13.12.2019 | 17:45 Uhr Expertin zu sexualisierter Gewalt in Sachsen: "Es findet immer statt. Überall."

Auch wenn Weihnachten viele Familien heile Welt spielen: Die Expertinnen der AWO-Fachstelle "Shukura" zum Schutz für Kinder wissen, sexualisierte Gewalt gegenüber Kindern bleibt auch an den Feiertagen ein großes Problem. Warum das so ist und wie Außenstehende betroffenen Kindern helfen können, erklärt die Sozialpädagogin und Kriminologin Laura Grützner im Interview mit MDR SACHSEN .

Ein junges Mädchen steht am Ende eines dunklen Flures.
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Frage: In der Vorweihnachtszeit sind die Familienkulissen oft wunderschön. Trotzdem brodelt es hinter den Kulissen. Ist es tatsächlich so, dass die Weihnachtszeit eine besondere Zeit ist bei sexualisierter Gewalt?

Laura Grützner: Die Weihnachtszeit ist, glaube ich, generell eine Krisenzeit für viele Leute. Eine Zeit, in der man sich viel mit Familiennähe und Liebe beschäftigt, mit den Personen, die einem nahe stehen. Es ist auch eine Zeit, in der sich Kinder durchaus häufiger zu dem Thema äußern. Es ist auch nachvollziehbar, wenn wir davon ausgehen, dass sexualisierte Gewalt vor allem in der Familie stattfindet oder im sozialen Nahraum. Dann die Vorstellung, über Weihnachten noch intensiver Zeit mit Tätern oder Täterinnen verbringen zu müssen, kann ein Anlass für Kinder sein, sich doch zu offenbaren.
Das Phänomen kennt man zum Beispiel vor großen Schulferien, wenn die Kinder wissen, dass nun noch die Schule als möglicher Schutzraum wegfällt. Das ist oftmals ein Anlass, einer Person davon zu berichten. Letztendlich muss man aber sagen: sexualisierte Gewalt findet immer statt. Das ganze Jahr über, jeden Tag in Deutschland, überall, in großen Städten, in Kleinstädten. Deswegen ist es immer ein aktuelles Thema.

Ist sexualisierte Gewalt an Kindern im häuslichen Umfeld das größte Problem ?

Wir neigen zwar dazu, schnell an Fremdtäter und -täterinnen zu denken, also fremde Erwachsene, die Kinder ansprechen, locken oder entführen wollen. Diese Fälle gibt es. Die sind total dramatisch. Aber viel häufiger kommt sexualisierte Gewalt gegen Kinder in der Familie und im sozialen Umfeld vor. Durch Erwachsene, die die Kinder gut kennen, denen sie vertrauen und die sie meistens auch mögen. Dieses Vertrauen wird von den Erwachsenen ausgenutzt.

Wie kann man als Eltern einem kleinen Kind beibringen, dass es unterscheiden lernt zwischen: Mama und Papa ist lieb zu mir oder er tut mir etwas Schlimmes an?

Schatten von Händen einer erwachsenen Person und dem Kopf eines Kindes sind an einer Wand eines Zimmers zu sehen.
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Je jünger die Kinder sind, desto schwieriger ist das. Betroffene Kinder gehen oft davon aus, dass die Gewalt, die sie erfahren, normal wäre. Sie denken, das erleben alle Kinder so. Alle Eltern machen das so mit ihren Kindern. Da kann es eine wichtige Einordnung sein, zu wissen, das, was dir passiert, ist Gewalt. Das darf die Person nicht machen. Da geht es darum, den Strategien von Tätern und Täterin, die sie anwenden, denen andere Botschaften entgegenzusetzen. Die Täter und Täterinnen arbeiten daran, dass die Gewalt nicht aufgedeckt wird, dass die Kinder sich keine Hilfe holen und mit niemandem darüber sprechen. Sie setzen die Kinder massiv unter Druck.

Dem ist etwas entgegenzusetzen. Das Recht am eigenen Körper ist ganz zentral. Dass Kinder selbst entscheiden können, was für sie angenehm ist, was für sie unangenehm ist. Auch Dinge wie Hilfe holen, dass das Kinder dürfen. Kinder dürfen Nein sagen. Wenn dieses Nein nicht respektiert wird, wenn die Erwachsenen darauf nicht achten und trotzdem Kindern Gewalt antun, dann dürfen sich die Kinder Hilfe holen. Kinder dürfen auf ihre Gefühle vertrauen. Kinder können Situationen oft einordnen. Sie haben zumindest ein komisches Gefühl dabei. Sie finden Sachen peinlich, eklig, unangenehm. Aber die Täter und Täterinnen arbeiten natürlich daran, die Wahrnehmung des Kindes zu verschieben.

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Wie kann man sexuelle Gewalt erkennen?

Ein sexueller Missbrauch beginnt selten mit einer krassen Gewalthandlung. Oft tasten sich die Täter und Täterinnen schrittweise vor. Man spricht von einer schleichenden Sexualisierung. Das geht oft los mit komischen Blicken, Bemerkungen, komischen Komplimenten über den Körper des Kindes bis hin zu Berührungen. So werden Schritt für Schritt die Grenzen des Kindes verschoben. Für die Wahrnehmung ist es total wichtig, dass Kinder eine Einordnung bekommen, dass sexualisierte Gewalt verboten ist.

