Sachsen Sachsen will den Abschuss auffälliger Wölfe erleichtern

Jeder Wolf bekommt eine zweite Chance. Tötet er zum wiederholten Mal Schafe oder Ziegen, kann er zum Abschuss freigegeben werden. Das sieht die neue Wolfsverordnung Sachsen vor. Den ersten Entwurf hat Landwirtschaftsminister Thomas Schmidt am Mittwoch präsentiert.

Der Freistaat Sachsen schließt den Abschuss von Wölfen nach Angriffen auf Schafe und Ziegen nicht weiter aus. Das geht aus dem ersten Entwurf der sächsischen Wolfsverordnung hervor, die das Landwirtschaftsministerium am Mittwoch vorstellte. Konkret heißt es dort: "Sollte ein Wolf in einem Gebiet mit landwirtschaftlicher Schaf- und Ziegenhaltung von erheblichem Umfang zweimal verbindlich festgelegte Schutzmaßnahmen überwinden und Schafe oder Ziegen töten, können Wölfe entnommen werden." Das heißt de facto: Reißen Wölfe durch Zäune geschützte Schafe und Ziegen, können sie nach einer Wiederholungstat abgeschossen werden. Bislang mussten die Tiere zweimal die dieselbe Schaf-oder Ziegenherde angegriffen haben, ehe die Ausnahmegenehmigung für einen Abschuss beantragt werden konnte. Nach dem neuen Entwurf ist es egal, aus welcher Herde die getöteten Tiere stammen. Zuletzt lebten in Sachsen 18 Wolfsrudel und vier Paare. Bis zum Oktober meldete das Wolfsmanagement insgesamt 192 durch Wölfe getötete Tiere - darunter 140 Schafe und Ziegen, ein Rind und einen Hund. Die Verordnung soll nach weiteren Anhörungen im März 2019 in Kraft treten.

Wölfe dürfen vergrämt werden

Die Verordnung regelt auch: Erwachsene Wölfe sollen vergrämt - also aus dem Revier verscheucht - werden, wenn sie sich in der Nähe von Siedlungen aufhalten oder Menschen mehr als hundert Meter nähern. "Sachsen war das erste Bundesland, in dem sich Wölfe vor mehr als 20 Jahren selbständig wieder angesiedelt haben", heißt es in dem Papier. Seitdem gebe es immer wieder "erhebliche Schäden durch Wolfsrisse in Nutztierherden". Selbst in Ortslagen würden einzelne Tiere gesichtet. Die Verordnung solle nun den Umgang mit dem Wolf "rechtssicherer und effizienter" gestalten und die Unterstützung für Tierhalter verbessern. Ziel sei es, das Leben mit dem Wolf "so konfliktarm wie möglich zu gestalten".

Sendehalsband soll Aufenthalt der Wölfe anzeigen

Drei Wölfe im winterlichen Polen.
Bildrechte: imago/McPHOTO/Ingo Schulz

Um genaue Kenntnisse über Aufenthaltsort und Bewegungsmuster der Tiere zu bekommen, will Sachsen Wölfe mit einem Sender ausstatten. Ziel es laut Umweltministerium, mindestens einen Wolf pro Rudel mit einem solchen Halband zu versehen. Zudem sollen Zuständigkeiten gebündelt werden. Rissbegutachtung, Tierhalterberatung, Prävention und Öffentlichkeitsarbeit werden beim Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie angesiedelt. Für die Vergrämung und den Abschuss der Wölfe bleiben Landkreise und Kreisfreie Städte zuständig. Neben den kommunalen Spitzenverbänden und den anerkannten Naturschutzvereinigungen sollen zur Genehmigung der Verordnung auch die Mitglieder des Wolfsplenums angehört werden.

Scharfer Gegenwind vom BUND

Scharfer Gegenwind weht dem Landwirtschaftsministerium vom Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) Sachsen entgegen. "Der Entwurf ist mit dem naturschutzrechtlichen Schutz der Wölfe nicht vereinbar", erklärt der Vorsitzende Felix Ekardt. "Dem Wolf ist Respekt entgegen zu bringen. Ebenso muss der Respekt des Wolfes vor dem Menschen aufrechterhalten werden. Das erreichen wir nicht, indem wir aus diffusen Gründen ganze Rudel ausrotten.“

BUND: Wölfe lieber in Gehege als Abschuss

Felix Ekardt bei MDR KULTUR trifft mit Moderator Vladimir Balzer
Felix Ekardt, Vorsitzender des BUND Sachsen Bildrechte: MDR/Olaf Parusel

In einem Positionspapier fordert der BUND die Landesregierung auf, den Wolf aus dem sächsischen Jagdrecht zu entfernen. Stattdessen solle das Tier ausschließlich dem Naturschutzrecht unterstellt werden. Entsprechend dem Papier müsse "Entnahme" wörtlich genommen und auffällige Wölfe in Gehegen untergebracht werden. Zudem plädierte Ekardt dafür, die Debatte zu versachlichen - mit objektiver Aufklärung, wissenschaftlichem Monitoring, "klaren Voraussetzungen für Eingriffe als letztes Mittel" und unbürokratischer Unterstützung von Tierhaltern. Laut einer Forsa-Umfrage vom März 2018 verbanden 55 Prozent der Befragten mit dem Wolf positive und nur zwölf Prozent negative Gefühle.

