Eine Anzeige weist auf eingestellten Zugverkehr hin.
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26.07.2018 | 17:27 Uhr Kein feiner Zug - der abgefahrene Streit um die Städtebahn Sachsen

Eine Anzeige weist auf eingestellten Zugverkehr hin.
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Auf den vier Städtebahn-Strecken fahren seit Donnerstagmorgen keine Züge mehr. Das Unternehmen gibt die Schuld daran anderen, so auch der Deutschen Bahn. Der Verkehrsverbund Oberelbe schießt scharf zurück. Worum es geht? Ein Überblick.

Dass die Städtebahn "ohne Vorwarnung" den Betrieb auf den Strecken Heidenau – Altenberg, Pirna – Neustadt – Sebnitz, Dresden –  Königsbrück und Dresden – Radeberg – Kamenz eingestellt hat, stößt auf viel Kritik. Der zuständige Wahlkreisabgeordnete Jens Michel (CDU) spricht von einem "Armutszeugnis des Unternehmens". Aber ist die Lage so eindeutig?

Wie begründet die Städtebahn ihre Entscheidung?

Man spricht von "externen Faktoren". Die Gleisanlagen befänden sich in einem schlechten Zustand, "insbesondere was die dortige Vegetation betrifft". Und das, obwohl die Städtebahn jährlich zehn Millionen Euro für die Nutzung der Trassen an die DB Netz AG bezahle. "Trotz jahrelanger Bemühungen seitens der Städtebahn Sachsen GmbH wurde hier seitens der DB Netz AG keine nachhaltige Abhilfe geschaffen."

Der schlechte Streckenzustand habe zu Problemen mit Alpha Trains, dem Vermieter der Züge, geführt. Durch häufige Kollisionen hätten Züge immer wieder Schäden genommen. Über die "Regulierung der Schäden" habe es "Diskrepanzen" gegeben. Alpha Trains habe den Mietvertrag am 17.7.2019 im Beisein des VVO gekündigt - die Züge sollten unverzüglich abgestellt werden. Dem folgte nach Angaben der Städtebahn eine rechtliche Auseinandersetzung - an deren Ende der Zug-Vermieter an der Kündigung des Vertrages festhielt. Der VVO sei als Auftraggeber der Städtebahn durchgehend davon in Kenntnis gewesen.

Was wird der Städtebahn vorgeworfen?

In der Kritik steht vor allem, dass die Städtebahn, den Bahnbetrieb "ohne Vorwarnung" und über Nacht eingestellt habe. Politiker - darunter der Abgeordnete des Wahlkreises Sächsische Schweiz-Osterzgebirge, Jens Michel (CDU), der Oberbürgermeister von Pirna - sowie der Verkehrsverbund Oberlebe (VVO), in dessen Auftrag die Städtebahn fährt, meldeten sich dahingehend zu Wort.

Auch das Sächsische Verkehrsministerium kritisierte das und lobt den VVO in einem Tweet als "beispielhaft": "Wir erwarten, dass der Betreiber unverzüglich den Betrieb wieder aufnimmt. Der #VVO bemüht sich beispielhaft um Lösung: organisiert Bus-Ersatzverkehr."

Der aktuellsten Pressemitteilung des VVO ist zu entnehmen, dass der Streit mit der Städtebahn eskaliert und inzwischen an einen Kleinkrieg erinnert. So habe die Städtebahn ihre Telefone auf VVO-Anschlüsse umgeleitet. Man habe dafür "kein Verständnis". Auch habe die Städtebahn die Schlösser an Büroräumen ausgetauscht , so dass Mitarbeiter nicht zu den Arbeitsplätzen gelangen könnten.

Wie reagiert die Städtebahn auf die Vorwürfe?

Die Städtebahn beteuert, bis zum Schluss immer gesprächsbereit für ihren Auftraggeber, den VVO, gewesen zu sein. Ohnehin sei der VVO bei den Verhandlungen mit Alpha Trains zugegen gewesen und immer über den Stand informiert gewesen. Der Rechtsanwalt der Städtebahn reagiert mit einem weiteren Vorwurf: Der VVO sei schon drei Schritte weiter und plane bereits eine Zukunft ohne die Städtebahn. Der Verband habe schon längst mit anderen Verkehrsbetrieben Gespräche über die Übernahme der Linie geführt. "Dies ist inakzeptabel", so der Anwalt.

