Welttag des Stotterns Wenn der Redefluss hakt - Scham und Unsicherheit auf beiden Seiten

Rund 40.000 Menschen in Sachsen stottern, bundesweit sind es rund 800.000. Ihnen fällt flüssiges Reden schwer. Die Angst, sich zu blamieren und ausgegrenzt zu werden, schwingt bei den Betroffenen jeden Tag mit. Aber auch bei den flüssig Sprechenden gibt es viele Vorurteile und Unsicherheiten. Zum Welttag des Stotterns klärt der Berater und Experte Filippo Smerilli über die Behinderung auf und sagt, warum Geduld das Allerwichstigste ist bei diesem Thema.

In Sprechblasen stehen Texte zum Stottern
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Frage: Heute ist der Welttag des Stotterns. Was wünschen Sie sich für die Betroffenen?

Ein Mann mit abrasierten haaren und schwarzem T-Shirt vor einer Ziegelwand. Er blickt freundlich in die Kamera und lächelt. Es sit der Stotterer-Experte Filippo Smerilli (50), der in Berlin in einer Beratungsstelle arbeitet und auch für Sachsen mit zuständig ist.
Filippo Smerilli hilft als Berater und selbst Betroffener anderen Menschen, die stottern. Bildrechte: privat

Fillipo Smerilli: Als Erstes wünsche ich mir, dass man sich traut, übers Stottern zu sprechen. Stotternde Menschen wollen um jeden Preis verstecken, dass sie stottern. Flüssig sprechende Menschen sprechen das Stottern nicht an aus Unsicherheit oder weil sie Mitleid haben. Der Tag bietet also beiden Seiten die Chance, das Thema von Tabus zu befreien. Wir Betroffenen fallen wenig auf, weil wir weniger sprechen. Darum kümmert man sich auch nicht um uns.

Was ist so schlimm daran, wenn jemand stottert?

Fürs Stottern erhält man in der Öffentlichkeit keine Pluspunkte. Wer nicht flüssig redet, wird belächelt, abgetan oder ausgegrenzt. Viele Betroffene ziehen sich zurück, geben sich selbst die Schuld. Sie schämen sich, weil sie denken, dass sie etwas falsch machen. Man unterstellt ihnen zu große Nervosität und Unsicherheit. Es halten sich aber noch viele andere hartnäckige Vorurteile über Stotterer.

Welche sind das?

Viele denken, stotternde Menschen hätten Probleme mit ihrer Psyche, eine schlechte Kindheit oder atmen irgendwie falsch während des Sprechens. Andere denken, sie seien zu unkonzentriert, geben sich nicht genug Mühe oder seien nicht intelligent genug. Das ist alles purer Unsinn! Stottern ist eine genetisch veranlagte Behinderung.

Fakten und Zahlen - Schätzungsweise ein Prozent der Gesamtbevölkerung stottert, also ungefähr 800.000 Menschen in der Bundesrepublik.

- Bei Kindern liegt der Prozentsatz bei etwa fünf Prozent, die zumindest zeitweise stottern. Bis zur Pubertät verliert sich bei einem Großteil von ihnen (75-80 Prozent) das Stottern wieder.

- Ursachen für die Redefluss-Störung sind mit großer Wahrscheinlichkeit erblich bedingte neurologische Faktoren. Es handelt sich um eine körperlich bedingte Sprechbehinderung.

Quelle: SPRECHRAUM Beratungsstelle des Stottern & Selbsthilfe Landesverbands Ost

Was sollten Eltern tun, die bemerken, dass ihr Kind stottert?

Im Alter zwischen drei und sechs Jahren stottern manche Kinder während des Spracherwerbs. Sobald sich Eltern ernsthaft Sorgen darüber machen, sollten sie sich von einem erfahrenen Logopäden eine Diagnose holen. Je früher Kinder eine Therapie beginnen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie das Stottern verlieren. Bei Jugendlichen und Erwachsenen kann man mit Logopädie das Stottern verändern und zusätzlich antrainierte Dinge unter Anleitung wieder abtrainieren. Aber Heilungsversprechen sind unserös.

Von welchen Problemen berichten Betroffene, die in Ihre Beratung kommen?

Informationsbroschüren liegen in der Beratungsstelle «Sprechraum», in der Beratung bei Stottern und anderen Kommunikationsbeeinträchtigungen angeboten wird
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Die meisten suchen eine gute logopädische Therapie. Die ist nicht leicht zu finden. Es gibt zwar viele Logopäden, aber nur wenige, die sich darauf spezialisiert haben. Große Probleme gibt es auch in den Schulen. Betroffene Kinder werden dort nicht so behandelt und gefördert, wie es ihrer Behinderung nach gerecht wäre. Viele Lehrer wissen zu wenig übers Stottern.

Einem Kind im Rollstuhl würde man niemals einen 100-Meter-Lauf zumuten. Stotternden Schülern wird das in den Schulen aber jeden Tag abverlangt.

Filippo Smerilli Berater

Was meinen Sie damit?

Ich habe noch keinen Fall erlebt, in dem ein Lehrer oder eine Lehrerin von sich aus einen Nachteilsausgleich für einen stotternden Schüler gewährt hat. Stottern ist eine anerkannte Schwerbehinderung. Schüler können statt mündlicher Prüfungen auch schriftlich geprüft werden. Sie müssen nicht frei vor der Klasse sprechen. Es gibt andere Formen, bei denen sie ihr erlerntes Wissen beweisen können. Aber es werden immer noch Betroffene zum Reden vor der Klasse gezwungen, ausgelacht und sozial ausgegrenzt. Da hat sich seit meiner Schulzeit vor 40 Jahren noch nicht viel getan.

Wie verhalte ich mich, wenn ich im Alltag mit einem Stotterer spreche?

Logopädin übt mit einem kleinen Mädchen.
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Gut ist, wenn Sie ganz normal sprechen. Kommt ein stotternder Mensch ins Stocken, dann halten Sie den Blick und haben Sie unbedingt Geduld, egal, wie lange es dauert. Oft sagen Zuhörer ein Wort oder eine Wortgruppe, um dem Betroffenen zu helfen. Aber der ist neben all seinen Sprechängsten und seiner Scham dann auch noch mit der Korrektur des vermeintlich Gemeinten beschäftigt. Er bekommt nur noch mehr Stress.
Jedem stotternden Menschen rate ich: So schwer es auch scheinen mag, man muss sich seiner größten Angst stellen, dann profitiert man davon. Das kann Angst vor Ausgrenzung, Blamage oder Kontollverlust sein. Am besten macht man das mit logopädischer Unterstützung.

Geduld ist tatsächlich das Allerwichtigste im Gespräch mit stotternden Menschen.

Fillipo Smerilli Berater und Betroffener

Weitere Hilfen und Tipps Bei der Beratungsstelle Sprechraum finden Betroffene aus Sachsen Hilfe und Angebote, Telefon: 030-23 25 56 69, www.sprechraum-beratung.de

Informationen hat auch Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe zusammengefasst unter: www.bvss.de

Quelle: MDR/kk

Dieses Thema im Programm von MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 22.10.2020 | 19:00 Uhr
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