Transparent hängt an Gartenzaun
Im Lößnitzer Ortsteil Affalter gingen im April 2017 die Eltern vieler Grundschüler auf die Barrikaden. Der Grund: Der örtlichen Schule drohte die Schließung. Bildrechte: MDR/André März

Zukunft im ländlichen Raum Wo sind all die Schulen, Bahnstrecken und Sparkassen hin?

Weniger Schulen, weniger Bahnlinien, weniger Sparkassenfilialen: Landlust statt Landfrust - Gibt es eine Zukunft abseits der großen Städte? Das fragte Moderator Andreas F. Rook am Montagabend bei "Fakt ist!" seine Gäste Thomas Schmidt, Landwirtschaftsminister Sachsen (CDU), die Grünen-Landtagsabgeordnete Franziska Schubert, die Bürgermeisterin von Seifhennersdorf Karin Berndt sowie Joachim Ragnitz, stellvertretender Leiter des ifo-Instituts Dresden.

von Friedrike Schicht, Sandra Thiele und Katrin Tominski

Transparent hängt an Gartenzaun
Im Lößnitzer Ortsteil Affalter gingen im April 2017 die Eltern vieler Grundschüler auf die Barrikaden. Der Grund: Der örtlichen Schule drohte die Schließung. Bildrechte: MDR/André März

Die Infrastruktur und Versorgung außerhalb der kreisfreien Städte Dresden, Leipzig und Chemnitz ist seit der Wiedervereinigung stark abgebaut worden. Das haben Recherchen von "Fakt ist!" ergeben. Demnach gibt es in Sachsen heute 684 Schulen weniger als noch kurz nach der Wiedervereinigung im Jahr 1993. Über die Hälfte davon sind Grundschulen. Das geht aus Zahlen des Kultusministeriums Sachsen hervor.

Zum Vergleich: In Sachsen-Anhalt verschwand nach Angaben des Bildungsministeriums Sachsen-Anhalt sogar jede zweite Schule außerhalb der Großstädte - hier gibt es insgesamt 710 Schulen weniger als im Jahr 1993. Allerdings halbierte sich dort auch die Schülerzahl um über 50 Prozent. In Thüringen gibt es heute 444 Schulen weniger. Bei den Angaben handelt es sich um den Saldo zwischen geschlossenen und neu errichteten Schulen.

Nicht so viele Menschen gegangen wie prognostiziert

"Die Prognosen in den 90er Jahren waren anders. Wahrscheinlich würden heute einige andere Entscheidungen getroffen", sagte Sachsens Landwirtschaftsminister Thomas Schmidt (CDU) in Bezug auf die abgebaute Infrastruktur abseits der Großstädte. "Der Weggang ist nicht so stark eingetreten wie prognostiziert worden ist." Selbst im reinen ländlichen Raum, in den Dörfern, habe sich der Rückgang der Bevölkerung in den vergangenen drei Jahren halbiert. Schmidt fügte hinzu: "Wir sind in Sachsen dichter besiedelt als in Bayern. Die Wege in Sachsen sind trotzdem nicht vergleichbar wie in Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern."

Schubert: Mit Schulschließungen Orten die Zukunft genommen

Das kann die Grünen-Landtagsabgeordnete Franziska Schubert nicht so einfach gelten lassen. "Es sind über viele Jahre Dinge ausgesessen worden", sagte Schubert in der Sendung. Mit den Schulschließungen hat man den Orten ihre Zukunft genommen." Sie selbst habe die Schließung ihres Gymnasiums politisiert. Schubert verwies auf einen weiteren Aspekt. Es gehe nicht nur um die Schule, sondern den gesamten Bereich für Jugendliche. "Was an Jugendtreffs und präventiver Jugendarbeit gekürzt wurde, bekommen Sie nicht so schnell wieder korrigiert.

Fehlende Gelder für Jugendarbeit

"Diese Auswirkungen spüren wir heute", erklärte die Bürgermeisterin von Seifhennersdorf Karin Berndt. Diese Jugendlichen stünden heute in Ostritz. In dem kleinen Ort hatte erst am vergangenen Wochenende ein Neonazi-Festival stattgefunden. Berndt erklärte: "Seifershennersdorf hat noch nicht einmal mehr 5.000 Euro im Jahr für präventive Jugendarbeit. Das sind keine Arbeitsbedingungen mehr."

