02.07.2020 | 19:08 Uhr Nach NS-Vergleich: Organisationen fordern bundesweit Rücktritt von Gedenkstättenleiter Reiprich

Mehrere bundesweit tätige Organisationen und die Grünen-Bundestagsfraktion haben einen NS-Vergleich des Geschäftsführers der Stiftung Sächsische Gedenkstätten, Siegfried Reiprich, auf Twitter scharf kritisiert - und seinen Rücktritt gefordert.

Siegfried Reiprich
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In einer gemeinsamen Erklärung forderten am Donnerstag die sächsische Landesarbeitsgemeinschaft Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, das Forum der Landesarbeitsgemeinschaften der Gedenkstätten, Erinnerungsorte und -initiativen in Deutschland sowie die AG der KZ-Gedenkstätten in der Bundesrepublik Deutschland eine erklärende Stellungnahme und "personelle Konsequenzen".

Grüne wollen Reiprich "vom Amt entbinden"

Auch die Grünen-Fraktion im Bundestag übte harsche Kritik an Reiprich und forderte am Donnerstag in Berlin Konsequenzen.

Die Bundesvorsitzende von Bündnis90/Die Grünen, Claudia Roth, spricht in Berlin bei einem Pressetermin vor der Sitzung des Bundesvorstands
Bildrechte: Steffi Loos/dapd

Es ist an der Zeit, Herrn Reiprich von seinem Amt zu entbinden.

Claudia Roth Gemeinsame Erklärung der Grünen-Fraktionssprecher für Kulturpolitik Erhard Grundl

Die Stiftung brauche Verantwortliche, "die die Macht und Bedeutung von Sprache in ihrer Alltagsarbeit sowie den entsprechenden Umgang mit der Singularität der Verbrechen der Nationalsozialisten verstanden haben", betonten die Politiker. Reiprich sei "seinen Aufgaben und der damit einhergehenden erinnerungspolitischen Verantwortung nicht gewachsen".

Reiprich hatte am Montag mit Blick auf die Ausschreitungen gegen Polizisten und Plünderungen in der Nacht zum 21. Juni in Stuttgart getwittert: "War da nun eine Bundeskristallnacht oder 'nur' ein südwestdeutsches Scherbennächtle?" Einen Tag später sorgte er mit einem Tweet, in dem er weiße Menschen als bedrohte Minderheit darstellte, für weiteres Aufsehen.

Tweets "untragbar" und "geschichtsvergessen"

Der Sprecher der sächsischen Landesarbeitsgemeinschaft, Uwe Hirschfeld, bezeichnete die Tweets als "untragbar". Der Vergleich der Stuttgarter Ausschreitungen mit den staatlich organisierten und gelenkten Novemberpogromen der Nationalsozialisten von 1938 sei "in hohem Maße geschichtsvergessen und relativiert die Verbrechen des NS-Regimes".

Die Aufgabe eines Geschäftsführers der Stiftung Sächsische Gedenkstätten sei es, das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus aufrechtzuerhalten. "Jemand, der nicht nur mit fragwürdigen Vergleichen argumentiert, sondern durch das Verbreiten rassistischer Versatzstücke von einer künftigen angeblichen 'weißen Minderheit' rechte Diskurse stärkt, ist dieses Amtes nicht würdig", so Hischfeld, der auch Ratsmitglied der Stiftung Sächsische Gedenkstätten ist.

Stiftungsrat will sich zeitnah mit Fall beschäftigen

Sachsens Kulturministerin Barbara Klepsch (CDU) hatte sich bereits am Mittwoch von Reiprichs Tweets distanziert: "Der angedeutete Vergleich zwischen den jüngsten Krawallen in Stuttgart und den NS-Pogromen 1938 verkennt die Wesensmerkmale von politischer Gewaltherrschaft. Das widerspricht klar dem Sinn der Gedenkstättenarbeit." Klepsch ist Vorsitzende des Stiftungsrats der Sächsischen Gedenkstätten. Dieser werde sich zeitnah in einer Sitzung mit dem Fall beschäftigen, so die Ministerin. Der Direktor der Landeszentrale für politische Bildung, Roland Löffler, der ebenfalls Mitglied im Stiftungsrat ist, zeigte sich im Gepräch mit MDR SACHSEN entsetzt über den Begriff "Bundeskristallnacht" und Reiprichs Geschichtsbild.

Reiprich hatte vor einer Woche angekündigt, dass er seinen ursprünglich bis 2022 laufenden Dienstvertrag vorzeitig zum 30. November 2020 beenden wolle.

Quelle: MDR/epd/kna/rad

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN 24.06.2020 | 20:15 Uhr | MDR AKTUELL

10 Kommentare

aus Elbflorenz vor 4 Wochen

Letztlich geht es darum, wer die Nazikeule schwingen darf. Gewisse politische Kreise meinen selber ein Monopol auf diese zu besitzen und wollen dem politischen Gegener, gleichzeitig das Monopol zuweisen, diese auf den Kopf geschlagen zu bekommen.

emlo vor 4 Wochen

"...oder sprechen die plötzlich alle fremdländische Sprachen?" - Sie kennen doch vielleicht noch den Werbespruch "Wir können alles, außer hochdeutsch". Vielleicht waren es also doch mehrheitlich Schwaben, wer weiß?

Der Matthias vor 4 Wochen

"Einen Horst Mahler als Leugner zu beschimpfen und 10 Jahre wegzusperren, weil er eine politisch gewünschte Sicht zum Holocaust in Frage gestellt hat - genau das sind die Methoden, die den Nazis vorgeworfen werden."

Mahler hat nicht "in Frage gestellt", wie Sie es euphemistisch nennen, sondern ist ein mehrfach rechtskräftig verurteilter Holocaust-Leugner und bekennender Neonazi. Das Abstreiten von millionenfachem Mord durch die Nazis hat im Übrigen auch nichts mit einer "Meinung" zu tun, sondern ist schlicht eine Dummheit wider besseres Wissen.
Ihr Rechtfertigungsversuch lässt tief blicken und spricht für sich! Erschreckend, dass dieser Ungeist in Deutschland immer noch sein Unwesen treibt und selbst in Foren wie diesen noch ungehindert seine perfiden Botschaften verbreiten kann.

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