In dieses Bild passe auch, dass der VVO den Mitarbeitern der Städtebahn eine Perspektive bieten wolle. Das habe ein VVO-Vertreter bei einem Telefonat eingeräumt. Der Jurist stellte klar: "Zumindest zum derzeitigen Zeitpunkt handelt es sich um Mitarbeiter der Städtebahn Sachsen GmbH über die der VVO nicht verfügen kann. Der derzeitige Aufruf ist daher nur unter dem Kontext des vorstehenden Sachverhaltes zu verstehen und rundet dieses Bild ab." Der Vorwurf, der VVO habe die Städtebahn loswerden wollen und stelle sich nun als Retter dar, steht damit im Raum. Es wird wohl nicht das letzte Kapitel der Auseinandersetzung gewesen sein.

Wann werden wieder Züge fahren?

"Ob und wann der Verkehrsbetrieb durch die Städtebahn Sachsen GmbH wieder aufgenommen wird, steht derzeit noch nicht fest." Auch Informationen über den Betrieb durch ein anderes Verkehrsunternehmen liegen noch nicht vor. Bis dahin fahren die Busse der VVO. Diese fahren am Freitag stündlich zwischen Königsbrück und Dresden-Klotzsche, zwischen Kamenz und Radeberg, zwischen Sebnitz und Pirna sowie im Müglitztal. Am Wochenende fahren sie im Zweistundentakt.

Pirnas Oberbürgermeister Klaus-Peter Hanke fasst den Konflikt so zusammen: "Es kann nicht sein, dass ein Streit zwischen zwei Bahngesellschaften auf dem Rücken der Reisenden ausgetragen wird, die auf dieses Angebot angewiesen sind. So schaffen wir es nicht, die Menschen wieder mehr für Bus und Bahn zu begeistern und unsere Straßen vom Individualverkehr zu entlasten." Es sei ein herber Rückschlag für den ländlichen Raum.

Quelle: MDR/st

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 26.07.2019 | 19:00 Uhr

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12 Kommentare

28.07.2019 20:52 Müller 12

Für die Erhaltung der Bahnstrecken sind die Bahnmeistereien zuständig. Diese sind bei der DB AG nur noch rudimentär vorhanden, da muß sich niemand über "zugewachsene" Bahnstrecken wundern. Das Handeln von Städtebahn und VVO kann man nur dilettantisch nennen.

28.07.2019 09:44 Grosser, Klaus 11

Die Onlineredaktion des MDR Sachsen sollte, anstatt nur Pressemeldungen zu zitieren, endlich einmal journalistisch tätig werden: z. B. inwieweit denn die Aussagen der Städtebahn Sachsen GmbH bzw. der Verkehrsverbund Oberelbe GmbH stimmen.

[Lieber Herr Grosser,
Pressemitteilungen der Städtebahn Sachsen haben wir verwendet - auch, da wir auf mehrere Interviewanfragen keine Antwort vom Unternehmen bekommen haben. Geführt haben wir ein Interview mit dem Sprecher der VVO. Außerdem lag uns Anwaltskorrespondenz vor. Darüber hinaus hat MDR SACHSEN in den letzten Jahren wiederholt über Probleme und Unstimmigkeiten auf den Linien der SBS berichtet – auf dieses „Hintergrundwissen“ konnten wir also zugreifen.
Viele Grüße, Ihre MDR Sachsen Online-Redaktion]

28.07.2019 09:25 Pendler Kamenz Dresden 10

Na dann freuen wir uns alle auf den "Ersatzverkehr" ab Montag 29.7. ! Mal sehen wie lange der "Schnellbus" auf der staugeplagten A4 zwischen Dresden und Kamenz unterwegs sein wird. Motto dürfte hier sein: "Ankommen zählt!" Und zwischen Radeberg und Dresden dürfte es auf der Schiene auch sehr kuschlig werden wenn die SBS-Fahrgäste sich zusätzlich in die noch verbleibenden Trilex-Züge quetschen müssen, besonders wenn diese mal wieder aus diesen oder jenen Gründen in der Hauptverkehrszeit mit nur einem Triebwagen verkehren. Kann man schon Wetten abschließen wie lange diese unwürdigen Zustände mangels Alternativen erduldet werden müssen?

27.07.2019 19:04 D. Schmidt 9

@8, Großer Klaus:

Die von Ihnen zitierte "aktuelle" Meldung von Anfang Juni steht ganz unten auf der SBS-Seite. Darüber jedoch, für jedermann lesbar, die aktuellen Störungen (=Einstellungen) des Zugverkehrs auf allen Städtebahn-Strecken.

27.07.2019 09:02 Grosser, Klaus 8

Das glaube ich nicht, als aktuellste Meldung ist doch auf der Internetseite der Städtebahn Sachsen GmbH folgendes zu lesen: “13. Juni 2019, Städtebahn fährt seit Februar zuverlässig, kein Personalmangel mehr"
Oder sollte das nicht stimmen, was Herr Thomas Sewerin sagt?