Über 700 Kilometer stillgelegte Bahnstrecken

Der Abbau der Infrastrukturen rund um mittelgroße und kleine Städte sowie Dörfer  betrifft jedoch nicht nur Schulen und Einrichtungen für Jugendliche. Auch die Mobilität hat nach "Fakt ist!"- Recherchen empfindliche Einschränkungen erfahren. In Sachsen sind nach Angaben des Eisenbahn-Bundesamtes und des "Schienenpersonennahverkehr Deutschland" seit 1990 über 700 Kilometer Bahnstrecke stillgelegt worden. Verbindungen auf insgesamt 39 Strecken wurden eingestellt und sind heute nicht  mehr verfügbar. In Sachsen-Anhalt sieht es ähnlich aus, hier wurden 46 Strecken vom Netz genommen. In Thüringen gibt es 34 Bahnstrecken weniger.

Eine verlassenes Haus 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Per Fuß nach Tschechien, um in den Zug zu steigen

Schlechte und schwindende Bahnanbindungen - das Problem kennt die Seifershennersdorfer Bürgermeisterin Karin Berndt nur zu gut. In dem kleinen Ort müssen Menschen zu Fuß oder mit dem Fahrrad in den tschechischen Nachbarort, um überhaupt in den Zug einsteigen zu können. Wegen technischer Mängel werde der Bahnhof Seifershennersdorf nicht mehr angefahren.

Berndt: "Unhaltbarer Zustand"

"Wir haben alles versucht. Es fährt kein Zug, es funktioniert gar nichts", erklärte Berndt. "Alle sehen, es ist ein unhaltbarer Zustand. Das einzige, was wir erreicht haben, ist das die Bahnlinie nicht komplett vom Netz genommen wurde." Die Bürgermeisterin kann den Frust der Einwohner verstehen: "Die Bürger wollen die Dinge nicht mehr hören. Sie sehen die Fakten und die sind: der Ort ist abgehängt."

357 Sparkassenfilialen in Sachsen geschlossen

Weniger Schulen, fehlende Bahnstrecken. Auch das Netz der Bankautomaten hat sich spürbar ausgedünnt. In Sachsen sind nach Angaben des ostdeutschen Sparkassenverbandes seit dem Jahr 2000 insgesamt 357 Zweigstellen geschlossen worden. Das ist jede dritte Filiale auf dem Land. Am härtesten traf es hier Thüringen. Dort wurde mehr als jede zweite Filiale geschlossen (-54,4%). Insgesamt gibt es heute 725 Sparkassen-Zweigstellen in ganz Mitteldeutschland weniger als noch im Jahr 2000.

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR FERNSEHEN | FAKT ist! | 05.11.2018 | 22:00 Uhr
MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Dienstags direkt | 06.11.2018 | 20:00

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Zuletzt aktualisiert: 06. November 2018, 14:19 Uhr

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12 Kommentare

08.11.2018 14:09 Werner 12

@Mediator: Auf Nachweise von Doppelmoral, Scheinheiligkeit und "Anpassung" von Zahlen durch, und von der Regierung, reagieren Sie ausgesprochen empfindlich. Im offensichtlich absichtlichen "nur die Hälfte lesen", absichtlich nur die Hälfte verstehen wollen, und dann Antworten auf Ihre "Lieblinge", als die eigentliche Aussage umzulenken, sind Sie immer ausgesprochen gut. Respekt. Da kann ich leider nicht auf eine Ausbildung in Journalistik, Politik, Medien oder Ähnliches in dieser Richtung zurückgreifen. Werfe daher das Handtuch. Bildlich!, und nicht als personlicher Angriff.

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07.11.2018 16:26 Mediator an Werner (9+10) 11

Eigentlich disqualifizieren sie sich selbst von Beginn an mit ihren Verschwörungstheorien bezüglich der Arbeitslosenzahlen und anderen. Irgend ein Troll greift das übrigens jeden Monat auf, wenn der MDR die aktuellen Statistiken veröffentlicht. Die Kriterien für die AL-Statistik sind transparent und manche Leute fallen da eben nicht rein.

