Mauer mit Inschrift: Jüdische Gemeinde zu Dresden, darauf ablegte Blumen, davor brennende Kerzen und Grablichter
Nach dem Anschlag in Halle haben Bürger in Dresden Blumen und Kerzen an der Synagoge niedergelegt Bildrechte: Tino Plunert

10.10.2019 | 17:17 Uhr Jüdische Gemeinden in Sachsen nach Anschlag von Halle verunsichert

Nach dem geplanten Anschlag auf die Synagoge in Halle sorgen sich auch jüdische Menschen in Sachsen um ihre Sicherheit. Die Polizei verstärkte zunächst ihre Präsenz an den jüdischen Einrichtungen. Reicht dies aus? Der Innenminister kündigte nun einen stärkeren Schutz auf unbestimmte Dauer an. Die Bürger rief er zur Solidarität auf.

Mauer mit Inschrift: Jüdische Gemeinde zu Dresden, darauf ablegte Blumen, davor brennende Kerzen und Grablichter
Nach dem Anschlag in Halle haben Bürger in Dresden Blumen und Kerzen an der Synagoge niedergelegt Bildrechte: Tino Plunert

Die Jüdische Gemeinde in Dresden ist nach dem Anschlag auf die Synagoge in Halle zutiefst bestürzt und verunsichert. Die Vorsitzende Nora Goldenbogen sagte im Interview mit MDR SACHSEN, mit so einem Anschlag habe niemand gerechnet. Die Gemeinde werde die Sicherheitsmaßnahmen überdenken.

Dr. Nora Goldenbogen, Landesverband Sachsen der Jüdischen Gemeinden Sachsen
Bildrechte: studioline photography

Ich kann mich nicht erinnern, dass wir so einen beabsichtigten Anschlag auf eine Jüdische Gemeinde schon einmal hatten.

Nora Goldenbogen Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Dresden

Auch Gemeindemitglied Wolfram Nagel sieht mit dem Anschlag von Halle eine neue Stufe der Gewalt gegen Juden erreicht. Dass die Polizei mit einem SEK vor der Synagoge in Dresden anrückt, sei bisher nicht vorgekommen, sagte der Journalist MDR SACHSEN. Die Gemeinde sorge sich nun um die Sicherheit ihrer rund 700 Mitglieder. Die Vorkehrungen der Polizei an der Synagoge hält Nagel für nicht ausreichend. Er wünscht sich eine dauerhafte Präsenz der Beamten. Außerdem müsse die veraltete Sicherheitstechnik an der Synagoge erneuert werden.

Landesrabbiner: "Weckruf für Gesellschaft"

Polizisten sichern Synagoge Dresden
Bildrechte: Roland Halkasch

Landesrabbiner Zsolt Balls bezeichnete den Anschlag von Halle als traurigen "Weckruf für die Gesellschaft und für uns selbst." Die Radikalität, egal ob rechts oder links, sei gefährlich und bedrohe auch jüdisches Leben in Deutschland und Europa. "Wir hoffen, dass die Polizei und Politiker verstehen werden, wie wichtig die physische Sicherheit für die Jüdischen Gemeinden ist und dass den Worten auch Taten folgen werden."

Die Jüdische Gemeinde in Dresden will ihre Aktivitäten trotz der Verunsicherung fortführen, am Freitagabend feiert sie regulär ihren wöchentlichen Gottesdienst. "Wenn wir unser jüdisches Leben hier nicht fortsetzen, dann hat der Täter in Halle gesiegt", sagte Rabbiner Akiva Weingarten. "Wir hoffen auch, dass unserer Synagoge weiter offenbleiben kann - wie sie es bis heute ist", fügte er hinzu.

Antisemitismus-Beauftragter fordert schärferes Vorgehen

Der sächsische Beauftragte für jüdisches Leben, Thomas Feist, forderte ein schärferes Vorgehen gegen antisemitische Straftaten. In den Jüdischen Gemeinden wachse die Sorge, dass Kriminalität gegen Juden nicht mit der notwendigen Härte des Rechtsstaats geahndet würde, erklärte Feist in Dresden. Viele jüdische Mitbürger seien mittlerweile skeptisch, "dass das öffentliche Verurteilen von Judenhass durch die Politik auch Konsequenzen nach sich zieht".

Notwendig sei eine "konsequente Verfolgung und unnachgiebige Verurteilung antisemitischer Täter", möglicherweise auch eine Verschärfung des Strafrechts für diese Fälle, sagte Feist.

Thomas Feist (CDU)
Bildrechte: CDU, Landesverband Sachsen

Die Anschläge in Halle sind kein alleiniges Problem der jüdischen Gemeinde - sie treffen uns und unser Zusammenleben insgesamt.

Thomas Feist Sächsischer Beauftragter für jüdisches Leben

Nach den tödlichen Schüssen in Halle waren auch in Sachsen die Sicherheitsvorkehrungen an Jüdischen Friedhöfen und Synagogen verstärkt worden. Er sei allerdings auch ein "Zeichen eines Ausnahmezustandes, der schnellstens beendet werden muss", erklärte Feist.

Sicherheitsmaßnahmen auf unbestimmte Zeit verstärkt

Sachsens Innenminister Roland Wöller rief die Bürger dazu auf, sich schützend vor die Jüdischen Gemeinden im Freistaat zu stellen. Um ein "deutliches Zeichen" zu setzen, wolle er für Freitagabend eine Versammlung vor der Dresdner Synagoge anmelden, kündigte der CDU-Politiker an.