Im Übrigen die Städtebahn Sachsen GmbH erfüllt schon seit Langem ihre vertraglich, vereinbarten Leistungen nicht.
Ich erwarte einfach von der Verkehrsverbund Oberelbe GmbH, dass sie einfach ihre Arbeit macht und die Strecken der Städtebahn, vorfristig neu ausschreibt und vergibt.

26.07.2019 21:37 Ostsachse07 7

@Steffen, Nr. 3 "Die Strecken wurden in den letzten 20 Jahren grundhaft und sehr aufwändig saniert! Bei der dünnen Verkehrsbelastung ist das keine Zeitspanne."

Bei dem mangelhaften Vegetationsrückschnitt und der Grünpflege, die hier diskutiert werden, ist das ein viel zu langer Zeitraum. Haben Sie selber einen Garten? Bei dem warmen Sommerwetter der letzten Jahre sprießt die Natur aus, ohne Ende. Bäume, Büsche wachsen wie verrückt.

Sowas muss regelmäßig zurück geschnitten werden. Wenn man das nicht macht, hat man innerhalb kürzester Zeit einen Urwald stehen. Das gilt auch für Bahnanlagen. Invasive Arten wie z.B. Robinien-Bäume wachsen pro Jahr (!) um mehr als einen Meter. Die Spurweite der Eisenbahn beträgt 1,435 Meter. Wenn der Seitenstreifen nicht ausreichend gepflegt wird, kann es schnell eng werden. Von den Herbststürmen wollen wir erst gar nicht reden. Früher wurde sowas besser gepflegt.

26.07.2019 21:36 Bernd 6

Ich fahre seit Jahren auf der Strecke Dresden - Görlitz mit der Privatbahn Trilex auf den Schienen der DB. Seit drei bis vier Jahren muss man als Fahrgast bei jedem kleinen Sturm oder Schnee damit rechnen, dass umgefallene Bäume den Verkehr lahmlegen. Als DB die Strecke noch selbst bediente, war das deutlich anders. Insofern traue ich dem Argument nicht, dass Eigentumsrechte die Pflege der Böschungen verhindern. Das Interesse seitens DB scheint zu fehlen.

26.07.2019 21:18 Oli 5

Typisch für den VVO. Ich habe meine AboMonatskarte vor einem Jahr gekündigt. Davor bin ich täglich mit der Städtebahn gefahren. Das Problem ist, das die Fahrgastzahlen in den letzten 5 Jahren stark gestiegen sind, das Angebot aber nicht angepasst wurde und in ch keine Lust mehr hatte jeden Tag im Zug zu stehen. Ich hatte über Jahre immer wieder Mails an den VVO und den zuständigen Landrat Herrn Haarig geschrieben. Aber immer nur leere Versprechungen und hinhaltetaktik. Genauso mit der Buslinie 305 nach Dresden. Da müssten mal Leute das sagen bekommen die selbst mit Bus und Bahn fahren!

26.07.2019 21:03 Zollenreuter 4

Ich habe nächste Woche Urlaub und wollte schön gemütlich mit der Bahn nach Altenberg fahren. Das kann ich dann wohl vergessen. Danke VVO, DB und SBS!

So wird das nichts mit der Verkehrswende und dem Ausbau des Schienenverkehrs. Die ganze Welt redet über Klimaschutz und umweltfreundliche Verkehrsmittel. Aber hier wird der Umstieg auf die Bahn durch ein Wirrwarr von Zuständigkeiten, Behörden und konkurrierenden Verkehrsunternehmen völlig unmöglich gemacht. Das kann es doch nun wirklich nicht sein.

Dann schaut Altenberg eben in die Röhre und ich fahre woanders hin, wo der Bahnanschluss besser klappt.

26.07.2019 19:34 Steffen 3

Es liegt nicht an den Schienenwegen der DB Netz AG! Strecken wie Heidenau - Altenberg , Arnsdorf - Kamenz wurde in den letzten 20 Jahren grundhaft und sehr aufwändig saniert! Bei der dünnen Verkehrsbelastung ( vor allem so gut wie kein Güterverkehr ) ist das keine Zeitspanne.

Das es Probleme mit Sturm- und Schneebruch gibt ist bekannt... NUR die meisten der gefährdeten Bäume stehen NICHT auf Grundstücken der Deutschen Bahn!!! Die DB kann da nicht einfach fällen gehen!

Das Prozedere die Grundstückseigentümer zu ermitteln, informativ anzuschreiben.... oder Sturmschaden haftbar zu machen ist endlose Bürokratie!

An ein EVU Transportleistungen zu vergeben, das nicht einmal über eigene Betriebsmittel verfügt, ist schon eine riskannte Sache! Billig ist nicht immer gut, meistens wird draufgezahlt und wenn es die Benutzer sind! Zurück zur DB REGIO!!! Personal wird übernommen... ist so geregelt.

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