13.06.2020 | 13:10 Uhr Betroffene: Rassismus ist auch in Sachsen ein Problem

"Black Lives Matter" - "schwarze Leben zählen". Nachdem der US-Amerikaner George Floyd durch Polizeigewalt zu Tode kam, gab es weltweit Demonstrationen gegen Rassismus und Polizeigewalt - auch in Sachsen. Am vergangenen Wochenende gingen in Dresden 4.000 Menschen auf die Straße, in Leipzig waren es 15.000. Doch was wollen die Demonstrierenden?

Menschen auf Demonstration
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"No Justice, no Peace" - "keine Gerechtigkeit, kein Frieden" ist einer von vielen Sprechchorälen, die man nach dem gewaltsamen Tod des US-Amerikaners George Floyd auch in Deutschland und Sachsen immer häufiger ruft und hört. Die Demonstrationen in Dresden und Leipzig sind mit die größten überhaupt in diesem Jahr in Sachsen.

Einer der Organisatoren ist Emiliano Chaimite. Der Vorsitzende des interkulturellen Vereins Afropa e.V. trifft sich im Dresdner Kulturzentrum "Weltclub" mit weiteren Organisatorinnen und Organisatoren der Demonstrationen. Sie wollen die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit nutzen, um die Debatte über Rassismus in der Gesellschaft zu diskutieren. Denn Rassismus, so Chaimite, sei nicht nur ein Thema in den USA.

Emiliano Chaimite
Bildrechte: MDR/Torben Lehning

Dass es nicht nur ein amerikanisches Problem ist, haben wir ja gemerkt, anhand dieses großen Zuspruchs, der nicht nur in Dresden stattgefunden hat, sondern bundesweit. Ich mache das einfach, um die Gesellschaft wachzurütteln und zu sagen: 'Hey Leute, ich lebe seit über 30 Jahren hier und dennoch verspüre ich von meinem ersten Tag an das Problem. Hört uns zu, ignoriert das nicht. Das Problem heißt Rassismus.'

Emiliano Chaimite Vorsitzender Afropa e.V.

Durch das Aufkommen von Pegida und die AfD im sächsischen Landtag habe sich für ausländisch aussehende Menschen in Deutschland vieles verändert, meint Chaimite. Seit mehr als fünf Jahren stünden er und viele andere Menschen ständig im Fokus der Debatte über Rassismus und Neonazismus. "Das macht was mit Menschen", sagt er.

Sachsen-Monitor: "In gefährlichem Maße überfremdet"

Laut der Einstellungsstudie "Sachsen Monitor 2018" fühlen sich mehr als die Hälfte der Sächsinnen und Sachsen durch die in der Bundesrepublik lebenden Ausländer in "gefährlichem Maße überfremdet". Das seien höhere Werte als in vielen anderen Bundesländern, meint Andrea Hübler, Fachreferentin der Opferberatungsstelle RAA Sachsen. Rassismus bleibe aber ein gesamtgesellschaftliches Problem.

Es ist kein rein ostdeutsches Problem, auch kein sächsisches Problem allein. Es ist ein gesellschaftliches Problem, über Sachsen hinaus. In ganz Deutschland, auch in anderen Ländern und weltweit.

Andrea Hübler Fachreferentin der Opferberatungsstelle RAA Sachsen

Rassistische Gewalt - auch durch die sächsische Polizei

Die RAA ist Anlaufstelle für jegliche Fälle von rassistischer Gewalt. Auch die sächsische Polizei würde hier immer wieder angezeigt, so Hübler. Sie berichtet von einem aktuellen Fall, der ihrer Beratungsstelle zu Beginn der Corona-Pandemie gemeldet wurde.  

Andrea Hübler RAA SACHSEN E.V.
Bildrechte: MDR/RAA Sachsen e.V.

Eine ausländische Familie hat in einer westsächsischen Kleinstadt eine Videokonferenz mit Freunden durchgeführt. Jeder, der das während Corona gemacht hat, weiß, dass es dabei laut zugehen kann. Nachbarn haben die Polizei gerufen, weil sie wohl eine Coronaparty vermuteten. Die Familie hat die Polizei in die Wohnung gelassen, die Beamten haben die Zimmer kontrolliert und eigentlich war die Sache damit erledigt.

Andrea Hübler Opferberatungsstelle RAA Sachsen

Bei der abschließenden Ausweiskontrolle haben die Polizisten sich dann aber abschätzig über die Nationalität der Opfer geäußert und den Inhalt der Brieftasche des Vaters über den Flurboden ausgekippt. Danach kam es zu einer Auseinandersetzung, Der Vater wurde mit Handschellen gefesselt. Man hat ihm ein Handtuch über das Gesicht gelegt und mehrfach ins Gesicht geschlagen. Warum das Handtuch? Das macht man, um schwere sichtbare Prellungen zu verhindern, der Schmerz ist der gleiche. Der Vater musste ambulant behandelt werden. Die hochschwangere Mutter wurde auf den Boden geschubst und musste danach zwei Tage stationär behandelt werden.

