Im neuen Kreißsaal an der Universitätsklinik und Poliklinik für Geburtshilfe in Halle/Saale (Sachsen-Anhalt) überprüft die Hebamme Simone Scherer mit einem Holzstethoskop als Alternative zur Kardiotokographie die Herztöne des ungeborenen Kindes bei einer Schwangeren.
Der Bedarf an Hebammen ist in Sachsen nach wie vor hoch. Bildrechte: dpa

Hebammenverband warnt Zunehmender Mangel an Geburtshelfern in Sachsen

In Sachsen werden immer mehr Kinder geboren. Eigentlich ein Grund zur Freude, doch ausgebildete Hebammen sind im Freistaat Mangelware. Und die Situation könnte sich in den kommenden Jahren noch verschlimmern. Vor allem in den Städten.

Im neuen Kreißsaal an der Universitätsklinik und Poliklinik für Geburtshilfe in Halle/Saale (Sachsen-Anhalt) überprüft die Hebamme Simone Scherer mit einem Holzstethoskop als Alternative zur Kardiotokographie die Herztöne des ungeborenen Kindes bei einer Schwangeren.
Der Bedarf an Hebammen ist in Sachsen nach wie vor hoch. Bildrechte: dpa

Leipzig wächst: Allein in den vergangenen fünf Jahren nahm die Zahl der Geburten um 20 Prozent zu. Kamen 2013 noch 5.834 Kinder zur Welt, waren es 2017 schließlich 6.976. Seit 2014 werden so auch konstant mehr Kinder geboren als es Sterbefälle in Leipzig gibt. Im vergangenen Jahr lag der Überschuss bei 689 Kindern.

Eigentlich ein Grund zur Freude. Doch für viele werdende Mütter in Sachsen beginnt mit der Schwangerschaft die Suche nach einer Hebamme – und die ist in den vergangenen Jahren immer schwerer geworden, sagt Stephanie Hahn-Schaffarczyk, Vorsitzende des Sächsischen Hebammenverbands MDR SACHSEN. Sie fordert deshalb ein Umdenken in der Landespolitik.

Frau Hahn-Schaffarczyk, wie ist die Situation derzeit in Sachsen?

Stephanie Hahn-Schaffarczyk, Vorsitzende Sächsischer Hebammenverband
Stephanie Hahn-Schaffarczyk Bildrechte: Sächsischer Hebammenverband

Es gibt sachsenweit nach wie vor einen eklatanten Hebammenmangel, der regional unterschiedlich ist. Faszinierenderweise ist der Bedarf im ländlichen Bereich hoch, die Situation aber teilweise in den Großstädten noch ein wenig schlimmer. Das liegt daran, dass in den Großstädten Dresden, Leipzig, Chemnitz sehr viele Kinder geboren werden. Dort gibt es zwar viele Hebammen, die reichen aber trotzdem nicht aus. Und die Situation wird im Laufe der nächsten Jahre noch schlimmer werden, da viele Kollegen in Rente gehen, wir aber nicht mehr genügend neue Hebammen ausbilden. Daher wird sich der Mangel noch verschärfen.

Woran liegt das? Ist der Berufsweg nicht mehr attraktiv genug?

Der Beruf ist nach wie vor attraktiv und aus Gesprächen mit den Hebammenschulen wissen wir, dass es nach wie vor genügend Bewerber gibt. Aber aufgrund von zunehmenden Frühentlassungen nach der Geburt, was mit den steigenden Geburtenzahlen zusammenhängt, ist der Anspruch an die Hebammen gestiegen. Die Betreuung der Frauen nimmt zu. Früher war eine Mutter, nachdem sie entbunden hatte, fünf Tage in der Klinik, heute sind es nur noch zwei bis drei Tage nach der Geburt. Das heißt, die Hebammen kommen viel eher zum Einsatz und können dadurch nicht mehr so viele Frauen betreuen, wie sie es gerne würden. Dadurch entsteht der Hebammenmangel.

Wir brauchen Kinder in diesem Land. Aber es wiegt sich nicht mehr auf, es gibt einfach nicht mehr genügend Hebammen für die jungen Mütter, die sich trauen, Kinder zu bekommen.