Grüne: Keine Märchen über den bösen Wolf

Scharfe Kritik kommt von den Grünen. "Der Entwurf atmet den Geist der Wolfsabschusskampagne der CDU", erklärt Wolfram Günther, Vorsitzender der Grünen-Fraktion im sächsischen Landtag. "Diese Wolfsverordnung ist Mumpitz. Etliche Passagen des Entwurfs sind völlig unbestimmt und schießen weit über das Ziel hinaus." CDU und SPD sollten Lösungen für die Probleme der Weidetierhalter finden, anstatt Märchen über den bösen Wolf zu erzählen. "Umweltminister Schmidt hat sich von der naturschutzfachlichen Arbeit verabschiedet. Ministerpräsident Kretschmer und seinem Minister geht es um eine unverantwortliche, populistische Kampagne", kritisiert Günther. Er forderte eine Wolfsverordnung, die sich "fachlich korrekt am Verhalten der Einzeltiere orientiert und keinen Abschuss in die Rudel hinein".

Förderung von Schutzmaßnahmen Sachsen wird Schutzmaßnahmen für Schafe, Ziegen und Gatterwild mit Hilfe der EU künftig zu 100 Prozent fördern. Tierhalter können ab sofort wählen, ob sie die volle Förderung beantragen und warten bis die EU-Förderzusage in etwa drei Monaten vorliegt. Brauchen sie das Geld früher, können sie nach den aktuellen Fördersatz von 80 Prozent der Nettokosten beantragen. Seit 2015 hat Sachsen über 1.400 Maßnahmen mit etwa 1,1 Millionen Euro gefördert.

Quelle: MDR/kt

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 18.12.2018 | ab 16:00 Uhr in den Nachrichten
MDR SACHSENSPIEGEL | 18.12.2018 | 19:00 Uhr

AKTUELLES AUS SACHSEN

Zuletzt aktualisiert: 19. Dezember 2018, 10:43 Uhr

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11 Kommentare

21.12.2018 08:52 Sascha10 11

Mit dem in Bezug auf Artenschutz außerhalb von Canis lupus erweist sich die Wolfspolitik der Grünen offensichtlich als Tierliebe zum einzelnen Tier, was nichts anderes ist als infantiler Artenschutz. Die Grünen haben mit den Aussagen von W.G. endlich den Bezug zur Landbevölkerung verloren und sind offensichtlich Gegner der historischen bäuerlichen Kulturlandschaft mit ihren positiven Wirkungen auf stark gefährdete Offenlandarten. Herr W.G. sollte sich um seine Balkontomaten kümmern und nicht weiter den Grünen politischen Schaden zufügen. Schade um diese Partei.

21.12.2018 04:34 G.Schmitz an Faktenfreund 10

Sie selbst sind ein Teil der Natur und schreddern Ressourcen und wollen doch nur auf den Wolf ablenken, weil Ihre Bedürfnisse 2,5 Erden benötigen.

19.12.2018 12:29 Faktenfreund 9

Der Wolf erfüllt keines der geforderten Kriterien einer bedrohten Art. Auch der Erhaltungszustand der deu/poln/balt. Population ist seit Jahren übererfüllt, der Schutzstatusfehler von 1992 kontraproduktiv. Die Population wächst jährlich um 33 %, und zerstört sich hier genetisch durch Verpaarung mit europäischen Hunden, rottet sinnlos andere bedrohte Arten aus, wird der Kulturlandschaft und damit der Biodiversität erheblich schaden. Der Wolf schadet Umwelt mit Tiermassakern, Zäunen und Baumaßnahmen, und der Gesellschaft mit Leid u. Hass. Andere Länder halten Wölfe so kurz u. scheu wie möglich in ihren riesigen Rückzugsgebieten, wie wir sie nicht haben. Diese Art benötigt nicht Schutz durch Anhang IV der FFH Richtlinie, sondern täglich 4,2 kg Fleisch je Exemplar und das kann in unserem Nutzflächengebiet bald nicht flächendeckend reproduziert werden. Als noch Gleichgewicht zwischen Beutedichte und Wolf bestand, starben in Europa tausende Bürger (Studie Prof Moriceau, Univ Caen, 2017)...