Ansonsten das übliche: Den Klimawandel leugnen bis man zu Fuß über die Elbe gehen kann und der dumme Staat soll doch einfach weniger Steuer auf Kraftstoff erheben und schon gibt es keine Probleme mehr mit internationalen Verknappungskrisen beim Öl.

Denken sie vielleicht einmal ernsthaft darüber nach, welche Infrastruktur für den ländlichen Raum unabdingbar ist um attraktiv zu bleiben und wie man diese finanzieren kann. Geld wird übrigens an vielen stellen verschwendet. Wenn ich z.B. an die Personalkosten bei der Polizei denke, dann kommen uns z.B. die Dresdner Wutbürger am Montag und irgendwelche Neonaziaufmärsche teuer zu stehen.

07.11.2018 11:59 Werner 4 10

@Mediator 8: Das ist zwar sehr schlecht für die Umwelt, aber sehr gut für die Regierung. Die muss ja zur Ablenklung wiederum jeden Tag auf die Gefahr des "Klimawandels" durch den hohen Kraftstoffverbrauch gebetsmühlenartig hinweisen. Mit den Folgen und Bedrohung durch steigende Kosten mit CO2-Ablasshandel und steigenden "Umlagen", insbesondere für die Verdopplung des Strom(end)preises, und alles Mögliche, was man der Masse als Steuern, und evtl. neue Steuern, aus dem Kreuz ziehen kann.... Das ist wiederum sehr schlecht für die Binnennachfrage, und die daran hängende Konjunktur eines Bundeslandes für wiederum den Länderfinanzausgleich, aber das ist nun auch noch egal....

07.11.2018 11:46 Werner Teil 3 9

@Mediator 8: Die "offiziellen" Arbeitslosenzahlen sind ausserhalb jeder Diskussion - auch der Armutsbericht wurde nachweislich "angepasst", was man bei anderen Regierungen, die weniger beliebt sind, "Fälschen" und "Lügner" nennt. Natürlich ist das "ehrenwert", und insbesondere sehr naiv. Deshalb das "?" in meinem Beitrag. Die Wahrscheinlichkeit geht gegen Null, dass diese Regierung mit dem FM Scholz (SPD und "HSH-Pleite-von-Nichts-gewusst-Haber") auf die Gewinne der Bahn verzichten will, weil man Geld für Investitionen für die "Nichtsowichtigen" ausgeben, und dabei gleichzeitig auf die sprudelnden ca. 70% Steuereinnahmen aus dem Umsatz des Kraftstoffverbrauchs für lange Arbeitswege verzichten soll. Niemals.

06.11.2018 21:32 Mediator 8

Komisch dass hier so getan wird, als ob Geld im Osten noch nie eine Rolle gespielt hätte. Nur zur Erinnerung: 2005 lag die Arbeitslosenquote in Ostdeutschland bei über 20% und die Bevölkerung ging von 4,78 Millionen im Jahr 1990 auf 4,06 Millionen Ende 2014 zurück. Um wie viele Prozente die Bevölkerung in Sachsen geschrumpft ist, dass kann sich jeder selbst ausrechnen.

Warum aber sollte die Infrastruktur, trotz großer Finanznöte des Bundeslandes Sachsens und teilweise auch des Bundes, nicht analog zum Bevölkerungsrückgang angepasst werden? Nur zur Erinnerung: Schulgebäude kosten Geld und Firmen in der Fläche brauchen Kunden um Gewinne zu erzielen und ihre Angestellten zu bezahlen.
Natürlich wird das Land im Vergleich zur Stadt damit immer weniger attraktiv.

Sicher ist es ehrenwert wenn man mehr Infrastruktur bereitstellen will, aber dann muss man auch sagen wie man das finanzieren will. Sachsen bezieht für seinen Haushalt massive Leistungen von Bund und anderen Ländern.