Andrea Hübler Opferberatungsstelle RAA Sachsen

Um die Opfer zu schützen, könne Hübner keine weiteren Informationen zum Ort des Geschehens und den näheren Umständen preisgeben.

Problem: Dunkelziffer

Die Opferberatung RAA kommt zu dem Ergebnis, dass sich im Zehnjahresverlauf die Anzahl von rechtsmotivierten und rassistisch motivierten Angriffen in Sachsen unverändert auf einem anhaltend hohen Niveau von durchschnittlich 240 Angriffen hält. Die Dunkelziffer sei jedoch "extrem hoch", so Hübler. Häufig würden sich Opfer rassistischer Gewalt nicht trauen, Angriffe zur Anzeige zu bringen. Die Opferberatungsstellen würden ebenfalls nicht immer informiert. Ein Grund dafür sei, dass die Opfer von Gewalt die Täter häufig schwer oder kaum erkennen würden und daher kaum Hoffnungen auf ein Verfahren hätten.

Es geht nicht nur um körperliche Gewalt

Im Dresdner Weltclub erklärt Afropa-Projektmanagerin Danielle Jackson, dass für sie Rassismus nicht erst bei körperlicher Gewalt anfange. Rassismus ziehe sich durch ihren Alltag wie ein roter Faden. Abschätzige Worte, abschätzige Blicke, immer die Unterstellungen, dass sie keine Deutsche sei oder sein könne - all das verletze und ärgere die Studentin, die in einer ost-westfälischen Kleinstadt geboren ist.

Danielle Jackson
Bildrechte: MDR/Torben Lehning

Bei Arztbesuchen, beim Einkaufen, wenn man neue Menschen kennenlernt. Das findet sich fast überall. Man kann sich davor nicht verstecken. Es gibt immer wieder Situationen in denen ich Menschen darauf hinweise, dass es mich verletzt, wenn ich ständig auf mein Äußeres angesprochen werde und man mir zeigt, dass ich nicht dazugehöre. Diese Leute reagieren dann häufig so, als ob ich ihnen was absprechen würde. Das tue ich aber nicht. Ich spreche ihnen nur ihre Ignoranz ab.

Danielle Jackson Projektmanagerin Afropa e.V.

Warum gerade jetzt demonstrieren?

Viele würden sich wundern, warum gerade jetzt immer mehr junge Menschen, deren Eltern aus dem Ausland nach Deutschland kamen, sich politisieren und auf die Straße gingen, meint Student und Mitorganisator Duc Le. Emiliano Chaimite erwidert, die Demonstrationen in den USA seien nur eine Initialzündung. Das Problem sei größer - daher die weltweiten Proteste.

Duc Le stimmt zu, sieht als Grund für die vielen jungen Demonstrierenden auch deren Privilegien.

Duc Le
Bildrechte: MDR/Torben Lehning

Für unsere Elterngeneration war die Situation für Ausländer in Deutschland noch viel prekärer und von Ausgrenzung geprägt. Unsere Eltern mussten sich gegen viele Widerstände etwas Eigenes aufbauen. Sie hatten keine Zeit und Kraft sich zu politisieren. Bei uns ist das anders. Wir können studieren, haben viel mehr Kapazitäten und die Sprache, um aufzuzeigen, wo und wie wir diskriminiert werden.

Duc Le Student

"Rassismus ist strukturell bedingt"

Für Mitorganisator Osman Oğuz ist ein Protest gegen Rassismus nur dann möglich, wenn man auch das System hinterfrage, das rassistische Einstellungen fördere. Oğuz studiert in Dresden "Soziale Arbeit" und fordert eine Auseinandersetzung mit postkolonialen Strukturen in Deutschland. Außerdem gelte es, die aktuelle Politik zu hinterfragen.

Osman Oğuz
Bildrechte: MDR/Torben Lehning

Wenn man sich mit rassistischen Strukturen auseinandersetzt, dann muss man auch den globalen Aspekt betrachten. Dann muss man darauf gucken, unter welchen Bedingungen Menschen im Ausland für deutsche Firmen arbeiten. Dann muss man sehen, dass Deutschland Waffen exportiert, damit zu Krieg und Armut beiträgt, und wie dann Geflüchtete aus diesen Ländern hier behandelt werden.

Osman Oğuz Mitorganisator

Parole: Zuhören

Am Wochenende ist in Leipzig bei "Wir sind mehr" ein weiterer antirassistischer Protest geplant. Am Montag wollen die Organisatorinnen und Organisatoren in Dresden unter dem Slogan "Rassismus raus aus den Köpfen" auf die Straße gehen. Die Gesprächsrunde im Weltclub hofft auf viel Unterstützung.

Einig sind sich alle vier vor allem bei einer Sache. Wer nicht wisse, was Rassismus ist, der müsse denen zuhören, die ihn erleben.

Quelle: MDR/tl/kb

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 11.06.2020 | 19:00 Uhr

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