19.12.2018 09:59 Problemwolf 8

Warum soll der Wolf abgeschossen werden? Es ist doch ein völlig normales Verhalten wenn er sich Tiere holt. Dummerweise auch Nutztiere, er weiß doch nicht daß das verboten ist. Wenn nicht ordentlicher Herdenschutz betrieben wird, sucht er sich nun mal die leichtere Beute. Er ist genau so faul wie wir alle. Das Einfachste wird gemacht. Und wenn er mal nahe oder durch einen Ort läuft, dann macht er das nur, weil wir allen Tieren ihren Lebensraum weiter zubauen. Das hier in Sachsen, gerade Kreis Bautzen, so massiv gegen den Wolf gehetzt wird, wirft ein schlechtes Licht auf die Jäger. Einige haben selber Nutztiere und haben natürlich Angst ihre Tiere zu verlieren. Oftmals sind es Menschen die es nur als Hobby betreiben, Nebenverdienst ist scheinbar schön. Aber dann muss ich auch vernünftig schützen. Wie wäre es denn wenn sie nachts in den Stall kommen? Das ist möglich, kenne ich selbst aus der Verwandtschaft. Unsere Geflügel hätte sonst der Fuchs geholt. Leider sind Menschen Egoisten.

18.12.2018 21:45 MeisterPetz 7

Natürlich kann Ekardt mit seinem Wohnsitz in Leipzig die Aufregung um den Wolf in den ländlichen Regionen Sachsens nicht richtig nachvollziehen. Sein Wohnort ist ja auch alles andere als ein typischer Lebensraum für den wieder sesshaft gewordenen Wolf. Eine sehr arrogante, aber leider auch typische Sicht des Stadtbewohners auf das ach so "tumbe Land". Wie viele Gehege sollen es aus seiner Sicht beim aktuellen Wachstum der Population denn werden? Vielleicht sollte er sich als Vorsitzender des BUND Sachsen mal etwas mehr in der Natur als in der Großstadt aufhalten...
Die Sorgen der Tierhalter müssen ernst genommen werden. Es geht hier nicht um das "Märchen vom bösen Wolf", wie von den Grünen behauptet, sondern um einen zunehmende Anzahl an Tierrissen in den betroffenen Regionen.
Meiner Meinung nach gehört der Wolf dem Jagdrecht unterstellt. Was genau spricht dagegen, außer das seltsam gepflegte Kuscheltierimage?

18.12.2018 19:43 Jimmy 6

@ peter , "Nicht der Wolf, der Mensch ist das Problem hier."
Falls Sie ein Mensch sind, dann ziehen Sie doch weg von hier.

18.12.2018 19:26 Arno 5

Richtig, werter Peter,
In keinen anderen Land breitet sich die, spendengenerierende, Wolfpopulation so ungebremst und unreguliert aus wie in DE. Daher gibt es auch weniger Probleme.
Die Aussage des BUND Vorsitzenden ist grob fahrlässig: „dem Wolf ist Respekt entgegen zu bringen“. Offenbar ist ihm auch nicht bekannt (oder er blendet es einfach mal, ideologiekonform, aus), dass in Freiheit geborene Wölfe im Gatter elendig zugrunde gehen. Für ihn gilt analog zu Ihnen: keine Ahnung von nichts, aber Hauptsache mal ein Statement posten...

18.12.2018 18:11 Wolfgang Fix 4

Wölfe nach 2maliger Auffälligkeit abschießen?
Wer kann DEN auffälligen Wolf in einem Rudel zu 100% ausmachen und wiedererkennen. Wölfe jagen im Rudel ! Ich glaube, wir sind auf dem besten Weg, diese Tiere wieder auszurotten.
Wie wäre es denn damit, die Schafe etc. nachts im Stall zu halten? Da wäre das Problem über Nacht gelöst.

18.12.2018 17:49 peter 3

In keinem anderen Land gibt es Probleme mit dem Wolf. Dieses Theater in Deutschland geht mir auf den Geist! Lasst den Wolf in Ruhe, da wird auch nichts passieren. Nicht der Wolf, der Mensch ist das Problem hier.

18.12.2018 17:39 Mentor 2

Diese Wölfe sind nicht verhaltensauffällig, sondern sie verhalten sich völlig normal. Daß es in dicht besiedelten Kulturlandschaften zu Übergriffen auf Haustiere und auch zu Habituierung kommt, ist überhaupt nicht vermeidbar. Diese Probleme werden sich mit wachsendem Wolfsbestand weiter verschärfen. Und irgendwann wird es zwangsläufig auch zu Übergriffen auf Menschen kommen (siehe Jean-Marc Moriceau). Solche Angriffe hat es in der Vergangenheut natürlich auch in Deutschland gegeben.

Das gilt übrigens auch für die Hybridisierung. Wer es zuläßt, daß Wölfe sich in dicht besiedelten Gebieten ausbreiten, nimmt die unwiderrufliche Beschädigung deren Genpools in Kauf. Mit Naturliebe hat das nichts zu tun, höchstens mit Ideologie,.

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