Wie erreichen Sie die betroffenen Kinder? Sie sind ja in der Familie, gehen vielleicht gar nicht den Kindergarten.

Es ist der häufigste Fall, dass die Täter-Person im engen Umfeld ist. Da sind die Kinder darauf angewiesen, dass es sonst im Umfeld aufmerksame Personen gibt. Dass es in Kitas, in Schulen, im Hort jemanden gibt, der einen besonderen Blick auf das Kind hat und der handelt, wenn ihm Sachen auffallen. Wenn das Kind Äußerungen oder Andeutungen macht oder sich im Verhalten verändert. Dass diese Person zumindest Gesprächsangebote liefert und dem Kind signalisiert: 'Wenn etwas passiert, dann kannst du zu mir kommen.'

Wenn ich den Verdacht habe, einem Kind wurde Gewalt angetan, welche Möglichkeiten habe ich, geschickt nachzufragen, ohne der Kinderseele noch mehr zu schaden?

Die Anzeichen sexualisierte Gewalt zu erkennen, sind bei Kindern sehr unterschiedlich. Leider hat man selten eindeutige körperliche Folgen oder Verletzungen beim Kind. Das hängt mit dem Vorgehen der Täter und Täterinnen zusammen. Oft wenden die keine körperliche Gewalt an. Ein Kind äußert auch selten etwas Eindeutiges. Das hängt damit zusammen, dass die Kinder stark unter Druck stehen. Ihnen wird durch ein Geheimnis Druck auferlegt. Die Täter erzeugen Schuldgefühle. Das macht es meistens unglaublich schwer, das Thema anzusprechen, gerade wenn es um Erwachsene geht, die die Kinder eigentlich mögen. Manchmal fallen Kinder dadurch auf, dass sie sich sexualisiert verhalten und sexualisiert sprechen, wo eindeutig ist, dass ein Kind dieses Wissen in dem Alter noch gar nicht haben kann. Oder die Kinder versuchen im Spiel das, was sie erleben, zu verarbeiten oder werden selbst übergriffig. Das könnten Hinweise auf sexuellen Missbrauch sein. Müssen es aber auch nicht.

Häufiger ist es so, dass die Kinder im Verhalten mit anderen Personen auffallen, dass sie auch psychische Auffälligkeiten haben. Dementsprechend ist dann individuell zu reagieren. Welche Zeichen, welche Signale sendet das Kind? Das kann total unterschiedlich sein. Es gibt auch Kinder, die lassen sich gar nichts anmerken. Kinder, die angepasst und unauffällig sind. Aber Kinder versuchen meistens, Signale nach außen zu senden. Die Schwierigkeit für Erwachsene ist es, diese Signale zu hören und einordnen zu können.

Kann ich mich als Laie in Ihrer Fachstelle informieren, wenn ich mir nicht sicher bin, ob ich eingreifen sollte?

Eine Puppe liegt auf dem Teppich.
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Wenn ich als Bezugsperson oder auch als Fachkraft einen Verdacht habe, ist es total wichtig, damit nicht allein zu bleiben. Wir als Shukura sind eine Anlaufstelle für Fachkräfte. Betroffene oder Angehörige verweisen wir an andere Stellen in Dresden. Aber dieser Punkt, genauer hinzuschauen und auf sein komisches Bauchgefühl zu hören, was man manchmal nicht so fassen kann. Ich hatte ja schon gesagt, sexueller Missbrauch fängt nicht mit einer krassen Missbrauchshandlung an. Missbrauch findet auch hinter verschlossenen Türen statt. Aber manchmal gibt das Situationen, macht man Beobachtungen oder hört Dinge, die ein Kind äußert, die ein komisches Gefühl wecken. Da ist es total wichtig, das ernst zu nehmen. Das ist oft ein Anlass, warum Fachkräfte zu uns in die Beratung kommen und sich Unterstützung von Fachleuten holen. Und dann, so schwer es auch ist, erst einmal Ruhe zu bewahren und das Handeln im Vorfeld gut zu planen. Damit man den Täter-Strategien selbst auch einen guten Plan entgegensetzen kann und gemeinsam überlegt: was kann getan werden, um das Kind zu schützen?

Wenn es um sexuelle Gewalt geht, sind oft Männer die Täter. Aber es gibt auch Täterinnen. Wie häufig sind Frauen Gewaltausübende?

Bei sexuellem Missbrauch von Kindern denken wir in erster Linie an Männer. Es gibt aber tatsächlich auch Frauen, die sexualisierte Gewalt gegenüber Kindern ausüben. Die Schätzungen gehen von ungefähr 20 Prozent aus. Es gibt aber auch moderne Ansätze, die sagen, die Hälfte der Täter sind Frauen. Vielleicht kommt das bei Frauen genauso häufig vor wie bei Männern? Wir haben die Frauen nur nicht auf den Schirm. Es ist für viele eine noch größere Zumutung, sich eine Frau als Täterin vorzustellen.

Quelle: MDR/kk

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 13.12.2019 | 11:11 Uhr

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