Auch die Stadt Dresden und die Kirchen riefen für Freitag zu einer Solidaritätsbekundung an der Synagoge auf. Wöller forderte die Menschen auf, es in Chemnitz und Leipzig gleichzutun. Der Kampf gegen Rechtsextremismus müsse aus der Mitte der Gesellschaft bekommen.

Eine Frau spricht in Mikrophone, neben ihr stehen zwei Männer.
Nora Goldenbogen nach dem Gespräch mit Innenminister Roland Wöller Bildrechte: Tino Plunert

Zuvor hatte sich der Innenminister mit der Vorsitzenden des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden, Nora Goldenbogen, dem Dresdner Rabbiner Akiva Weingarten und Polizeipräsident Horst Kretzschmar unter anderem über erhöhte Sicherheitsmaßnahmen für jüdische Einrichtungen ausgetauscht. Diese sollen für 34 Einrichtungen in Sachsen auf unbestimmte Zeit gelten, darunter Gemeinden und Friedhöfe. Wöller sagte den jüdischen Gemeinden außerdem finanzielle Unterstützung zu, um Sicherheitstechnik nachrüsten zu können.

Seit dem Anschlag in Halle werden auch an den Chemnitzer und Leipziger Synagogen mehrere Beamte postiert. Die Streifen in Chemnitz sind angehalten, auch das jüdische Restaurant Shalom im Blick zu behalten, das vor einem Jahr Ziel eines Anschlags war. Schalom-Wirt Uwe Dziuballa wäre am Donnerstag auch beinahe in Halle gewesen, um koscheres Bier auszuliefern. Wegen des jüdischen Feiertags, an dem Autofahren und Arbeiten verboten sind, sei er aber bereits am Dienstag dort gewesen, sagte Dziuballa MDR SACHSEN.

Ludwig: Deutschland muss Heimat für jüdische Bürger bleiben

Die Oberbürgermeisterin von Chemnitz, Barbara Ludwig, rief die Menschen auf, alles zu tun, damit Chemnitz eine Heimat für jüdische Bürgerinnen und Bürger bleibt. Nach der Wende sei das jüdische Leben in Chemnitz aufgeblüht, teilte Ludwig mit. 500 jüdische Bürger seien zugezogen oder dort geboren worden. Außerdem sei eine neue Synagoge gebaut worden. Bürger, Oberbürgermeisterin und Sicherheitsbehörden seien jeden Tag gefordert, das Richtige zu tun, damit Chemnitz, Sachsen und Deutschland für jüdische Bürger sicher sei und bleibe, sagte Ludwig.

Bildergalerie Polizei in Alarmbereitschaft - jüdische Einrichtungen abgesichert

Ein Polizist läuft eine Straße entlang
Ein Polizist läuft am Mittwochmittag in Halle zum Einsatz, nachdem Schüsse vor der Synagoge im Paulusviertel abgegeben wurden. Bildrechte: dpa
Ein Polizist läuft eine Straße entlang
Ein Polizist läuft am Mittwochmittag in Halle zum Einsatz, nachdem Schüsse vor der Synagoge im Paulusviertel abgegeben wurden. Bildrechte: dpa
Polizeifahrzeug
Nach Schüssen und einem Angriff auf eine Synagoge in Halle floh ein mutmaßlicher Täter. Die Polizei fuhr mit schwerem Gerät vor. Bildrechte: MDR/Jörg Wagner
Zwei Polizisten mit Maschienengewehren stehen vor der synagoge Dresden am 9.10.2019. Sie sind in alarmbereitschaft, nachdem am Mittwochmittag vor der Synagoge in Halle/Saale zwei Menschen erschossen worden sind.
Aufgrund der Sicherheitslage sichern Polizisten in Dresden die Synogoge in der Altstadt ab. Bildrechte: Tino Plunert
Polizeischutz für jüdischen Friedhof in Dresden am 9.10.2019 nach der Schießerei in Halle/Saale vor der Synagoge.
Polizisten stehen nun auch vor dem jüdischen Friedhof in Dresden. Bildrechte: Roland Halkasch
Polizeibeamte bewachen am 9.10.2019 die Synagoge in Chemnitz.
Auch vor der Synagoge in Chemnitz fuhren Polizisten vor. "Dass nun jüdische Einrichtungen von zusätzlichen Polizeikräften gesichert werden ist zwar richtig und notwendig, es ist allerdings auch das Zeichen eines Ausnahmezustandes, der schnellstens beendet werden muss", sagte der sächsische Bauftragte für das Jüdische Leben, Thomas Feist. Bildrechte: Harry Härtel
Ein Polizeiauto steht am 9.10.2019 vor dem jüfischen Friedhof in Zittau.
Normalerweise ist der jüdische Freidhof in Zittau abgeschlossen. Am Mittwochnachmittag fuhr ein Polizeiauto vor zum besonderen Schutz der Einrichtung. Bildrechte: LausitzNews/Erik-Holm Langhof
Eine Polizeistreife sichert die Neue Synagoge in Erfurt
In Sachsens Nachbarland Thüringen verstärkte die Polizei ebenfalls ihre Präsenz vor jüdischen Einrichtungen wie hier in Erfurt vor der Synagoge. Bildrechte: MDR/Dirk Reinhardt
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Quelle: MDR/kb/dpa

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 10.10.2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. Oktober 2019, 17:17 Uhr

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