Stephanie Hahn-Schaffarczyk Vorsitzende Sächsischer Hebammenverband

Wie könnte der Weg aus der Misere aussehen?

Einerseits muss die Menge der Ausbildungsplätze erhöht werden. Andererseits muss in Richtung Akademisierung gesteuert und es müssen genügend Studienplätze zur Verfügung gestellt werden. Da hängen wir in Sachsen derzeit sehr stark hinterher. Ich habe mir letzte Woche die Universität in Lübeck angesehen und mit der Professorin für den Hebammenstudiengang gesprochen. Die haben genügend Ausbildungsplätze, da sie ganz unkompliziert die Hebammenschule an die Universität angegliedert haben. Sie lassen jetzt die Ausbildung auslaufen und bieten dann ausschließlich Studienplätze an. Und das funktioniert: Die haben Zulauf, es gibt ganz viele Bewerberinnen auf die Studienplätze. Und sie haben zum Glück auch genügend wissenschaftliches Personal. Es ist wirklich ein Vorzeigestudiengang. Da sehe ich gerade in Sachsen das große Problem, da wir noch keine Professur ausgeschrieben haben, meines Erachtens nach auch noch kein Studienstandort bekannt ist. So werden wir Probleme mit dem wissenschaftlichen Personal bekommen, weil es so viele ja auch nicht gibt, die sich der Professur eines Hebammenstudiengangs widmen würden.

Welche Forderungen haben Sie an die Landespolitik?

Es drängt die Zeit. Ich möchte, dass Sachsen nun endlich mal in Fahrt kommt. Wir haben noch zehn Monate, bis die EU-Richtlinie, die 2013 beschlossen worden ist, umgesetzt werden muss. Meinem Kenntnisstand nach, gibt es noch keine Vorbereitungen. Zumindest sind wir als Hebammenverband in die Vorbereitungen nicht involviert.
Ich sehe auch die Gefahr, dass die Studentinnen in die umliegenden Bundesländer abwandern. Wer einmal weg ist, kommt meistens nicht zurück. Wenn wir deshalb jetzt nicht nachziehen in Sachsen und einen Studiengang einrichten, dann haben wir in vier, fünf Jahren noch weniger Kollegen, die frisch aus der Ausbildung kommen und dann den Hebammenmangel, der bis dahin noch ein Stück weit größer geworden ist, abfangen können.

Uns fehlt das wissenschaftliche Personal und das führt zur Abwanderung in die anderen Bundesländern. So könnte es zum Eklat kommen.

Stephanie Hahn-Schaffarczyk Vorsitzende Sächsischer Hebammenverband

Gibt es derzeit noch Hoffnung für werdende Mütter, eine Hebamme zu finden oder würden Sie jungen Müttern empfehlen, Sachsen zu verlassen?

Momentan geht es noch. Hebammen fällt es ganz schwer, Ablehnungen auszusprechen. Es gibt ganz viele Kollegen, die weit über ihre Kapazitätsgrenzen arbeiten, deutlich mehr Frauen annehmen, als sie es sonst eigentlich würden, da der Mangel so groß ist. Aber es geht um eine Investition in die Zukunft. Wenn jetzt nicht eingegriffen wird, wird es definitiv schlimmer werden.

EU-Richtlinie Die Berufsanerkennungsrichtlinie für Hebammen wurde im Jahr 2013 geändert. Dabei wurde insbesondere die Zugangsvoraussetzung zur Hebammenausbildung von zehn auf zwölf Jahre angehoben. Die Hebammenausbildung orientiert sich fortan als akademische Ausbildung an einem dualen Studium. Hintergrund ist, dass in allen EU-Mitgliedsstaaten außer in Deutschland die Hebammenausbildung an Hochschulen stattfindet. Dies soll sich bis zum 18. Januar 2020 ändern.

Quelle: MDR/lt

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR UM 4 | 27.02.2019 | 17:00 Uhr

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Zuletzt aktualisiert: 15. März 2019, 12:21 Uhr

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