06.11.2018 15:09 ReneS (Kitzscher) 7

Das ist die in Sachsen das Resultat von 28 Jahre CDU Regierung und sparen bis zum Schluss.
Das Ende ist aber noch nicht erreicht. Bereits beschlossen wurde, die nächste große Gebührenerhöhung (Abfallwirtschaft), die ab 2020 im Leipziger Land in Kraft tritt, ja schon mal vorab. Der Landrat (Henry Graichen) - CDU - ist ein Beispiel dafür, dass man außer den Leuten in die Tasche zu greifen, es immer noch nicht begriffen hat. Da kann der MP in Sachsen reden wie und mit wem er will. Vielleicht sollte er mal den großen Besen aus dem Keller holen und mal kräftig in seiner Partei in Sachsen durchfegen.
Viel Zeit hat er aber dafür nicht mehr, ich jedenfalls merke mir die Leute / Parteien die mir in die Tasche greifen wollen gut und zu den nächsten Wahlen gehe ich auf jeden Fall!

06.11.2018 14:20 Werner Teil 2 6

Entweder man nimmt lange Arbeitswege mit hohen Kosten in Kauf, oder man zieht in die aktuellen Ballungszentren. Einmal haben die Spritpreise (mit ca. 70% Steueranteil!) dieses Jahr wieder horrend angezogen, und einmal sind die Mieten explodiert. Wie man es macht, ist es falsch, und die Abzocke beginnt. Irgendwann kann das so nicht mehr funktionieren. Die Gesellschaft ist mit ihrem Geldkreislaufsystem wie ein Getriebe. Auf dem Land sind der Reihe nach Antriebswellen und Zahnräder ausgefallen. Dabei ist jeder Bewohner gleichzeitig "Verbraucher" bei Essen, Trinken... Gaststätte, Friseur - und der Friseur, Arzt.. bezahlt wiederum Gaststätte... Handwerker, Bank... alle sind "Zahnrad" - bisher gewesen.

06.11.2018 13:52 Werner Teil 1 5

Habe die Sendung nicht gesehen, da aktuell Montags meine Frau, die keinen Bauer sucht, auf ihre "Richtlinienkompetenz" pocht. Kleiner Scherz. Guter und sachlicher Artikel, der ohne "Schönreden", oder Auslassen, einen Ist- Zustand beschreibt. Ohne genauen Ist-Zustand, kein Soll-Zustand - der dann einigermaßen funktioniert, wie man es plant/wünscht. Die Menschen zieht es dahin, wo sie Arbeit finden - um Geld verdienen zu können. In die ländlichen Gebieten sollte wieder Industrie und Mittelstand. Auch mit Fördermitteln und Steuervergünstigungen- bei anderen Dingen ist auch Geld ohne Ende da, und Steuern steigen rasant. Sogar bei den Rentnern immer mehr.... Da hängt es aber schon wieder an nicht mehr vorhandenen Zugverbindungen, wobei der Staat Miteigentümer der Bahn AG ist, und theoretisch mitbestimmen könnte - wenn er wollte(?).

06.11.2018 11:12 August der Labsche 4

Ich finde diese Berichte immer ziemlich frech. Seit Jahren regt sich der Ossi auf, daß Schulen, Sparkassenfilialen und Bahnlinien dicht gemacht werden und wird dafür als Jammerossi bezeichnet, der die massiven Investitionen in seine Infrastruktur mit Mitteln des Länderfinanzausgleichs nicht zu schätzen weiß. Kein Jahr verging, daß nicht irgendein Ort gegen die Schließung der Grundschule demonstriert hätte. Und jetzt auf einmal heißt es, eine Fernsehsendung (!) habe herausgefunden, daß ... So schön es ist, daß man die Darstellung jetzt mit konkreten Zahlen unterfüttert, aber neu ist das doch nicht? Im übrigen ist ja wohl die Frage, was wir aus diesen Feststellungen ableiten. Der VVO wird deshalb noch immer nicht alte Bahnlinien reaktivieren, das Bildungsministerium keine alten Schulen wieder reaktivieren. Was haben wir also davon, daß wir gesagt bekommen, was wir schon wußten?

06.11.2018 09:38 maheba 3

Ich würde eine Steuerentlastung für Bewohner auf dem Land vorschlagen. Wir benötigen einen Zweitwagen um flexibel zu sein, zahlen sehr hohe Kosten im Nahverkehr (soweit überhaupt vorhanden oder zumutbar) im Vergleich zu den Stadtbewohnern. Haben höhere Lebenshaltungkosten, kaum Auswahl bei der Grundversorgung, ...
Bitte nicht mit Argumenten wie höhere Mieten usw. kommen. Es gibt auch Eigentum in den Städten.

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