Porträt Martin Hoferick
Bildrechte: MDR/Alexander Polte

Leben mit Leiden und Leidenschaft Online-Tagebuch: Unterwegs in der Pflege in Sachsen

Unter dem Motto "Raus aus der Redaktion, rein in den Pflegealltag" war MDR-Volontär Martin Hoferick eine Woche lang in Sachsen unterwegs. Über die vielen Stationen hat er in einem Online-Tagebuch berichtet. Seine Erkenntnis einer Woche Reise durch die Welt der Pflege? Es mangelt vor allem an Zeit, nicht aber an der Leidenschaft der Pflegerinnen und Pfleger.

von Martin Hoferick

Porträt Martin Hoferick
Bildrechte: MDR/Alexander Polte

Gebannt schauen wir auf einen Bildschirm. Minutenlang warte ich mit Pflegerinnen und Familienangehörigen darauf, welche Buchstaben die Frau im Rollstuhl mithilfe einer kleinen Kniebewegung auf ihrem Spezial-Computer auswählt. Dann ist die Freude vor allem bei mir riesengroß. Sie möchte sich für meinen Besuch bei ihr, ihrer Familie und ihren Pflegern bedanken.

Auf einem Computerbildschirm ist das Alphabet abgebildet
Mithilfe eines Kniestupsens und dieses Computers kann die ALS-Patientin sich langsam aber deutlich artikulieren. Bildrechte: MDR/Martin Hoferick

Es war für mich der bewegende Einstieg in eine facettenreiche Reise durch die Pflege in Sachsen. Ich war zu Gast bei einer Dame, die an der unheilbaren Nervenerkrankung ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) leidet. Durch großen technischen Aufwand und dank der permanenten Betreuung durch Pflegekräfte kann sie die ihr noch verbleibende Lebenszeit gemeinsam mit ihrer Familie im gewohnten Umfeld verbringen. Die liebevolle Mühe, mit der die Pflegerinnen versuchten, ihre Wünsche von den verstummten Lippen abzulesen, hat mich bereits am ersten Tag der Reise beeindruckt.

 Gute Pflege nur auf Kosten der Pflegekräfte?

Diese aufopferungsvolle Hingabe der Pflegekräfte zog sich wie ein roter Faden durch die Woche. Ganz gleich ob auf einer Tour mit einem ambulanten Pflegedienst in Weißwasser, der Arbeit in einem Pflegeheim für junge Menschen, oder in der Betreuung eines Mädchens mit Down-Syndrom, überall habe ich leidenschaftlich arbeitende Pflegerinnen und Pfleger getroffen. Sie alle eint, dass sie nicht nur ihren Dienst nach Vorschrift taten, sondern mit viel Herz und einer emotionalen Bindung zu den ihnen Anvertrauten ihren Beruf gerne machten. Mehraufwand, der bis an die Belastungsgrenze geht.

Ich wünsche mir mehr Zeit für die Leute, um mehr auf ihre Bedürfnisse eingehen zu können. Es ist wichtig, ein Ohr für die Menschen zu haben. Doch dafür braucht es Zeit.

Marlen Altenpflegerin aus Weißwasser

"Pflege darf sich nicht an finanziellem Gewinn orientieren"

Ihre Arbeitsbedingungen sind von überbordender Bürokratie, Überstunden und oft fehlender gesellschaftlicher und finanzieller Würdigung geprägt. Auch das zeigte sich in den Stationen meiner Reise immer wieder, genauso wie Zeitnot. Fast jede pflegerische Handlung ist bemessen und kategorisiert. Ein aufmunternder kurzer Plausch, ein zusätzlicher helfender Handgriff, all das, was Pflegekräfte und Patienten zu schätzen wissen, kommen im System der Pflege kaum vor. Die Menschen, die ich in dieser Woche erleben durfte, waren sich einig: Gute Pflege muss nach anderen Maßstäben als die des finanziellen Erlöses bemessen werden.

Ohne Empathie wird’s einsam

Denn neben ausreichend Zeit und Personal sind die zwischenmenschlichen Kriterien in der Pflege wichtig. Während der Woche in der Pflege ist mir aufgefallen, dass vor allem Empathie zählt. Wenn Pflegekräfte die zu betreuenden Menschen ernst nehmen, verstehen können, was diese bewegt, dann wird Pflege zu einem Gewinn. Auch für mich, der sich diesem Thema bislang kaum gewidmet hat.

Eher hatte ich Sorge, ich würde bei den vielen Einblicken in Pflegebedürftigkeit Scham oder gar Ekel empfinden. Doch das Einfühlungsvermögen der Pflegerinnen und Pfleger hat es mir leicht gemacht, ihren Beruf zu verstehen und zu erleben. Und diese Empathie hat mich spüren lassen, dass eines elementar ist: Ganz gleich ob die Pflege wegen des Alters, einer Behinderung oder einem Schicksalsschlag benötigt wird. Sie ist erst dann richtig gut, wenn den Menschen mit Würde begegnet wird.

Zuletzt aktualisiert: 14. Juni 2018, 15:48 Uhr

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1 Kommentar

13.03.2018 17:15 Barbara Heinrich 1

Sehr interessant und sehr gut, dass jemand mal Zeit und Mühe und Geduld aufgebracht hat, die wichtige Arbeit in der Pflege vorzustellen. Es ist trotz allem Schweren oft auch eine sehr erfüllende Arbeit. Meine Mutter ist gerade in einer Kurzzeitpflege und wird dort sehr gut betreut. Und sie fühlt sich zu unserer Überraschung ganz wohl. Das beruhigt uns Kinder sehr. Trotzdem hofft sie, bald wieder nach Hause zu kommen.

Das gesamte Tagebuch zum Nachlesen!