildungsreform zu Grabe getragen wird.

Wird die Symbolik bei Demonstrationen insgesamt drastischer?

Jede Demonstration wird angereichert durch diverse Formen der Symbole, Slogans. Es ist ein Bedürfnis der Demonstrierenden, Inhalte nicht nur verbal zu transportieren, sondern immer auch zu visualisieren. Ich sehe im Zeitverlauf aber keine Entwicklung in die eine oder andere Richtung.

Lutz Bachmann stellt das Foto des Galgens auf seiner Facebook-Seite mit einem Plakat gegenüber, auf dem eine Faust gegen seinen Kopf prallt und dieser wiederum in zwei Teile reißt. Ist das eine Symbol radikaler als das andere?

Da mag man eine kleine Differenz reininterpretieren, die ist aber insgesamt unerheblich. Entscheidend ist die Tatsache, dass durch solche Symbole zu physischen Attacken, zur Vernichtung des Gegners, im konkreten Fall des Galgens sogar zum Tod aufgerufen wird.

Dieter Rucht Dieter Rucht (69) ist ein deutscher Soziologe. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören der Protest und soziale Bewegungen, politische Partizipation und Öffentlichkeit. Der emeritierte Professor leitete etwa die Forschungsgruppe "Zivilgesellschaft, Citizenship und politische Mobilisierung in Europa" am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung.

Zuletzt aktualisiert: 13. Oktober 2015, 15:59 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

13 Kommentare

14.10.2015 15:07 Oberlausitzer 13

Galgenhumor!

14.10.2015 13:33 Mondi 12

Die Medienlandschaft darf sich aber schon die Frage gefallen lassen, warum gerade bei Systemkritischen Bewegungen immer gegen gesteuert wird, obwohl es doch im gesamten Land rumort und dies immer mit typischen Floskeln und wenn es passt auch den dazu gehörigen Professor und Protestforscher erklären lässt, mitunter auch diffamiert wird. Wenn man auf die Demonstrationen 89 zurück schaut, dann waren dort weitaus schlimmere Verunglimpfungen gegen Organe des Staates vorhanden, als dieses jetzige hochschaukeln und analysieren eines Galgen. Wo war damals der Aufschrei der ach so demokratischen Kräfte der Bundesrepublik. Ach ja damals hat es super ins Weltbild gepasst.

14.10.2015 11:39 Austaub 11

@9. Mediator: "Der Protestforscher drückt es gut aus"

Ja, weil mit wenigen Worten. Ansonsten beziehen sich diese verbalen Auseinandersetzungen auf einige karnevalsaffine Aktionen.
Die eigentlich "normale" Protestmenge wird hierbei gar nicht beleuchtet. Das stört jedoch nicht.

14.10.2015 10:23 B. Kunze 10

Ungeteilte Zustimmung zu 1. A.K.

13.10.2015 21:53 Mediator 9

Der Protestforscher drückt es gut aus: Die Aggressivität bei PEGIDA steigt. Ich kann gut verstehen, wenn sich Menschen Gedanken und Sorgen über die Flüchtlingszahlen machen. Die Politik hat ja bisher noch keine wirklichen Antworten gefunden. Was ich nicht verstehen kann ist die Wut, Agressivität und der teils offene und teils versteckte Rassismus der von den Veranstaltern von PEGIDA propagiert wird. Hier wird nicht für gangbare Lösungen geworben, sondern es wird Stimmung gemacht gegen Fremde. Dabei hat man sich immer mehr von der Wirklichkeit und einer reflektierten Sicht auf die eigenen Aussagen entfernt. Die Demonstranten zeigen das typische Verhalten von "Angstkläffern" und verdrängen die eigenen Unsicherheiten durch ihre verbale Aggressivität.

13.10.2015 21:46 Katrau 8

Ich bin einfach nur entsetzt über dieses Ausmass an Aggressivität, Angstmacherei, dumpfen Parolen und dem unkritischem Folgen so vieler Menschen den Demagogen und Hasspredigern. Wo ist da Bereitschaft zum Dialog und Diskurs? Wo werden da Behauptungen überprüft oder infrage gestellt? Ich hatte bisher die Hoffnung, dass in Deutschland eine andere Form des Umgangs miteinander möglich ist. Fremde machen mir keine Angst, aber dass, was ich zur zeit bei einem Großteil der Pegidabewegung erlebe.

13.10.2015 20:47 Nachdenkender 7

Salman Rushdie hat heute bei seiner Eröffnungsrede zur Frankfurter Buchmesse sinngemäß gesagt: Nicht nur Angst und Gewalt würden die Meinungsfreiheit bedrohen, sondern auch übertriebene "Political Correctness".
Ich persönlich finde Galgen (Pegida) genauso ungeeignet als Demonstrationsrequisit wie eine Giullotine (Anti-TTIP). Das aber die Empörung der Medien und der öffentlichen Meinung auf das eine gelenkt wird, während das andere ohne Medienhype und Staatsanwalt "durchgeht" zeigt schon objektiv eine gewisse Tendenz in der Argumentation. Das diese dann von vielen als "von oben gelenkt" empfunden wird, sollte klar denkende Menschen nicht verwundern.
Auch diese Diskussion wird Pegida weiteren Zulauf bringen - denn die mancherorts schon fast propagandistisch anmutenden Berichterstattungen über eine einzelne Episode einer ziemlich komplexen und großen Demo vieler Tausender Menschen führen zwangsläufig zu weiterer Radikalisierung dieser.

13.10.2015 20:06 Wo geht es hin? 6

Guter Ansatz von Herrn Rucht! Aber er bleibt auf halbem Weg stehen.
Wenn gegen offensichtliches Unrecht, Gesetzesbruch, Kriminalisierung und Diffamierung der Gegner und Lüge monatelang friedlich demonstriert wird, aber ausser Bla Bla Bla von den Politikern nix, aber auch gar nix endlich mal konkret angepackt wird, was denken die "Eliten" da oben, was passiert? Das das blöde Stimmvieh weiter ewig im Kreis rennt? Das sie sich da mal nicht irren! Der Fenstersturz zu Prag wird sich wohl nicht wiederholen, aber symbolisch gehören diese Typen vielleicht nicht gerade an den Galgen, aber auf den Misthaufen der Geschichte schon!

13.10.2015 19:15 Gerechter 5

Ein Protestforscher erklärt die Welt. Die ganzen Politologen und Soziologen heut zutage, schon 89 gewesen, es hätte kein Umschwung gegeben.

13.10.2015 18:37 Rudi 4

Das ist genau das Bild, was von der Gegenseite PEGIDAs gewünscht wird. Lasst Euch nicht in diese Rolle drängen. Spielt dieses Spiel so nicht mit. Verzichtet auf solch fragwürdiges unnützes Beiwerk. Das Gleiche gilt für irgendwelche Wortäußerungen. Nutzt die Möglichkeit der friedlichen Demonstration der Massen mit Verstand.